Aus Mukran und Rostock berichtet Christoph Seidler
Lissek beschreibt, wie riesige Verlegeschiffe schon bald die geschweißten Leitungen zum Grund der Ostsee herablassen. In diesem Jahr soll der erste Strang verlegt werden, im kommenden Jahr dann der zweite. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Dort wo die Pipeline ans Land kommt - also bei Wyborg in Russland und im deutschen Lubmin (siehe Kasten links) - werden beide Stränge zugleich verlegt. So soll die Umweltbelastung möglichst minimiert werden.
Trotzdem bleibt ein Problem: In Küstennähe wird die Pipeline metertief eingegraben. Sonst würde sie im schlechtesten Fall an den Ankerpunkten am Land abreißen, wenn sich die Leitung am Grund der Ostsee hin- und herbewegt.
Das Eingraben ist freilich nicht ohne Probleme - unter anderem für den Hering. Die Fische legen ihre Eier auf Pflanzen im flachen Boddenwasser ab. Nach zwei Wochen entwickeln sich daraus die Laiche. Die Bauarbeiten könnten aber große Mengen Sediment aufwirbeln. Und wenn die sich auf den Laich legen, drohen die Larven zu wenig Sauerstoff zu bekommen - und damit zu ersticken. Sicher weiß das niemand, doch die Forscher mahnen zur Vorsicht: "Wir sind aus wissenschaftlicher Sicht dagegen, dass ab 15. Mai gebaut wird. Er wäre besser, wenn man erst ab Juni oder Juli bauen würde", sagt der Rostocker Heringsexperte von Dorrien.
Derzeit ist der Greifswalder Bodden noch dick mit Eis bedeckt. Wegen des harten Winters könnte sich die Laichsaison der Heringe deswegen in diesem Jahr nach hinten verschieben. Dann würden die Bauarbeiten in der Hochphase der Reproduktion beginnen.
Wenn sie denn überhaupt beginnen dürfen.
Zwar haben die Pipelinebauer längst alle nötigen Genehmigungen der betroffenen Ostseestaaten, doch liegt beim Oberverwaltungsgericht in Greifswald derzeit eine Klage der Umweltschutzorganisationen WWF und BUND zur Entscheidung. Der Planfeststellungsbeschluss für die Rohrleitung sehe zu wenige Kompensationsmaßnahmen für die Umweltzerstörungen in der Boddenlandschaft vor, monieren die Umweltschützer.
Nur 40 Prozent der Umwelteingriffe werden kompensiert
Mit dem Bagger-Sediment würden große Mengen Stickstoff und Phosphor aus Düngemittelrückständen vom Meeresgrund aufgewirbelt. Dem Ökosystem Ostsee drohe dadurch große Gefahr, zumal das Nord-Stream-Konsortium gerade einmal 40 Prozent der Eingriffe kompensieren würde. Firmensprecher Lissek bestätigt diese Zahl - und verweist darauf, dass das Unternehmen außerdem Ausgleichszahlungen von 3,6 Millionen Euro leiste. Genauso wie im Planfeststellungsbeschluss gefordert.
Den Umweltschützern ist diese Summe jedoch zu niedrig. Sie kritisieren auch, dass das Riff an der Schwelle zwischen Greifswalder Bodden und der Ostsee teilweise abgebaggert werden muss. So soll eine Schneise geschlagen werden, durch die die Verlegeschiffe fahren können. Der abgetragene Meeresboden soll vor Usedom wieder versenkt werden.
Wann die Richter entscheiden, lässt sich in Greifswald derzeit nicht herausfinden. Doch es wird bald sein müssen, schließlich steht der geplante Baustart unmittelbar bevor. Sollten die Richter den Argumenten der Umweltschützer folgen, könnte sich das ändern.
Wenn dann Ende des Jahres der Hering zum Laichen wiederkommt, wären die Arbeiten im Bodden möglicherweise noch nicht abgeschlossen. Von Anfang 2011 bis Mitte Mai müsste dann wieder Ruhe herrschen. Bei Nord Stream sieht man diese Gefahr aber nicht. "Wir werden fertig", gibt sich Firmensprecher Lissek sicher.
Schon Ende des Monats will das Pipelinekonsortium die ersten Rohre versenken. In der Nordsee und nur zur Probe.
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