Ameisen: Erst Kindergärtnerin, dann Putzfrau

Von

Stationen eines Ameisenlebens: Pflegen, putzen, sammeln Fotos
Joël Meunier

Lauter Arbeiterinnen, kein Management: Ameisen-Kolonien scheinen perfekt organisiert, obwohl jedes Insekt selbständig seine Aufgaben sucht und erfüllt. Ein Organisationsmerkmal haben Forscher nun aufgedeckt. Demnach macht jedes Tier Karriereschritte, wenn es älter wird.

Die Monarchin regiert nicht, sie ist mit der Fortpflanzung beschäftigt. Stattdessen organisieren sich die vielen Arbeiterinnen einer Ameisenkolonie selbst. Und obwohl sie eine Fülle verschiedener Aufgaben zu erfüllen haben - von der Brutpflege über Schutz und Putz des Nestes bis hin zum Sammeln von Vorräten -, scheint das reibungslos zu klappen. Wie machen die Tiere das?

Einen Hinweis auf die Organisationsstruktur der Insekten haben Forscher nun aufgedeckt: Es hängt vom Alter der Ameise ab, welcher Aufgabe sie sich annimmt. Wie Danielle Mersch von der Universität Lausanne (Schweiz) und ihre Kollegen im Fachmagazin "Science" berichten, gibt es in Kolonien der Ameisenart Camponotus fellah drei Gruppen von Arbeiterinnen, die sich klar voneinander unterscheiden. Zum einen sind das die Tiere, die sich um die Brut kümmern und den engsten Kontakt zur Königin haben. Zum anderen gibt es die Sammlerinnen, die am häufigsten den Bau verlassen. Eine dritte Gruppe kümmert sich darum, Abfälle aus dem Nest zu entfernen, und scheint zusätzlich eine Art Patrouillendienst zu leisten.

Die typische Laufbahn einer Ameise erstreckt sich von der Brutpflege übers Putzen hin zum Sammeln, stellten die Forscher fest. Gelungen ist die Erkenntnis durch eine große Fleißarbeit. In sechs Kolonien markierte das Team jede einzelne Ameise, um deren Bewegungen nachzuverfolgen - pro Kolonie waren das 122 bis 192 Tiere. Die neugeborenen Tierchen bekamen zuerst einen Farbklecks auf den Hinterleib, wobei die Forscher jede Woche eine andere Farbe nahmen - das machten sie mehr als 60 Wochen lang.

Beinchen in Knete

Eine Ameise später individuell zu markieren, dauerte knapp zwei Minuten, erklärt Danielle Mersch. Das Kennzeichnen erledigte sie in einem etwa sieben Grad kühlen Raum, bei der Temperatur werden die Tiere etwas langsamer. Dort fixierte sie nach und nach die Beinchen jeder Ameise kurz in Knete und pappte ihr mit einem Tröpfchen Kleber ein kleines, bedrucktes Papierstückchen auf den Rücken.

Manche Ameisen versuchten zwar, die Markierungen von ihrem Rücken zu entfernen, schreibt Mersch in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Die meisten ignorierten sie aber. Sie waren mehr damit beschäftigt, die Knetereste an ihren Beinen loszuwerden. "Überraschenderweise - und glücklicherweise - versuchten die Ameisen nie, die Markierungen von ihren Schwestern oder der Königin zu entfernen."

Durch die Kennzeichnung konnten die Forscher das Alter jeder Arbeiterin, ihre Bewegungen sowie ihre Kontakte zu anderen Koloniemitgliedern nachvollziehen. 41 Tage lang zeichneten sie Ameisenkarrieren auf. Die Auswertung zeigte, dass es durchaus Variationen gab - manche Ameise kümmerte sich noch um den Nachwuchs, während ihre Altersgenossinnen längst in die Putzkolonne gewechselt waren. Und einige Tiere wanderten schon in recht jungem Alter mit den Sammlerinnen hinaus. Die Reihenfolge war jedoch immer die gleiche.

Die Forscher vermuten, dass mit dem Alter eintretende Veränderungen beeinflussen, welchen Tätigkeiten sich die einzelne Ameise zuwendet. Die Größe der Tiere spielte dabei übrigens keine Rolle, obwohl die Arbeiterinnen dieser Spezies zwischen 6 und 16 Millimeter groß sein können, sich also deutlich unterscheiden.

Wahrscheinlich gibt es auch in anderen Ameisenkolonien die Altersregelung. Bei Bienen jedenfalls ist dieses System schon bekannt.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Nicht überraschend
ediart 19.04.2013
Kollektive Intelligenz baut auf Erfahrung des Individuums.
2. was für ein faszinierender job...
hsenzel 19.04.2013
...den ganzen tag kleine zettelchen auf ameisenhintern zu kleben
3.
bigteddy 19.04.2013
Zitat von ediartKollektive Intelligenz baut auf Erfahrung des Individuums.
Da hätten die Jungs und Mädels sich die ganze Arbeit sparen können, wenn sie vorher nur ediart gefragt hätten. Wahnsinn.
4. wie süß!!
mariakäfer 19.04.2013
wer hat soviel Geduld?
5. Wuerde mich freuen
blob123y 19.04.2013
wenn die mal sowas beim Menschen einfuehren erster Kandidat waehre Thailand, das Chaos dort ist nicht organisierbar.
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