Orang-Utan-Auswilderung Kulturschock für die Menschenaffen

In Indonesien versucht ein Deutscher, den bedrohtesten der Menschenaffen zu retten - den Sumatra-Orang. In einem der letzten intakten Regenwaldgebiete wildert Peter Pratje Orang-Utan-Waisen aus: Für manchen Affen, der sich längst für einen Menschen hält, eine schwere Umstellung.

Von Dominik Baur


Temara gibt eine Privatvorstellung. Als zwanzig Meter unter ihr ein unbekannter Mensch erscheint, schwingt sie sich langsam von Ast zu Ast abwärts. Ein paar Meter von dem Fremden entfernt hält sie inne, mustert ihn kurz und verschwindet dann wieder in den luftigen Höhen des indonesischen Urwaldes. Der kurze Auftritt ist eine besondere Ehre für den Besucher, erklärt Peter Pratje, Projektleiter der Orang-Utan- Auswilderungsstation am Rande des Nationalparks Bukit Tigapuluh auf Sumatra. Sonst zeige sich Temara kaum.

Eigentlich, so mag der große rote Affe selbst es sehen, hat er hier auch gar nichts verloren. Denn die bald 15 Jahre alte Orang-Utan-Frau kommt aus einer völlig anderen Welt. Ihre Großeltern sind in Australien geboren, ihre Eltern ebenfalls - und auch sie selbst.

Im Zoo von Perth ist sie aufgewachsen. Hinter Gittern. In Gefangenschaft. Aber auch in Sicherheit. Hier hielten die Stangen des Klettergerüsts, was sie versprachen. Hier musste man das Futter nicht suchen, es kam zu einem. Und auch die Tiger konnten ihr in ihrem Gehege nichts anhaben. Jetzt ist alles anders.

Temara ist nun einer von schätzungsweise 7000 Orang-Utans auf Sumatra. Es mögen ein paar weniger oder mit viel Glück sogar ein paar mehr sein, aber definitiv ist der Sumatra-Orang die Menschenaffenart, deren Bestand am gefährdetsten ist. Dass es sich beim Sumatra-Orang, dem Pongo abelii, um eine eigene Art handelt, ist indes erst seit weniger als zehn Jahren in Wissenschaftlerkreisen anerkannt. Damals hatten Genetiker festgestellt, dass die Unterschiede in den Genomen von Sumatra-Orang und der einzigen anderen asiatischen Menschenaffenart, dem Borneo-Orang (Pongo pygmaeus), sogar größer sind als die zwischen Mensch und Schimpanse.

Temara ist der erste Sumatra-Orang aus einem Zoo, der zurückgekehrt ist in die Heimat seiner Ahnen. Im November 2006 öffnete Peter Pratje wenige hundert Meter von dem Baum entfernt, auf dem sie gerade sitzt, die Tür ihres Käfigs. Temara stand der Weg in die Freiheit offen.

Doch nicht immer wird im Artenschutz gut Gemeintes auch gut. Bestes Beispiel: Bukit Lawang. Das Dorf liegt am Fluss Bohorok etwa 1600 Kilometer Luftlinie von der indonesischen Hauptstadt entfernt, in der Provinz Nordsumatra. Hier kann man Orang-Utans in ihrer natürlichen Umgebung beobachten. Am Rande des Gunung-Leuser-Nationalparks, mit rund 8000 Quadratkilometern einem der größten Reservate in Indonesien, haben die Schweizerinnen Regina Frey und Monica Borner 1973 eine Auswilderungsstation für konfiszierte Haustier-Orang-Utans aufgebaut.

Ausgewildert wird hier zwar seit ein paar Jahren nicht mehr, aber immer noch können Touristen zu Dschungeltouren von ein paar Stunden oder auch mehreren Tagen aufbrechen, um sich auf die Suche nach den Menschenaffen zu machen. Und wie groß sind die Chancen, tatsächlich Orang-Utans zu Gesicht zu bekommen? "Zu 90 Prozent sehen wir welche", sagt Muhdi und grinst.

Der 26-jährige Guide wartet täglich in einer der drei Lodges in Bukit Lawang, um Touristen abzufangen. Außer für Begegnungen mit den "Waldmenschen", so die Bedeutung des malaiischen Wortes "Orang-Utan", sorgen Muhdi und seine Kollegen bei Wunsch auch für ein Nachtlager mitten im Dschungel. Trifft man nach stundenlanger Wanderung an einem kleinen Bächlein ein, ist das Zelt aufgebaut, der Tee ist fertig, und das Huhn fürs Abendessen gart über dem Feuer.

