Ostseepipeline: Riesenrohre im Rollmops-Revier

Aus Mukran und Rostock berichtet Christoph Seidler

Die Vorbereitung läuft mit der Wucht einer ungeheuren Maschine: Bald soll die Ostseepipeline im Greifswalder Bodden verlegt werden. Das aber könnte das Laichen der Heringe bedrohen. Wissenschaftler plädieren für einen Aufschub, Umweltschützer ziehen wegen der Belastung der Ökosysteme vor Gericht.

Foto: vTI

Wie Sojasprossen liegen die drei Fischlarven im weißen Licht der Stereolupe, konserviert in Formol. Sie gehören zum frühjahrslaichenden Hering der westlichen Ostsee - manchem sicher besser bekannt in seiner Erscheinungsform als Rollmops im Glas. Matjesbrötchen werden nämlich meist mit norwegischem Fisch bestückt. Doch von dem einen wie dem anderen Schicksal sind diese Tiere hier weit entfernt. Eine Messskala verrät, dass sie gerade einmal zehn Millimeter lang waren, als sie vor rund einem Jahr ins engmaschige Netz gingen.

"Hier kann man schon Kopf, Augen und Flossenstrahlen sehen", sagt Christian von Dorrien. Der Fischereibiologe arbeitet am Von-Thünen-Institut für Ostseefischerei im alten Hafen von Rostock. Und während vor dem Fenster des Labors das Wasser der Unterwarnow plätschert, verzeichnet seine Kollegin Dagmar Stephan auf Strichlisten, wie groß die Fischlarven sind.

Die Arbeit ist langwierig und ermüdend. Doch Dorrien und seine Kollegen nutzen die langen Strichlisten für wichtige Vorhersagen: Wann können sich die Fischer auf eine gute Heringsaison einstellen? Und wann bleiben die Netze leer? Rund 80 Prozent eines Heringjahrgangs beginnen ihr Leben im Greifswalder Bodden. Von dort wandern die Tiere in die Nordsee, manche sogar bis zur norwegischen Küste, um dort zu fressen - und um später wieder zurückzukommen. Manche Heringe können bis zu 30 Jahre alt werden.

Seit 1977 fahren die Rostocker Wissenschaftler an bis zu 16 Wochen im Jahr mit ihrem kleinen Kutter "Clupea" auf den Bodden hinaus. Dort nehmen sie Proben für die Heringvorhersage. Die letzten Befunde, sagt von Dorrien, waren wenig erbaulich: "Wir wissen, dass der Hering derzeit eine schwere Phase durchmacht", sagt der Forscher - und dass niemand genau weiß, warum die vergangenen Laichjahrgänge eigentlich so schlecht waren. Dass es auch daran liegen könnte, dass der Klimawandel das Wasser der Ostsee erwärmt, ist noch nicht zweifelsfrei belegt.

45.000 Rohre für die Pipeline liegen auf dem Lagerplatz

Dieses Jahr droht der Fisch-Kinderstube in jedem Fall eine weitere Störung: In metertiefen Gräben sollen die Rohre der Ostseepipeline im Bodden versenkt werden. Genau genommen ist der Hering sogar Schuld daran, dass das Mammutprojekt noch nicht begonnen hat. Denn eigentlich könnte der Bau jederzeit starten. Im Greifswalder Bodden darf aber erst ab Mitte Mai gebaggert werden, der jungen Fische wegen. "Wir haben uns verpflichtet, dieses Zeitfenster einzuhalten, wegen der Laichsaison des Herings ", sagt Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek.


Bis dahin laufen die Vorbereitungsarbeiten mit der Wucht einer ungeheuren Maschine. Nirgendwo lässt sich das besser erleben als am Fährhafen Sassnitz im Nordosten von Rügen: Der Wind pfeift arktisch, Sattelzüge ächzen über matschige Wege, von den vielen Zweckbauten aus DDR-Zeiten stehen einige leer. Unter einer riesigen Krananlage stehen Heerscharen ausgemusterten Loks, deren roter Anstrich langsam verblasst. Und überall Röhren - außen schwarz, innen rot.

