Ozeane Zehnmal mehr Fische im Schattenreich

Zwischen Licht und Dunkelheit ist Leben - und zwar jede Menge: In der sogenannten Twilight-Zone der Ozeane leben wohl unerwartet viele Fische. Auf ihre Spur sind Wissenschaftler bei einer Expedition gekommen - mit einem großen Lauschangriff.

CSIC / Joan Costa

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Die Twilight-Zone der Ozeane trägt ihren Spitznamen, weil über ihr die Sonne das Wasser erhellt, unter ihr ist es dunkel. Sie beginnt 200 Meter unter dem Meeresspiegel, in 1000 Metern Tiefe endet sie. Die Forschung spricht von der mesopelagischen Zone. Wissenschaftler gehen davon aus, dass hier die meisten Fische leben, gemessen an der Biomasse.

Dennoch sind die Biologie und Ökologie der Laternenfische und ihrer Nachbarn wenig erforscht. Bislang gingen Forscher von einer Milliarde Tonnen Fisch aus, der in diesem Bereich zwischen Sonnenlicht und finsterer Tiefsee herumschwimmt. Das wäre etwa die Hälfte der weltweiten Fisch-Biomasse.

Nun haben Wissenschaftler von einem Forschungsschiff mit einem hochmodernen Echolot tief in den Ozean gelauscht. Sie hörten mehr, als sie erwartet hatten - und stellten eine neue Schätzung auf: Zehn Milliarden Tonnen Fisch, also zehnmal so viel wie gedacht. Ihre Ergebnisse veröffentlichte die internationale Forschergruppe um den Ozeanologen Xabier Irigoien von der saudi-arabischen König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technologie im Fachmagazin "Nature Communications".

Fische versteckten sich bei früheren Zählungen

Um mehr über die Twilight-Zone zu erfahren, war die spanische Malaspina-Expedition im Dezember 2010 in See gestochen. 32.000 Meilen reisten die Schiffe Hespérides und Sarmiento de Gamboa um die Welt; 250 Wissenschaftler hatten sie an Bord. Sie untersuchten das Leben im Ozean und die Auswirkungen globaler Veränderungen. Vom Forschungsschiff aus hörten die Wissenschaftler die Tiefe ab, zwischen den 40. Breitengraden Nord und Süd.

"Malaspina gab uns die einmalige Gelegenheit, die Zahl der Fische in der mesopelagischen Zone zu schätzen", wird der Leiter der Expedition, Carlos Duarte vom Spanischen National Research Concil, in einer Mitteilung zitiert. Zuvor hatten die Schätzungen auf Daten von Trawlern basiert, die mit Schleppnetzen Fisch einfingen. Doch vor kurzem erwiesen sich die Zahlen als falsch: Viele Fische waren vor den Netzen geflohen.

Fische beschleunigen den Kohlenstoffzyklus

Xabier Irigoien folgert aus den Erkenntnissen, dass das Ökosystem Meer unter neuen Annahmen untersucht werden muss: "Die Tatsache, dass die Biomasse der mesopelagischen Fische mindestens zehnmal höher ist als früher angenommen, hat bedeutenden Einfluss auf unser Verständnis vom Kohlenstoffzyklus im Ozean."

Die Fische der Twilight-Zone fressen bei Nacht näher an der Wasseroberfläche, unter anderem Phytoplankton. Bricht der Tag an, tauchen sie in die Tiefe und verstecken sie sich in dunkleren Gefilden, um nicht gefressen zu werden. In 500 bis 700 Metern unter dem Meeresspiegel scheiden sie das Plankton wieder aus.

Phytoplankton besteht aus verschiedenen Algen, Bakterien und Dinoflagellaten, also winzigen Organismen. Es nimmt CO2 auf und transportiert es in die Tiefsee, wo es gespeichert wird. Eigentlich sinkt das Plankton langsam hinunter. Im Magen eines Fisches geht das deutlich schneller. Mit zehnmal so vielen Fischen liefe der Kohlenstoffkreislauf in den Ozeanen also schneller als bislang angenommen.

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