Orang-Utans in dieser Gegend zu treffen, ist in der Tat kein Kunststück. Während wilde Orang-Utans stets nur in den Baumwipfeln unterwegs und äußerst scheu sind, sind die ausgewilderten Orangs von Bukit Lawang an Menschen gewöhnt. Schon nach 20 Minuten Fußmarsch hat Muhdi den ersten Affen ausgemacht: die sechsjährige April. Muhdi kramt eine Banane aus dem Rucksack. April klettert schnell von ihrem Baum und nimmt die Frucht mit ausgestrecktem Arm entgegen.

Wir müssen nicht lange suchen, da finden wir auch nacheinander Minah, Sandra, Sepi, Jekki mit ihrem anderthalb Jahre alten Baby und Summa. Sieben Orang-Utans an einem Tag - eine stolze Ausbeute. Das Erlebnis ist freilich nicht ganz exklusiv. Die Plätze, an denen sich gerade Orang-Utans niedergelassen haben, erkennt man meist daran, dass sich bereits eine Traube von Touristen um sie herum gebildet hat. Die Fotoapparate klicken, die Kameras surren, die Menschen kichern, plauschen und rauchen. Und kommt eines der stärkeren Tiere mal einem Touristen zu nahe, ist schnell ein Guide mit einem Knüppel zur Stelle.

Ökotourismus nennt sich das, aber anders als etwa der Besuch bei den Berggorillas in Afrika ist es kein teures Vergnügen, das den oberen Zehntausend vorbehalten ist. Die Busfahrt von Medan, der größten Stadt Sumatras, nach Bukit Lawang kostet kaum mehr als einen Dollar, und für eine Handvoll Dollar bringen einen die Touristenführer in den Wald zur hautnahen Begegnung mit Orang-Utans.

Mysteriöses Affenverschwinden

Genau das ist das Problem, findet Ian Singleton, der wissenschaftliche Leiter des Orang-Utan-Schutzprojekts der Schweizer Organisation Paneco. Ökotourismus für Backpacker, das kann nicht funktionieren. Denn wenn diese Menschenmassen in den Wald strömen, werden die Orang-Utans von Bukit Lawang nie wirklich wild und unabhängig werden. Auch die Ansteckungsgefahr ist groß, weil Orang-Utans für viele menschliche Krankheiten empfänglich sind.

"Manchmal, wenn ein Orang-Utan einen Besucher beißt, verschwindet er hinterher auf mysteriöse Weise", erzählt Singleton. "Die Guides bringen diese Tiere einfach um - damit sie ihre Einkommensquelle nicht gefährden." Während Singleton in seinem Büro eine knappe Stunde lang über die Zustände in Bukit Lawang schimpft, zündet er sich eine Zigarette nach der anderen an und geht dreimal aus dem Zimmer, um mit einem großen Becher Kaffee zurückzukommen. "No coffee, no cigarettes - no orang utans", sagt der Brite.

Orang-Utans in einem Gebiet auszuwildern, in dem bereits wilde Artgenossen leben, sei ein Unding, erklärt Singleton. Schließlich fielen die Orang-Utans der Zerstörung des Waldes zum Opfer. "Wenn du einen Plastikbecher voll mit Wasser in die Hand nimmst und ihn zusammendrückst, läuft Wasser über, aber dann ist der Becher immer noch bis obenhin voll. Die Orang-Utans in ihren alten Wald auszuwildern ist, als ob man das übergelaufene Wasser auf den immer noch vollen Becher schüttet." Auswilderungen in Gebieten mit einer bestehenden Population entsprechen auch nicht den Richtlinien der Weltnaturschutzunion (IUCN) und sind in Indonesien seit 1995 verboten.

Nur durch ein kleines Fenster fällt etwas Licht auf den großen Tisch in Singletons Büro in Medan. Zwischen Bergen von Papieren und Broschüren liegen ein Schnorchel und eine Taucherbrille herum. "Fresh & Cool" steht in peppigen Farben auf einem Kühlschrank an der Wand; doch statt Softdrinks stapeln sich darin Medikamentenschachteln für die von Paneco betriebene Quarantänestation Batumbelin in der Nähe von Medan. Dort werden die konfiszierten Orang-Utans zunächst genauestens auf Krankheiten untersucht, bevor sie auf die 1100 Kilometer lange Reise nach Bukit Tigapuluh geschickt werden.

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