Verhaltensauffälliger Panda in Berlin Das Meng-Meng-Rätsel

Meng Meng und Jiao Qing sind die einzigen Pandabären in Deutschland, sogar die Kanzlerin besuchte sie im Berliner Zoo: Nun wächst die Kritik an der Haltung der Tiere - weil eines sich äußerst merkwürdig verhält.

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Familien und Schulklassen drängeln sich vor den Schaufenstern, jeder möchte einen Blick auf die neuen Stars des Berliner Zoos erhaschen: Seit die zwei Riesenpandas Meng Meng ("Träumchen") und Jiao Qing ("Schätzchen") im Juni aus China kamen, sind sie die unangefochtenen Hauptattraktionen. Hunderttausende Besucher haben die fast zehn Millionen Euro teure Panda-Anlage bereits besucht.

Doch nun trüben bedenkliche Neuigkeiten die Euphorie über die Berliner Pandabären: Während sich das Männchen Jiao Qing an die neue Umgebung gewöhnt zu haben scheint, verhält sich Pandadame Meng Meng auch drei Monate nach ihrer Ankunft auffällig. Sie läuft oft rückwärts, meist tapsig, stößt mit ihrem Hinterteil an Wände und Glasscheiben.

Ihr neues Gehege hat sie bislang nur rudimentär erkundet, wie Zoo-Sprecherin Katharina Marie Sperling sagt: "Sie begrenzt sich auf einen sehr kleinen Bereich." Anfangs musste sogar ein Teil des Geheges für Besucher gesperrt werden, um das scheue Tier nicht zu stören.

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Berliner Zoo: Die scheue Frau Meng Meng

Meng Meng und Jiao Qing sind die einzigen beiden Pandabären in Deutschland. Der Panda Jiao Qing, ein 110-Kilo-Koloss, kam am 15. Juli 2010 in Chengdu zur Welt, in der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan. Für die nächsten 15 Jahre soll er mit seiner Partnerin Meng Meng in Berlin bleiben. Als die beiden sich im Juli erstmals dem Publikum zeigten, kam sogar Kanzlerin Angela Merkel zu Besuch. China nutzt die Tiere auch, um die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland zu pflegen.

Warum die Pandabärin mit den schwarzen Puschelohren solche Probleme hat, ist für den Zoo bislang ungeklärt. "Die Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, haben noch keine Ursache finden können", sagt Sperling. "Aber wir werden weiter beobachten, wie sie sich entwickelt." Im Sommer hatte der Zoo noch gemutmaßt, es könne sich um Eingewöhnungsschwierigkeiten handeln. Auch von den Auswirkungen der "Panda-Pubertät" war die Rede - und davon, Meng Meng setzte sich vor Publikum auf diese Weise in Szene.

Tierschützer halten das für Unfug. Sie kritisieren schon lange, dass Pandas weltweit an Zoos verliehen werden. Denise Ade vom Deutschen Tierschutzbund kann im Fall von Meng Meng kein vergnügliches Verhalten erkennen: "Dieser Panda bringt offenkundig zum Ausdruck, dass er erheblich leidet und die Haltungsbedingungen vermutlich nicht den artgemäßen Bedürfnissen gerecht werden", sagt sie. "Es geht hier nicht um den Artenschutz, sondern darum, neue Zuschauermagneten im Zoo zu halten."

Yvonne Würz von der Tierrechtsorganisation Peta deutet das Rückwärtslaufen von Meng Meng als sogenannte Stereotypie - eine wiederholte, ziellose Handlung. "Der Panda im Berliner Zoo ist kein Einzelfall. Solche Verhaltensstörungen beobachten wir häufig bei Tieren in Gefangenschaft."

"Weitere Maßnahmen sind nicht geplant"

"Wir kennen zum Beispiel das Hin- und Her-Wanken von Elefanten oder das Auf-und-Ab-Laufen von Raubkatzen", sagt Würz. Besonders betroffen seien Tiergruppen, die ein sehr großes natürliches Bewegungsbedürfnis hätten oder einen ganz besonderen Lebensraum bräuchten.

