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26. Januar 2013, 17:39 Uhr

Meeresforschung

Mein Freund, der Hai

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Kaum ein Tier flößt uns mehr Angst ein als der Hai. Dabei geht vom Menschen eindeutig mehr Gefahr aus. Besonders die großen Haiarten gelten als akut bedroht. Naturschützer werben um Sympathien für die Räuber der Meere - mit Tracker-Systemen, mit denen man ihre Wege live verfolgen kann.

"Bieg links ab, Mary Lee!", bat am Wochenende der Blogger Lee Tolliver, doch er wurde enttäuscht: Mary Lee ließ die Bucht von Chesapeake links liegen und zog weiter. Noch aber will Tolliver, der wie Zehntausende andere Fans Mary Lees Weg entlang der Küste Amerikas verfolgt, die Hoffnung auf eine küstennahe Sichtung nicht aufgeben.

Das alles wäre nicht ungewöhnlich, wenn Mary Lee ein Wal wäre. Alle Arten der Cetacea haben ihre Fans, vom quirligen Delfin bis zum gigantischen Blauwal. Rund um die Meeressäuger ist in den letzten Jahrzehnten eine eigene Tourismussparte entstanden. Für viele Menschen ist es ein besonderes Erlebnis, Walen in der Natur zu begegnen. Dass die einst als Nutztiere fast ausgerotteten Meeresriesen Schutz brauchen, ist in den meisten Nationen und Kulturen längst Konsens.

Aber Mary Lee und ihre Artgenossen Maddox, Genie, Oprah oder Maureen sind keine Wale: Sie sind Haie, zudem von einer Art, die wir mehr fürchten als alle anderen. Dass sich jemand wünschen könnte, dass ein Weißer Hai eine Bucht besucht, damit man ihn von nahem beobachten kann, ist neu. Es ist ein Anzeichen dafür, dass es vielleicht gelingen könnte, die Einstellung zu Haien langsam zu verändern: Naturschützer bemühen sich seit langem darum. Denn für Mary Lee und Co. wird es langsam eng.

Der Hai, eine Horrorgestalt

Spätestens seit Steven Spielberg 1975 mit der Verfilmung des Peter-Benshley-Horrorschockers "Der weiße Hai" in die Liga der internationalen Top-Regisseure aufstieg, hat Carcharodon carcharias ein massives Imageproblem. Der größte Raubfisch der Welt gilt uns als die ultimative Bedrohung, als schwimmender Alptraum.

Begegnen wir ihm in seinem Element, braucht man sich über die Rangfolge in der Nahrungskette tatsächlich keine Illusionen machen. Nicht von ungefähr nennt man den Weißhai auch Menschenhai, er gehört zu den Arten, die uns gefährlich werden können.

Den Ruf, den ihm Spielberg und all die anderen, mitunter grenzdebilen Hai-Horrorfilme eingebracht haben, hat sich der große Weiße aber nicht selbst verdient. Schätzungen zufolge kommt es pro Jahr gerade einmal zu drei bis sieben Angriffen von Weißen Haien auf Menschen, und rein statistisch zu höchstens ein bis zwei Todesfällen - und zwar weltweit. Zum Vergleich: Allein durch das Gift der Würfelqualle Chironex fleckeri, die nur im Pazifik, vor Australien und Südostasiens Küsten vorkommt, sterben jährlich rund 70 Menschen.

Weit gefährlicher als umgekehrt sind wir Menschen für den Hai. Prinzipiell kommt der Weiße Hai überall in den Küstengewässern der gemäßigten Zonen vor, tatsächlich aber immer seltener: Er gilt weltweit als im Bestand bedroht. Wie Delfine verfangen sich auch Haie in den Fischernetzen und werden zum ungewollten Beifang. Vornehmlich kleinere Haiarten, prinzipiell aber alle werden legal oder illegal genutzt, um Haiflossen für die Produktion von Haifischflossensuppe zu gewinnen (siehe auch Video). Dazu kommt, dass die großen Haiarten Ziel von Sportanglern sind - analog zur Großwildjagd endet so mancher Weiße Hai präpariert als Trophäe an einer Wand.

Vorbild Whalewatching: Nähe bringt Sympathien

In den letzten Jahren bemühen sich immer mehr Naturschutzorganisationen darum, Sympathien auch für die großen Meeresräuber zu wecken. Denn Schutzmaßnahmen lassen sich leichter für Tiere erreichen, an denen Menschen interessiert sind. Vor den Küsten des südlichen Afrika gibt es da erste Erfolge: Analog zum Whalewatching entsteht dort eine Tourismusindustrie, für die gerade Weiße Haie eine Attraktion darstellen.

Zu den jüngsten Initiativen gehört das erst 2011 vom auf Natur-Formate spezialisierten Fernsehproduzenten Chris Fischer gegründete Ocearch. Die Organisation fängt Großhaie, erfasst und vermisst sie, nimmt DNA-Proben und versieht die Haie mit Satellitensendern, um ihre Wanderungen zu verfolgen. Auf bisher 15 Expeditionen gelang dieses "Taggen" bei 36 Haien.

Es ist ein Ansatz, der ernste Forschung - die Daten werden zur Verfügung gestellt - ganz bewusst mit Publikums-Appeal verbindet. Natürlich verwertet Fischer die Bilder der Expeditionen auch in seinen TV-Programmen. Die Forschung dahinter, der Punkt ist ihm wichtig, sei aber durch und durch ernst, alles werde wissenschaftlich begleitet.

Größte Popularität genießt inzwischen die Tracker-Seite von Ocearch, über die man nicht nur zahlreiche Informationen über die beobachteten Haie abrufen kann, sondern auch ihre Wege in Echtzeit verfolgen. Das schafft Ansatzpunkte für die Identifikation mit den Großfischen.

Bei Fischer selbst ist die offenbar längst gegeben. Mary Lee hat Fischer nach seiner Mutter benannt. Für Fischer ist sie "ein spezieller Hai", der beeindruckendste, den er vor der US-Küste je gesehen habe: Annähernd fünf Meter lang und über 1200 Kilogramm schwer ist Mary Lee eigentlich der Fleisch gewordene Film-Alptraum. Dass es nun Menschen gibt, die sie nicht fortwünschen, sondern ganz aus der Nähe sehen wollen, ist für Fischer der erhoffte Erfolg der Tracker-Arbeit: Ihm gehe es darum, sagt er, mit Fakten gegen die Angst zu arbeiten.

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