Auf mehreren Lagerplätzen sind am Rand des Fährhafens insgesamt 45.000 Segmente der Pipeline gestapelt, jedes um die zwölf Meter lang. Das sind 550 Kilometer des Riesenrohres. Seit dem Frühjahr 2009 werden die Segmente nach und nach mit Beton ummantelt, in einem speziell dafür gebauten Werk der französischen Firma Eupec. Die Umhüllung sorgt dafür, dass sich das Gewicht jeder Röhre auf rund 24 Tonnen verdoppelt - damit die Pipeline nicht vom Grund der Ostsee nach oben schwebt. Schließlich soll durch sie mindestens 50 Jahre lang russisches Gas störungsfrei nach Europa strömen.

Beton fliegt 190 Kilometer pro Stunde schnell

Pro Tag werden 200 Rohre mit dem dicken Betonüberzug versehen. Im Eupec-Werk, einem Flachbau mit rotem Dach, geht es zu wie in Willy Wonkas Schokoladenfabrik. Die schweren Rohre gleiten recht leise über Förderbänder, werden mit einem Drahtkäfig versehen. Dann saust mit rund 190 Kilometern in der Stunde Beton auf die Röhren nieder. Alles mehr oder weniger automatisch. Anschließend werden die Schwergewichte 24 Stunden lang getrocknet, in der größten Sauna Mecklenburg-Vorpommerns, wie man hier witzelt.

Und ständig werden weitere Rohre per Bahn angeliefert. Manchmal kommt ein Zug pro Tag, manchmal zwei. Ein roter Kran entlädt die Waggons, stapelt die Rohre zu imposanten Haufen oder belädt die Sattelzüge direkt. Die fahren dann zur Betonummantelung oder liefern die Rohre an den Kai, wo Abend für Abend ein Schiff beladen wird, das Röhren zu einem weiteren Lagerplatz im schwedischen Slite bringt. Eine logistische Meisterleistung, zumal die Pipelinebauer ständig sagen können, wo sich gerade welches gigantische Bauteil auf dem Gelände befindet. "Jedes Rohr ist einzeln identifizierbar", sagt Nord-Stream-Mann Lissek stolz.

Der Kommunikationsprofi hat früher für die Telekom und den Handelskonzern Rewe gearbeitet. Jetzt spricht er für das Pipelinekonsortium, dessen Aufsichtsrat von Ex-Kanzler Gerhard Schröder geführt wird - und hat klare Botschaften: Die Vorbereitungsarbeiten gehen gut voran, um den Umweltschutz muss sich niemand Sorgen machen. Kurzum: Alles läuft nach Plan.

