Orang-Utans auf Sumatra Aus dem Käfig in den Dschungel

Sie liegen in Ketten, müssen hungern, werden geschlagen: Orang-Utans werden in Indonesien oft als Haustiere gehalten - obwohl sie unter Artenschutz stehen. Der Biologe Ian Singleton zieht durchs Land und befreit die gequälten Kreaturen. Aber sind sie überhaupt fit für ein Leben in der Natur?

Aus Jantho berichtet Simone Utler

Simone Utler

Er kennt und pflegt die Tiere seit Monaten, doch im entscheidenden Moment setzt Ian Singleton auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand. Als das Orang-Utan-Männchen Dennis zum ersten Mal durch die offene Käfigtür in die Freiheit klettert, sich umschaut und dann im Morgenlicht über die Lichtung läuft, sitzt der Biologe mit einem Veterinär und einem Tierpfleger rund 20 Meter entfernt unter einem Baum, neben ihnen ein zum Pusterohr umfunktionierter Besenstiel aus Aluminium und ein Koffer mit Betäubungspfeilen und Medikamenten.

"Auch wenn sie sehr freundlich und knuddelig aussehen - Orang-Utans sind wilde Tiere, die jederzeit angreifen und zubeißen können", sagt Singleton. Sechs bis sieben Jahre alt ist das Tier, schätzen die Forscher. Es ist einer von vier Orang-Utans, die nach langer Gefangenschaft wieder in die Wildnis entlassen werden. Dennis war mit zwei Artgenossen als Publikumsmagnet in einem kleinen Restaurant gehalten worden. "Gerade Tiere, die schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, sind schwer einzuschätzen", sagt Singleton.

Der Brite arbeitet für die Schweizer Umweltschutzstiftung PanEco, die sich zusammen mit ihrem indonesischen Partner YEL für den Schutz der Orang-Utans einsetzt. Im Rahmen des "Sumatran Orangutan Conservation Programme" (SOCP) leitet Singleton eine Quarantänestation im Nordosten Sumatras. Jetzt hat er ganz im Norden der Insel, in der Provinz Aceh nahe der Stadt Jantho, eine neue Auswilderungsstation aufgebaut.

Angekettet, zerbissen, ausgehungert

Um die Tiere dorthin zu bringen, muss das Team einen beschwerlichen Weg zurücklegen. Die Piste, die in das Naturschutzgebiet führt, ist völlig verwildert. Schlaglöcher und lose Steine, tiefe Furchen und Wasserläufe müssen überwunden werden. An einem Hang bekommt der gelbe Geländewagen Schieflage, die Insassen müssen aussteigen. "Die Strecke macht eigentlich richtig Spaß - wenn wir ohne Tiere unterwegs sind", sagt Singleton und kraxelt hinter dem Jeep den Hügel hinauf.

Auf der Ladefläche stehen vier Metallcontainer, die auf einer Seite mit Stangen versehen und innen mit Stroh ausgelegt sind. Darin sitzen Dennis und drei weitere Orang-Utans, die in den nächsten Tagen und Wochen in die Wildnis entlassen werden sollen. Ihnen macht die beschwerliche Reise offenbar nicht viel aus. "Orang-Utans sind sehr gut darin, sich einfach auf sich zu besinnen", sagt Singleton, der seit 23 Jahren mit Menschenaffen arbeitet. Die Tiere auf dem Jeep wirken gelassen, dabei hat jedes von ihnen ein Martyrium durchlebt.

Die Fotos, die Singleton später im Camp auf seinem Laptop zeigt, sind erschütternd. Ein Orang-Utan steckt in einem engen rostigen Käfig, einem anderen schnürt eine Metallkette den Hals ein. Ein Tier ist von Hundebissen entstellt, ein weiteres wurde von 63 Luftgewehrpatronen getroffen. "Und das sind die Tiere, die Glück hatten", sagt Singleton. "Die Mehrheit stirbt."

