Federlese Wo endet Dinosaurier, wo beginnt Vogel?

Matthew P. Martyniuk

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Vögel und Dinosaurier sind eng verwandt. Wie fließend der Übergang zwischen ihnen sein mag, zeigt ein neues Buch von Matthew P. Martyniuk. Wir sprachen mit ihm über Schuppen und Federn und warum man vor Gänsen, nicht aber vor Velociraptoren Angst haben muss.

SPIEGEL ONLINE: Was soll ein Naturführer über Tiere, die längst ausgestorben sind?

Matthew P. Martyniuk: Ich möchte die Tiere der Dinosaurier-Ära realistischer darstellen, als das bisher meist geschehen ist. Viele Künstler konzentrieren sich auf sensationelle oder monströse Dinosaurier, die im Vergleich zu unseren heutigen Wildtieren sehr fremdartig wirken. Ich wollte sie wieder ein wenig auf den Boden zurückholen und einfach als Bestandteile prähistorischer Ökosysteme darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Die Antiklimax als Programm?

Martyniuk: Die meisten Vögel des Mesozoikums waren wohl unauffällig, man kann sie kaum aufregend oder spektakulär darstellen. Also lässt man sie oft aus, wenn man Paläo-Bilder für die breite Öffentlichkeit zeichnet. Damit verfälscht man aber die wahre Vielfalt, die es damals gab. Deshalb wollte ich weg vom Sensationalismus und Dinosaurier als Tiere wie alle anderen zeigen - und besonders, wie ähnlich viele von ihnen modernen Vögeln wohl waren.

SPIEGEL ONLINE: Riesige, schuppige Echsen sind aber irgendwie spannender. Was erleben Sie, wenn sie Leuten erzählen, die wären immer noch unter uns - nur klein und mit Federn?

Martyniuk: Viele Menschen haben da gemischte Gefühle. Vögel sind ein Typ Dinosaurier, so wie Sauropoden ein Typ Dinosaurier waren. Diese grundsätzliche Erkenntnis hat sich in den letzten drei Jahrzehnten in der Öffentlichkeit zunehmend durchgesetzt. Die meisten von uns wuchsen im Bewusstsein auf, dass die Dinosaurier komplett ausgestorben sind. Dass sich dieses Paradigma nun so plötzlich ändert, ist aufregend: Man kann eine Taube nun als eine Art Mini-T-Rex sehen, wenn man will.

SPIEGEL ONLINE: Und wo gibt es dann Probleme?

Martyniuk: Das Problem ist, dass dieselben Entdeckungen, die bewiesen haben, dass Vögel eine lebende Untergruppe der Dinosaurier darstellen, auch viele Dinge, die wir bisher als fundamentale Merkmale von Dinosauriern sahen, in Frage stellen. Beispielsweise waren die "Raptoren", die der Film Jurassic Park so berühmt gemacht hat, in Aussehen und Verhalten wohl vogelähnlich. Vögel werden durch die enge Verwandtschaft interessanter, Saurier weniger beängstigend. Vor allem junge Leute sträuben sich, dass sie diese Ikonen von Popkultur und Horrorfilm nun als gefiederte Wesen mit möglicherweise vogelähnlichem Verhalten sehen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Martyniuk: Ich vermute, das hat psychologische Gründe. Menschen finden Reptilien einfach beängstigender. Historisch wurden sie faktisch wie im übertragenden Sinn als "kaltblütig" gesehen, und deshalb als Bedrohung. Der erste große Paradigmenwechsel der 1980er, als wir begannen, Dinos als warmblütige, agile Wesen zu sehen, hat sie sogar noch bedrohlicher gemacht. Jetzt hatten wir diese großen, Drachen-ähnlichen Monster, die aber wie heutige Wölfe oder Löwen jagten. Vögel sieht man dagegen entweder als ein bisschen tollpatschig oder dümmlich - so wie Enten oder Hühner - oder aber als Objekte der Bewunderung, so wie Sing- oder Greifvögel. Vogelähnliche Saurier funktionieren einfach nicht so gut als Bösewichte im Horrorfilm.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein großer Vogel wirklich weniger beängstigend als ein schuppiger Raptor?

Martyniuk: Anders als die meisten Menschen glauben, können viele bodenbrütende Vögel ziemlich territorial und aggressiv sein. Wer sagt, gefiederte Raptoren seien nicht bedrohlich, hat wohl nie eine wütende Gans erlebt. Von Kasuaren weiß man, dass sie Leute mit Tritten angreifen, und sie haben sogar eine vergrößerte Kralle, so wie Raptoren. Nur sind Kasuare viel größer, als Velociraptoren waren: Die waren in Wahrheit ziemlich klein. In ihrer Nähe wäre ich vorsichtig, aber Panik hätte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was Spielberg in Jurassic Park Velociraptor nennt, entsprach wohl auch eher einem Utahraptor. Der niedliche gefiederte Velociraptor, den die Wikipedia heute zeigt, ist übrigens von Ihnen.

Martyniuk: Und einigen seiner größeren Verwandten würde ich nachts im Wald wirklich nicht begegnen wollen! Nur weil ein Wesen Federn hat und wie ein großer Vogel aussieht, sind seine Zähne und Klauen nicht weniger effektiv!

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, die meisten Abbildungen gefiederter Saurier seien noch immer falsch. Was wäre denn richtig?

Martyniuk: Wenn Leute "gefiederter Saurier" hören, stellen sie sich einen Dino in traditioneller Darstellung vor und versehen den dann mit Federn. In der Realität verändert das Federkleid aber die ganze Gestalt, das visuelle Profil des Tieres, wir wir an modernen Vögeln sehen. Wie ich neulich in meinem Blog beschrieb, ist es sinnlos, zuerst die ungefiederte Anatomie des Sauriers zu entwerfen und dann einfach Federn zu addieren. Federn sind fast so etwas wie ein bewegliches Exoskelett - sie bestimmen die ganze Körperform. Anders als Haare, die oft den darunter liegenden Konturen folgen. Viele Künstler müssen auch das erst lernen. Der Velociraptor, so wie wir ihn uns heute vorstellen, ist völlig anders als die Version von vor 20 Jahren.

Die Fragen stellte Frank Patalong



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24 Leserkommentare
statler&waldorfmuppets 13.07.2013
hochst 13.07.2013
andimey3 13.07.2013
andimey3 13.07.2013
50penny 13.07.2013
cassandros 13.07.2013
50penny 13.07.2013
cassandros 13.07.2013
nilaterne 13.07.2013
nilaterne 13.07.2013
joachim_m. 13.07.2013
dunnhaupt 14.07.2013
cassandros 14.07.2013
sbi 14.07.2013
Layer_8 14.07.2013
cassandros 14.07.2013
Chaddy 04.11.2013
Chaddy 04.11.2013
cindy2009 15.07.2014
petromax 16.07.2014
cassandros 21.07.2014
petromax 21.07.2014
netzdetektiv 31.10.2014
AlaskaSaedelaere 31.10.2014

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