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insgesamt 8 Beiträge
guertelr 12.03.2010
... was unsere werten Umweltschützer machen, wenn ihre Heizung aufgrund von Gasmangel bei solchen Temperaturen wie wir sie in Moment haben einfach mal kalt bleibt oder sie einen Großteil ihres *hart* erarbeiteten Geldes für [...]
... was unsere werten Umweltschützer machen, wenn ihre Heizung aufgrund von Gasmangel bei solchen Temperaturen wie wir sie in Moment haben einfach mal kalt bleibt oder sie einen Großteil ihres *hart* erarbeiteten Geldes für Energiekosten aufwenden müssen, wenn solche Projekte wie diese Pipeline nicht durchgezogen wird... ... warscheinlich gegen die Bundesregierung klagen, weil man das ja hätte kommen sehen können und nichts gemacht hat...
idealist100 12.03.2010
Die lieben Fischlein leichen neben und unter den Rohren, da können Sie nicht gefangen werden und vermehren sich prächtig. Wenn dann das Netz kommt verstecken sich die Bösen auch noch darunter wie z.B. in den versunkenen [...]
Zitat von sysopDie Vorbereitung läuft mit der Wucht einer ungeheuren Maschine: Bald soll die Ostseepipeline im Greifswalder Bodden verlegt werden. Das aber könnte das Laichen der Heringe bedrohen. Wissenschaftler plädieren für einen Aufschub, Umweltschützer ziehen wegen der Belastung der Ökosysteme vor Gericht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,682039,00.html
Die lieben Fischlein leichen neben und unter den Rohren, da können Sie nicht gefangen werden und vermehren sich prächtig. Wenn dann das Netz kommt verstecken sich die Bösen auch noch darunter wie z.B. in den versunkenen Schiffwracks.
maipiu 12.03.2010
Deine Tage sind wohl gezählt. Mir ist es nicht egal obwohl ich mit Gas heize. Lieber würde ich ein wenig frieren als auf die unterschiedlichsten Heringsspezialitäten zu verzichten. Aber diese Frage stellt sich ja gar nicht. [...]
Deine Tage sind wohl gezählt. Mir ist es nicht egal obwohl ich mit Gas heize. Lieber würde ich ein wenig frieren als auf die unterschiedlichsten Heringsspezialitäten zu verzichten. Aber diese Frage stellt sich ja gar nicht. Würde man etwas Rücksicht nehmen auf die Viecher, dann könnte man beides haben. Aber MV (was nicht Mayer-Vorfelder heißt) ist ein Bundesland mit extrem wenig Arbeitsplätzen. Darum wird das Projekt durchgezogen, auch wenn diese Arbeitsplätze sich dann wieder selbst vernichten und überwiegend Wessi-Firmen dran verdienen. Wenn die Ossis in MV dann wieder arbeitslos sind, die Umwelt versaut ist und die Enkel fragen: "Opi, was ist denn ein Hering", dann kann der wahrscheinlich noch nicht mal sagen ob es an der Pipeline lag, dass es den nicht mehr gibt oder an dem Endlager für Atommüll. Schade um diese ungeheuer schöne Gegend!
tommm 14.03.2010
... 6, setzen! Wenn Sie den Artikel gelesen UND VERSTANDEN hätten müsste doch durchgedrungen sein dass nicht die Existenz einer Pipeline den Laicherfolg bedroht sondern die Verlegearbeiten.
Zitat von idealist100Die lieben Fischlein leichen neben und unter den Rohren, da können Sie nicht gefangen werden und vermehren sich prächtig. Wenn dann das Netz kommt verstecken sich die Bösen auch noch darunter wie z.B. in den versunkenen Schiffwracks.
... 6, setzen! Wenn Sie den Artikel gelesen UND VERSTANDEN hätten müsste doch durchgedrungen sein dass nicht die Existenz einer Pipeline den Laicherfolg bedroht sondern die Verlegearbeiten.
Celegorm 14.03.2010
Solche fiktiven Entweder-oder-Situationen sind letztlich argumentative Nötigung und damit so unlauter wie sinnlos. Die Gesamtenergieversorung Deutschlands hängt schliesslich nicht von dieser Pipeline ab und erst recht nicht von [...]
Zitat von guertelr... was unsere werten Umweltschützer machen, wenn ihre Heizung aufgrund von Gasmangel bei solchen Temperaturen wie wir sie in Moment haben einfach mal kalt bleibt oder sie einen Großteil ihres *hart* erarbeiteten Geldes für Energiekosten aufwenden müssen, wenn solche Projekte wie diese Pipeline nicht durchgezogen wird...
Solche fiktiven Entweder-oder-Situationen sind letztlich argumentative Nötigung und damit so unlauter wie sinnlos. Die Gesamtenergieversorung Deutschlands hängt schliesslich nicht von dieser Pipeline ab und erst recht nicht von deren spezifischen Verlaufs. Ausserdem sind steigende Energiekosten eine normale Entwicklung und letztlich auch ökonomisch wünschenswert, was aber logischerweise nicht bedeutet, dass dafür letztlich mehr ausgegeben wird, da in die Gleichung natürlich auch die Marktreaktion gehört. Im übrigen, auch der betroffene Heringbestand hat einen Nutz- wie auch Existenzwert, der an der Stelle nicht einfach negiert werden kann. Eine solche erneuerbare Ressource für temporäre Projekte zu opfern erscheint deshalb ziemlich ignorant.
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  • Freitag, 12.03.2010 – 11:15 Uhr
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Megaprojekt in der Ostsee
Zwei Leitungen sollen Erdgas am Boden der Ostsee vom russischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald in Deutschland bringen. Der Abstand zwischen beiden Strängen soll bei etwa 100 Metern liegen, zum Teil sind es aber auch beinahe doppelt so viel. Die Leitung wird rund 1224 Kilometer lang und führt durch finnische, schwedische, dänische und deutsche Gewässer. Der Anteil im deutschen Bereich der Ostsee liegt bei 81 Kilometern.






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