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insgesamt 9 Beiträge
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Magnolie5 18.12.2011
1. Orang Utans
Eine Aufzuchtstation habe ich auf Borneo, Malaysia besicht. Dort ereilt die Tiere das gleiche Schicksal. (Nur gibt es auf Borneo kenne Tiger, die den Bestand der Tiere zusaetzlich bedrohen). Etwas hat mir auf Borneo sehr gut gefallen: Ca. 500 m von der Aufzuchtstation im Dschungel entfernt, gibt es eine Fuetterungsplattform. Vormittags und nachmittags werden dort Bananen gefuettert (nur Bananen, wenn es abwechslungsreichere Affenkost gaebe, wuerden sie aus reiner Bequemlichkeit kein Futter im Wald suchen). Besucher konnen sich das gegen Eintritt ansehen. Anfassen der Tiere ist strengstens verboten. Viele juengere Tiere waren dabei - Waisen, die aufgepaeppelt wurden- aber auch erwachsene Tiere. Laut Berichten der Tierhelfer, werden die Tiere manchmal Monate nicht gesehen und dann tauchen sie ploetzlich doch wieder auf.
hinifoto 18.12.2011
2. Die Situation ist dramatisch
Für die Tiere und für die Menschen. Immer häufiger werden in Indonesien Menschen und Tiere vertrieben um Platz zu machen für Forst Raubbau und lukrative Palmölplantagen. "Unser" Bedarf an Bratfett, Magarine, Kosmetika oder "Bio-" Kraftstoffe wird dort auf Kosten von Natur und Menschenrechten gedeckt. Beteiligt an dem Geschäft sind auch deutsche Lebensmittel Grosskonzerne. Palmöl Monokulturplantagen mit einer Länge von bis zu 100 Kilometer werden dort von den Unternehmen in den Urwald geschlagen. Auf Flächen wo noch vor wenigen Jahren dichter Urwald mit Tigern, Krokodilen, Lianen, Elefanten und indigenen Menschen war. In dieser Situation können Auswilderungsstationen leider kaum einen Beitrag zur Besserung der Situation leisten. Die Auswilderung ist teuer, aufwändig und der Nutzen liegt hauptsächlich in der Arbeitsplatzbeschaffung für arbeitslose Zoologen, Biologie Praktikanten, einiger einheimischer Hilfskräfte sowie der Beruhigung unseres Gewissens. In den meisten Fällen besteht in der Natur ein Gleichgewicht zwischen den in einem bestimmten Gebiet lebenden Lebewesen. Meist leben im Wald so viele Orang Utans wie der Wald auch ernähren kann. Wenn zusätzliche Tiere eingebracht werden, müssen diese meist zusätzlich gefüttert werden, wie das in den meisten Nationalparks auch geschieht. Auswilderungsstationen können so kaum zu einer Lösung des Problems beitragen. Helfen kann nur ein Ende des weiteren Raubbaus an den natürlichen Lebensgrundlagen. Doch danach sieht es nicht aus. Nachdem Sumatra und Kalimantan schon fast vollständig ausgebeutet wurden, ist als nächstes West Papua dran. Und Pläne der indonesischen Regierung sehen eine Verdopplung der Palmöl Produktion in den nächsten Jahren vor. Es sind nicht nur die liebenswerten und vom Aussterben bedrohten Orang Utans die dieser Politik zum Opfer fallen werden. Es gibt tausende von teils blutigen Landkonflikten zwischen den Konzernen und einer Landbevölkerung die ihre Lebensgrundlage verliert. Traditionelles Handwerk welches auf Grund fehlender Rohstoffe aus den Wäldern keine Zukunft hat. Und ein sozialer Frieden der schwer gefährdet ist: Immer wieder kommt es zu bewaffneten Aufständen weil sich die Menschen auf den entlegenen Inseln Indonesiens von der Zentralregierung in Jakarta unterdrückt und verkauft fühlen.
gernot999 18.12.2011
3. Die Grünen sind die wahren Täter!
Schuld am Elend der Tiere sind nicht in erster Linie die Einheimischen, die Orang Utans gefangen halten, sondern der westliche und vor allem der deutsche Klimawahn. Biosprit soll angeblich den Planeten retten und wir stiften die Indonesier an, die Tropenwälder dafür abzuholzen und systematisch durch Palmölplantagen zu ersetzen, die den Tieren ihren Lebensraum wegnehmen.
taxidriver 18.12.2011
