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UV-Schutzschild: Wie das Ozonloch über der Arktis verschwand

Aus Ny Ålesund berichtet

Forschung auf Spitzbergen: Dem arktischen Ozon auf der Spur Fotos
NASA/ GSFC

Gute Nachrichten aus der Arktis: Das gigantische Ozonloch, das Forscher im vergangenen Jahr aufgeschreckt hat, ist verschwunden. Menschliches Wohlverhalten war allerdings nicht im Spiel - das Wetter ist für die Heilung des Schutzschirms verantwortlich.

Nach der Mittagspause dürfen Rudolf Denkmann und seine Kollegen nicht trödeln. Pünktlich jeden Tag um eins lassen die Forscher der deutsch-französischen Forschungsstation Awipev in Ny Ålesund auf Spitzbergen vor einer hohen roten Holzhalle ihren Ballon zur Wetterbeobachtung steigen. Selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stapft Denkmann dieser Tage im T-Shirt durch den Schnee.

Beeindruckend schnell steigt der heliumgefüllte Ballon nach dem Start in den Himmel. Auf dem Weg in die Stratosphäre funkt ein zigarettenschachtelgroßer Radiosender ständig Temperatur- und Luftfeuchtigkeitswerte nach unten. Wegen des sinkenden Luftdrucks dehnt sich der Ballon immer mehr aus - bis er in mehr als 30 Kilometern Höhe platzt.

Mindestens einmal pro Woche lassen die Awipev-Leute einen Ballon aufsteigen. Im Sommer ist es jeden Mittwochmittag soweit. Dazu kommen weitere Starts auf Anfrage von Forschern. "Wir müssen uns an ein striktes Protokoll halten", sagt Stationsleiter Denkmann, ein rothaariger und -bärtiger Franzose. An dem Fluggerät hängt dann etwas, das wie ein Vogelhäuschen aus Styropor aussieht. Tatsächlich verbirgt das Kästchen jedoch ein elektrochemisches Mini-Labor, Stückpreis: rund tausend Euro.

Die Messungen dieser Sonde helfen den Forschern dabei, das Schicksal der Ozonschicht zu verfolgen, die schädliche UV-Strahlung von der Erdoberfläche fernhält. Der Schutzschirm bereitet regelmäßig Sorgen. Im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler erstmals ein großes Ozonloch über der Arktis gemessen. Sein Ausmaß erschreckte selbst Experten: In der Region zwischen 18 und 20 Kilometern Höhe waren etwa 80 Prozent des Ozons verschwunden. Zeitweise war das Loch mit zwei Millionen Quadratkilometern fast sechsmal so groß wie Deutschland. Menschen in Skandinavien, Kanada und Nordrussland mussten auf ihren Sonnenschutz achten oder riskierten eine erhöhte Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken.

Keine Neuauflage für das himmlische Tiefkühlfach

Zuvor war ein Ozonloch, verursacht von längst verbotenen Chemikalien wie den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), nur von der Gegend um den Südpol bekannt. Der Grund dafür: Das Ozon wird bei Temperaturen unterhalb von minus 78 Grad Celsius an sogenannten polaren Stratosphärenwolken zersetzt. Die bestehen aus gefrorener Salpetersäure, Schwefelsäure und Wasser - und bieten den Ozonkillern bei Kälte den nötigen Nährboden. Und normalerweise ist es hoch über der Südpolregion deutlich kälter als in der arktischen Stratosphäre.

Vergangenes Jahr war das allerdings anders: Außergewöhnlich tiefe Temperaturen verstärkten die Ozonzerstörung über der Arktis. Immerhin: Nach dem Rekordverlust im Winter 2010/2011 geht es der Schutzschicht über der Nordhalbkugel in diesem Jahr deutlich besser. "Wir hatten in diesem Winter kein Ozonloch über der Arktis", bilanziert Peter von der Gathen. Er betreut am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) in Potsdam die Ozonsonden-Messungen aus Ny Ålesund und koordiniert im Winter die Ozonsondierungen aller Stationen rund um die Arktis.

"Durch etwas höhere Temperaturen in der Stratosphäre wurden nicht genügend Chlorverbindungen aktiviert, um einen größeren Ozonabbau auszulösen", erklärt der Forscher. Nachdem die hohen Luftschichten zu Anfang des Winters noch sehr kalt gewesen seien, habe sich die Lage danach entspannt.

Im vergangenen Jahr hatte ein besonders ausgeprägter Polarwirbel die Zersetzung des Ozons begünstigt. So nennen die Forscher ein über längere Zeit stabiles Hochdruckgebiet in den hohen polaren Luftschichten. Dieses Jahr war der Wirbel allerdings nicht so großflächig wie zwölf Monate zuvor - und längst nicht so stabil. Wie die Sache im kommenden Winter aussehen wird, wissen die Forscher nicht. Doch ihre regelmäßigen Messungen werden ihnen zeigen, wenn die Ozonschicht abermals dünner wird.

Nach Möglichkeit versuchen die Wissenschaftler in Ny Ålesund übrigens, ihre fliegenden Mini-Labore zu recyceln. Wenn der Ballon platzt, fallen die Messgeräte auf die Erde zurück - und lassen sich mit Glück irgendwo in der menschenleeren Umgebung der Forschungsstation aufspüren. Wenn Kollegen aus anderen Forschungsstationen eine gefundene Messbox abliefern, bekommen sie einen Finderlohn: ein kleines Glas mit dem Awi-Logo.

Manchmal haben die Leute von der Awipev-Station auch selbst Glück. Stationsleiter Denkmann zeigt stolz auf eine Styroporbox, die im Laborgebäude auf einem Regalbrett ihrem nächsten Start entgegensieht: "Die habe ich zufällig auf einem Gletscher wiedergefunden."

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