Klimawandel Ozeane erwärmen sich deutlich schneller als befürchtet

Es ist ein weiterer Beleg für den Klimawandel: Die Ozeane heizen sich immer schneller auf. Neue Daten zeigen, wie sehr sich Forscher in der Vergangenheit geirrt haben.

Temperaturanstieg der Ozeane seit 1960 (Stand 2016)
IAP/ CAS

Temperaturanstieg der Ozeane seit 1960 (Stand 2016)


In ihren obersten drei Metern halten die Ozeane so viel Wärme wie die gesamte Lufthülle der Erde. Auch bei der Erderwärmung dienen sie als Speichermedium. Mehr als 90 Prozent der Extrawärme verschwindet in den Ozeanen. Nur ein kleiner Teil lässt Gletscher schmelzen, Eisberge schwinden und wärmt die Luft.

Entsprechend viel verrät die Meerestemperatur über den Klimawandel - eigentlich. Doch aus der Vergangenheit existieren kaum zuverlässigen Daten über die Wassertemperaturen. Während heute Tausende Bojen jede Regung überwachen und an Satelliten funken, existieren bis 2002 nur vereinzelt Daten. Das macht die Rekonstruktion der Meerestemperaturen äußerst kompliziert - und hat zu einem Grundsatzstreit von Forschern geführt.

1992 fast doppelt so schnell wie noch 1960

Lange sprachen Forscher von der "fehlenden Wärme", der "missing heat". 2013 deutete sogar der Weltklimabericht an, dass sich die Ozeane nur noch langsam erwärmen. Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass sich die Forscher von ihren Messergebnissen hatten täuschen lassen. Jetzt zeigt eine aktuelle Studie, wie sehr Forscher die Geschwindigkeit der Meereserwärmung tatsächlich unterschätzt haben.

Der Untersuchung zufolge erwärmen sich die Ozeane rund 13 Prozent schneller als bisher gedacht. Hinzu kommt, dass sich der Prozess immer weiter beschleunigt. 1992 heizten sich die Ozeane bereits nahezu doppelt so schnell auf wie noch 1960, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Science Advances". Erst seit 1990 erreiche die Erwärmung überhaupt Wassertiefen unter 700 Metern.

Rekonstruktion in vier Schritten

Für ihre Analyse rekonstruierte das Forscherteam um Lijing Cheng von der Chinese Academy of Sciences in Peking in vier Schritten, wie sich die Meerestemperaturen zwischen 1960 und 2015 verändert hatten:

1. In einem ersten Schritt korrigierten sie die vereinzelten Daten früherer Messungen im Hinblick auf mittlerweile bekannte Messfehler der Methoden.

2. Anschließend glichen sie die korrigierten Ergebnisse mit den Berechnungen von Computermodellen ab, um ihre Plausibilität zu überprüfen. Die Ergebnisse der angepassten, früheren Messungen stimmten mit denen der Modellierungen überein, so die Forscher.

3. In einem dritten Schritt übertrugen die Forscher die vereinzelten, existierenden Temperaturmessungen auf umliegende Areale, um Datenlücken zu schließen. Auf diese Weise habe eine einzelne Messung zum Teil ein großes Gebiet repräsentiert, erklärt der Co-Autor John Abraham von der University of St. Thomas in einem Gastbeitrag im "Guardian".

4. Auch hier überprüften die Forscher in einem vierten, letzten Schritt, ob die Ergebnisse realistisch sind. Dafür wendeten sie die Kalkulationen auch auf heutige, einzelne Messwerte an. Das Ergebnis verglichen sie anschließend mit den heute bekannten, flächendeckenden Messungen. Die kalkulierten und die tatsächlichen Werte stimmten überein, so die Forscher. Die Methode schien zuverlässig.

Weitere Studie: 0,12 Grad wärmer pro Jahrzehnt

Die aktuellen Ergebnisse decken sich mit denen einer Studie aus dem Januar, laut der sich das Wasser an der Oberfläche der Ozeane seit 1997 im Schnitt um 0,12 Grad pro Jahrzehnt aufgeheizt haben. Zuvor war man von einem Anstieg von nur 0,07 Grad Celsius im gleichen Zeitraum ausgegangen. Für diese Untersuchung hatten Forscher um Zeke Hausfather von der University of California Daten von Tauchrobotern, Satelliten und Bojen ausgewertet.