4. Ja es ist sehr dramatisch
Zitat von hinifotoFür die Tiere und für die Menschen. Immer häufiger werden in Indonesien Menschen und Tiere vertrieben um Platz zu machen für Forst Raubbau und lukrative Palmölplantagen. "Unser" Bedarf an Bratfett, Magarine, Kosmetika oder "Bio-" Kraftstoffe wird dort auf Kosten von Natur und Menschenrechten gedeckt. Beteiligt an dem Geschäft sind auch deutsche Lebensmittel Grosskonzerne. Palmöl Monokulturplantagen mit einer Länge von bis zu 100 Kilometer werden dort von den Unternehmen in den Urwald geschlagen. Auf Flächen wo noch vor wenigen Jahren dichter Urwald mit Tigern, Krokodilen, Lianen, Elefanten und indigenen Menschen war. In dieser Situation können Auswilderungsstationen leider kaum einen Beitrag zur Besserung der Situation leisten. Die Auswilderung ist teuer, aufwändig und der Nutzen liegt hauptsächlich in der Arbeitsplatzbeschaffung für arbeitslose Zoologen, Biologie Praktikanten, einiger einheimischer Hilfskräfte sowie der Beruhigung unseres Gewissens. In den meisten Fällen besteht in der Natur ein Gleichgewicht zwischen den in einem bestimmten Gebiet lebenden Lebewesen. Meist leben im Wald so viele Orang Utans wie der Wald auch ernähren kann. Wenn zusätzliche Tiere eingebracht werden, müssen diese meist zusätzlich gefüttert werden, wie das in den meisten Nationalparks auch geschieht. Auswilderungsstationen können so kaum zu einer Lösung des Problems beitragen. Helfen kann nur ein Ende des weiteren Raubbaus an den natürlichen Lebensgrundlagen. Doch danach sieht es nicht aus. Nachdem Sumatra und Kalimantan schon fast vollständig ausgebeutet wurden, ist als nächstes West Papua dran. Und Pläne der indonesischen Regierung sehen eine Verdopplung der Palmöl Produktion in den nächsten Jahren vor. Es sind nicht nur die liebenswerten und vom Aussterben bedrohten Orang Utans die dieser Politik zum Opfer fallen werden. Es gibt tausende von teils blutigen Landkonflikten zwischen den Konzernen und einer Landbevölkerung die ihre Lebensgrundlage verliert. Traditionelles Handwerk welches auf Grund fehlender Rohstoffe aus den Wäldern keine Zukunft hat. Und ein sozialer Frieden der schwer gefährdet ist: Immer wieder kommt es zu bewaffneten Aufständen weil sich die Menschen auf den entlegenen Inseln Indonesiens von der Zentralregierung in Jakarta unterdrückt und verkauft fühlen.
Ja, so ist es. Ich war früher auch auf Sumatra und habe insgesamt viel Zeit in Nordaustralien verbracht. Wenn man dort seine Zeit abseits der Zivilisation verbringt und die Geräusche der Tiere, die Flughunde vorm Mond, usw. also diese ganze Atmosphäre der tropischen Natur wirklich erlebt und verstanden hat, dann erkennt man auch dass das was da zerstört wird unerklärbar mehr wert ist als alles Geld - und dass alle gewonnenen Produkte der modernen Zivilisation einfach nur Flammen der Zerstörung sind. Ich fürchte allerdings, dass der Point of no Return bereits weit überschritten ist. Es gibt nicht mehr viele Menschen die sich in dieser Endphase für soetwas interessieren.
taxidriver 18.12.2011
5. Zumindest ein gesetztes Zeichen
Zitat von sysopSie liegen in Ketten, müssen hungern, werden geschlagen: Orang-Utans werden in Indonesien oft als Haustiere gehalten - obwohl sie unter Artenschutz stehen. Der Biologe Ian Singleton zieht durchs Land und befreit die gequälten Kreaturen. Aber sind sie überhaupt fit für einen Leben in der Natur? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,801373,00.html
Wie auch immer die Auswilderungsprogramme funktionieren - dass es Menschen gibt die ihre Kraft einsetzen diesen brutal eingekerkerten Tieren zu helfen, ist wenigstens eine gesetztes Zeichen dafür, dass die Menschheit in ihrer Endphase nicht zu einer völligen Monstergesellschaft verkommen war.
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