Streit über Populationsgröße Forscher widersprechen angeblich steigenden Orang-Utan-Zahlen

In Indonesien ist die Zahl der stark gefährdeten Orang-Utans überraschend angestiegen - so meldete es kürzlich die Regierung des Landes. Doch Forscher beobachten einen ganz anderen Trend.

Orang-Utans beim Klettern in Bäumen
HUTAN-KOCP / dpa

Orang-Utans beim Klettern in Bäumen


Es klang nach einem großartigen Erfolg im Kampf um den Erhalt bedrohter Arten: Kürzlich meldete die Regierung von Indonesien, wie stark sich die Orang-Utan-Bestände in ihrem Land erholt hätten. Um mehr als zehn Prozent sei die Population der Menschenaffen von 2015 bis 2017 gestiegen, hieß es in einem Bericht. In neun Gebieten habe sich die Population von 2015 bis 2016 sogar mehr als verdoppelt: von 1153 auf 2451 Tiere.

Doch diesem Trend haben Forscher nun widersprochen. Noch immer gingen die Bestände schnell zurück, schreiben Experten aus mehreren Ländern im Fachblatt "Current Biology".

Die Regierungsdarstellung stehe im Widerspruch zu jüngsten Forschungsergebnissen, betonen die Wissenschaftler um Maria Voigt vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Nachwuchs kommt alle sechs bis sieben Jahre

So ergab eine 2018 veröffentlichte Untersuchung, dass die Bestände auf Borneo, wo die weitaus meisten Orang-Utans leben, von 1999 bis 2015 um mehr als 100.000 Tiere gefallen seien. Dass sich Orang-Utan-Bestände binnen eines Jahres verdoppeln, sei schon biologisch unmöglich: Orang-Utans bekommen nach Angaben von Voigt im Mittel nur alle sechs bis sieben Jahre einen Nachkommen.

Generell gibt es drei Arten Orang-Utans, die alle als vom Aussterben bedroht gelten: Vom Borneo-Orang-Utan (Pongo pygmaeus) leben nach Angaben von Voigt noch 70.000 bis 100.000 Tiere, vom Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii) knapp 14.000 und vom erst im vorigen Jahr entdeckten Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis), der ebenfalls auf Sumatra beheimatet ist, noch etwa 800. Angesichts des andauernden Rückgangs der Wälder gehen die Forscher davon aus, dass die Bestände auf Sumatra bis 2020 um 11 bis 27 Prozent sinken werden.

Vom Aussterben bedroht

"Alle drei Arten von Orang-Utans sind vom Aussterben bedroht", wird Co-Autor Erik Meijaard vom Weltnaturschutzunion (IUCN) in einer Mitteilung der Zeitschrift zitiert. Demnach stützen sich die von der Regierung ausgewerteten Gebiete auf nicht einmal fünf Prozent der Orang-Utan-Lebensräume und ausschließlich auf Schutzgebiete, obwohl die meisten Menschenaffen außerhalb geschützter Zonen lebten. Die besonders seltene Tapanuli-Art werde in dem Bericht gar nicht berücksichtigt.

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Sumatra-Nashorn "Najaq" ist tot: "Najaq" ist tot

"Es ist wissenschaftlich ungerechtfertigt, Populationstrends aus diesen Arealen auf das gesamte Gebiet aller drei Arten zu übertragen", betonen die Forscher. Die von den Forschern selbst erhobenen Daten seien wesentlich zuverlässiger, sagt Voigt: "Wir haben das gesamte Verbreitungsgebiet beprobt, über eine viel größere Zeitspanne." Hauptbedrohung für die Tiere sei - neben gezielten Tötungen - das Schwinden ihres Lebensraums durch den Waldverlust. So werde derzeit im Gebiet der Tapanuli-Orang-Utans ein Staudamm gebaut.

Das Forscherteam bezweifelt auch die Behauptung der Regierung, mehrere weitere vom Aussterben bedrohte Arten hätten sich ebenfalls vermehrt - zum Beispiel das Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis). "Wir drängen die indonesische Regierung, die Methoden zur Einschätzung ihrer Schutzbemühungen zu überprüfen, da sie die aktuelle Realität falsch beschreiben."

joe/dpa



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