Die Ozeane haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich mehr Wärme absorbiert als bislang gedacht, so das Fazit der beiden Untersuchungen. Das sei ein weiterer Beleg für den menschengemachten Klimawandel.

irb



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 290 Beiträge
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Seite 1
dreg2 12.03.2017
1. Temperaturen in 2018?
Da das Modell nun abgeglichen ist wäre doch ein guter Testlauf die Temperaturen in gewissen Regionen für 2018 und 2019 voraus zu berechnen. Dann hat man eine weitere Verifikation über die Güte der Modelle und das in absehbarer Zeit.
testuser2 12.03.2017
2. Einer unserer Bekannten ist ein Manager mit Geophysikalischem Background bei Shell
Er ist der Meinung, es gäbe keinen mensch-gemachten Klimawandel sondern nur die natürlichen langfristigen Temperaturschwankungen, die in der Erdgeschichte schon immer vorhanden waren. Ich sehe das - wie es auch in diesem Artikel zum Ausdruck kommt - anders. Das zeigt aber, wie teilweise in den Ölgesellschaften gedacht wird.
benclement 12.03.2017
3. Zweifel sind angesagt
Wer sich mit der "wissenschaftlichen" Arbeit der Autoren auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass diese aus beruflichen (und möglicherweise politischen) Gründen ein tiefgreifendes Interesse daran haben, die Klimasituation hochzuspielen. Daher sollten sich Journalisten, bevor sie solche Daten veröffentlichen (und interpretiteren9, sich doch erst einmal mit der Seriosität der Quelle auseinandersetzen. Journalismus bedeutet immer, beide Seiten zu sehen und dem Leser zu überlassen, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind.
Mister Stone 12.03.2017
4. Keine Überraschung
Ich bin kein Naturwissenschaftler, habe aber Mitte der 80er Jahre ein Fachseminar besucht, in dem uns ein Professor glaubhaft verdeutlicht hat, dass die Klimakatastrophe, verursacht durch menschlich verursachte Erderwärmung und Zerstörung der Ozon-Schicht, nicht mehr aufzuhalten ist, selbst dann nicht, wenn alle Nationen der Welt ab sofort die Verbrennung fossiler Brennstoffe um 70 % reduzieren würde und der komplette FCKW-Ausstoss weltweit verboten und eingestellt würde (was damals wie heute völlig unrealistisch war und ist). Er hat die Entwicklung mit einer Notbremse in einem sehr schnell fahrenden sehr sehr schweren und trägen Zug verglichen. Wenn er endlich zum Stehen kommt, wird es zu spät sein. Wärme verschwindet nicht einfach. und FCKWe bleiben z.B. 44 bis 180 Jahre in unserer Atmosphäre. Er hat uns auch vorhergesagt, dass es im Laufe der Jahre viele Studien geben würde, welche das ganz anders beurteilen. Die vielen wissenschaftlichen Studien, die im Auftrag der Industrienationen für die Industrienationen erstellt würden, würden immer industriefreundlich sein. Es werde auch phantastische Studien geben, welche die Sicherheit der Endlagerung von radioaktivem Abfall (Stichwort: Halbwertzeit) "bescheinigen". Ich habe dem Mann geglaubt und glaube ihm auch heute noch.
poisonnuke 12.03.2017
5. Die Frage ist doch: können wir uns anpassen?
Denn verhindern können wir den Klimawandel so oder so nicht mehr, auch wenn man das Gefühl bekommen könnte, das alle davon ausgehen. Aber wenn man sich anschaut, dass auf den Weltklimagipfel Ziele bis 2050 gesetzt wurden und selbst diese bei weitem nicht die nötige Reduzierung von CO2 usw erreichen, braucht man auch nicht blauäuig davon ausgehen, dass die Erde sich weniger erwärmen wird, im Gegenteil. Zudem die Erde auch schon wesentlich wärmere Phasen hinter sich hat. Als die Dinos noch lebten, war die Durchschnittstemperatur auf der Erde mal eben 14°C höher als heute. Und es steht auch noch nicht fest, ob wir ohne Klimaerwärmung nicht vllt eine Eiszeit bekommen würden, die ja rechnerisch ja eigentlich wieder auf dem Plan steht. Eins steht aber fest: egal was wir tun, das Klima würde so oder so nie exakt gleich bleiben, wir beeinflussen es zwar gerade etwas nach oben, aber das kann auch von alleine passieren. Wichtig ist, dass wir uns anpassen.
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