Aus Jantho berichtet Simone Utler
Auf Sumatra leben nur noch rund 6700 wilde Orang-Utans, die meisten von ihnen im Gunung-Leuser-Nationalpark. Seit den siebziger Jahren wurde die natürliche Lebensgrundlage der Menschenaffen sukzessive zerstört: Waldflächen wurden abgeholzt, um Plantagen für Holz, Papier oder Palmöl anzulegen. Es kommt immer häufiger zu Konflikten mit Menschen, Orang-Utans, die sich auf Plantagen oder in Dörfer verirren, werden oft gefangen und eingesperrt. Angesehene Bürger und Würdenträger halten sie gern als Haustiere, Restaurantbesitzer zeigen sie als Attraktion zum Lunch oder Dinner.
Im Auftrag des indonesischen Forstministeriums konfisziert Singletons Team illegal gehaltene Orang-Utans und bringt sie zunächst in die Quarantänestation bei Medan. Die Tiere werden auf Tuberkulose, Hepatitis und Parasiten untersucht, markiert und wenn nötig behandelt und aufgepäppelt. Dann kommen sie in Sozialisierungskäfige, um sich wieder an ihre Artgenossen zu gewöhnen.
Ein Tal, ein Fluss und jede Menge Feigenbäume
Rund 20 bis 25 Orang-Utans werden jährlich auf Sumatra konfisziert. Bis 2011 wurden sie alle im Süden der Insel ausgewildert: Dort betreibt die Frankfurter Zoologische Gesellschaft den Nationalpark Bukit Tigapuluh. Doch da mehr als die Hälfte der Tiere aus der autonomen Provinz Aceh im Norden stammen, beschloss Gouverneur Irwandi Yusuf 2009, dass Orang-Utans aus Aceh künftig auch in Aceh bleiben sollten. Eine eigene Auswilderungsstation musste her, und Ian Singleton wurde mit deren Aufbau betraut.
In einem rund 16 Hektar großen Konservationsgebiet bei Jantho fanden die SOCP-Mitglieder das ideale Gelände: Es liegt in einem Tal in der von Orang-Utans bevorzugten Höhe von unter 900 Metern und ist extrem reich an Nahrung. "Hier findet man die höchste Dichte an Feigenbäumen, die ich je gesehen habe", schwärmt Singleton. Wichtiger aber: Dort lebe keine wilde Population, die von den Neuankömmlingen gestört werden könnte.
Herzstück des Schutzgebietes ist die rund 20 mal 40 Meter große Lichtung, auf der die beiden Käfige stehen, in denen die Orang-Utans die ersten Tage vor der Auswilderung verbringen. Sie liegt unmittelbar an dem Fluss, der die Wasserzufuhr für die Station garantiert und als natürliche Grenze zu dem Camp dient, in dem die Tierschützer leben und arbeiten.
Nahrung finden und Nester bauen
Als Dennis und die drei anderen in die Käfige gelassen werden, dauert es nur wenige Minuten, bis der erste Zuschauer kommt: Orang-Utan-Weibchen Pibi schwingt sich aus dem Dschungel, hangelt sich über eine Gummileine auf einen Baum und dann auf das Dach eines Käfigs. Pibi ist einer der ersten sechs Affen, die zur Eröffnung der Station Ende März nach Jantho gebracht wurden. Sofort will sie ihr Revier abstecken und beißt das neue Weibchen im Käfig. Die Artgenossin erwischt die roten Haare der Angreiferin und zieht so kräftig daran, dass sich Pibi in Richtung Dschungel trollt.
Eine junge Frau in Gummistiefeln und Regenhose macht Notizen auf einem Klemmbrett und folgt dem Orang-Utan. Fitriah Basalamah promoviert an der Universität Bogor und erforscht das Verhalten der ausgewilderten Tiere. Um bessere Prognosen über Verlauf und Erfolg der Wiederansiedlung machen zu können, beobachtet Singletons Team die Tiere vom Verlassen des Nests am frühen Morgen bis zum Bau eines neuen Nests für die kommende Nacht.
"Wir achten vor allem darauf, wie viel sich die Tiere entgegen ihrer Natur am Boden bewegen, ob sie artgerecht Nester bauen und welche Früchte sie bereits kennen", erklärt Basalamah. Bei Pibi seien die Ergebnisse sehr gut: "Sie ist lediglich ein bis zwei Prozent der Zeit am Boden und kommt nur sehr selten zu den Käfigen."
Stationsmanager Muhklisin streift durch den Dschungel und sucht zwei Orang-Utans, von denen das Team seit Tagen keine Spur hat. "Das ist ein gutes Zeichen, aber wir wissen trotzdem gern, wo die Tiere sind", erklärt Muhklisin. Coconut und Sangir seien unmittelbar nach ihrer Auswilderung im März in den Wald gezogen, benähmen sich seither so, wie es wilde Tiere tun: Die Orang-Utans suchen nicht mehr die Nähe der Menschen, um Nahrung zu bekommen.
Eine zweite Backup-Population auf Sumatra schaffen
Da das Waldgebiet von Savanne umgeben ist und das erste Dorf rund zwölf Kilometer entfernt liegt, ist die Gefahr von Konflikten mit Menschen sehr gering. "Wir wollen auf gar keinen Fall Orang-Utans freilassen, die dann in Gärten laufen, Früchte klauen und erschossen werden", stellt Singleton klar. Vor Beginn des Projekts seien die Bewohner der umliegenden Dörfer außerdem umfangreich informiert worden.
Dennoch sorgte die Station für Unmut: Kritiker hielten es für sinnvoller, sich bei der Auswilderung von Sumatra-Orang-Utans auf den Aufbau einer überlebensfähigen Population zu konzentrieren - und zwar im bereits bestehenden Park in Jambi. Mehr als 130 Tiere wurden dort seit dem Start im Jahr 2002 für ihr neues Leben in Freiheit trainiert und in den Wald entlassen, vier Mal gab es bereits Nachwuchs.
Zwar schätzen die Tierschützer in Jantho durchaus die Erfahrungen der Kollegen in Jambi. Singletons Team aber konnte bisher auf die Urinstinkte der Tiere setzen: Während die Mitarbeiter in Jambi auch schon mal selber zum Termitennest greifen, um den Orang-Utans zu zeigen, wie sie daraus Nahrung bekommen können, hat man in Jantho die Tiere bisher ohne Training in die Wildnis entlassen. 13 Orang-Utans sind so schon angesiedelt worden, die nächsten Auswilderungen sind für Januar geplant. Rund 20 Tiere sollen im nächsten Jahr in den Park gebracht werden.
Singleton hält die zweite Station für einen Vorteil für die vom Aussterben bedrohten Sumatra-Orang-Utans: "Wenn es uns auch hier gelingt, eine überlebensfähige Population aufzubauen, hätten wir zwei Backups auf Sumatra."
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