"Der Zoo Berlin sollte prüfen, ob die Gehege verbessert und Besucherzahlen reduziert werden müssen", sagt Würz. "Grundsätzlich fordern wir, dass Artenschutz nur im natürlichen Lebensraum der Tiere stattfinden sollte, anstatt Millionen für die Haltung und Zucht kranker Tiere in Gefangenschaft zu verschwenden." Ade vom Tierschutzbund lehnt die Zoo-Haltung zwar nicht grundsätzlich ab, formuliert aber eine wesentliche Voraussetzung: "Tiere dürfen nicht an die Haltungsbedingungen angepasst werden, sondern die Haltungsbedingungen sollten an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden."

Beim Zoo Berlin hält man diese Kritik für voreilig. "Es ist schon merkwürdig, dass die selbsternannten Tierschützer immer gleich eine Erklärung parat haben, während die von uns kontaktierten Experten keine Ursache finden", sagt Zoo-Sprecherin Sperling. Der Zoo arbeite unter anderem mit dem renommierten Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung zusammen, um Meng Meng besser zu verstehen. "Wichtig ist für uns erstmal, dass sie gut frisst und gut schläft. Für kooperatives Verhalten wird sie von uns besonders belohnt. Weitere Maßnahmen sind derzeit nicht geplant."

Janne Kieselbach, dpa/mxw

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beefirst 30.09.2017
1. Warum ist ein Rätsel,...
... wie sich die Bärin verhält? Die Tiere gehören in die Natur. Und zwar in eine Natur, die durch uns geschützt werden muss. Vor uns geschützt werden muss.
biesi61 30.09.2017
2. Die "Tierschützer" schützen mal wieder vor allem ihr eigenes Ego.
Da sind für mich die Aussagen der Fachexperten und unserer Berliner Zoomitarbeiter erheblich relevanter.
RalfWenzel 30.09.2017
3. Artgerechte Tierhaltung...
...ist ein Widerspruch in sich. Sobald wir ein Tier einsperren, lebt es nicht mehr artgerecht. Tiere haben ein Revier, einen Bewegungsdrang, eine Form der Kommunikation mit anderen Tieren. Banales Beispiel: Schon ein vom Menschen gehaltener Hund verletzt beim „Gassi-Gehen“ ständig die Reviermarken anderer Hunde, was sich auf das Verhalten des Hundes und der Besitzer der verletzten Reviere negativ auswirkt. Die anderen Hunde riechen den „Eindringling“ und die Reviermarken, die er in ihrem Revier hinterlässt. Auch der „Gassi-gehende“ Hund fühlt sich bei den Revierverletzungen nicht wohl. Das ist jetzt keine Stimmungsmache gegen Tierhaltung, sondern gegen die Sozialromantiker, die uns einreden wollen, es ginge beides. Es geht nicht!
andre_gottschling 30.09.2017
4. Weg mit den Zoos
Seit vielen Jahren bin ich der Ansicht das jedewede Art von Tier nicht mehr in Zoos gehalten werden sollte. Ich sehe es ein wenn Tieraufzuchtstationen mit entsprechenden Fachkräften bedrohte Tiere/Tierarten betreuen werden, das Ganze aber fernab jeglichen Zookommerz und Befriedigung der zahlenden Besucher. Wenn Menschen ihre "Lieblings"tiere sehen möchten, dann sollen Sie dies in der freien Natur tun, wenn sie diese nicht sehen, dann haben sie halt Pech gehabt. Tiere haben gottlob noch nicht diesen Selbstdarstellungnsspleen wie der Mensch. Das Geld was Besucher Jahr für Jahr in Zoobesuche investieren (kommerz) sollten Sie an staatlich überwachte Organisaitonen spenden die bedrohten oder gefährdeten Tierarten im Inn- und Ausland zugute kommen. Ferner sollte mehr gegen Wilderer unternommen werden, d.h. die Kräfte der jeweiligen Länder die sich gegen die Wilderei einsetzten müssten bestens ausgrüstet werden.
spon-facebook-10000012354 30.09.2017
5. Bewegungsstereotypie
Keine gute Nachricht. Allerdings hatten Experten aus China das Gehege vorher überprüft. Es kann auch sein, dass der genetische Pool der Pandas zu klein geworden ist und u.a. Krankheiten fördert, die dem Zwangsspektrum ähneln. Im engeren Sinne spricht man von Stereotypie, wenn ein dysfunktionales, pathologisches Verhalten ständig wiederholt wird. In der Psychopathologie des Menschen gehören solche Stereotypien in den Bereich der Zwangssymptome. Mancher Forscher haben die Pandas schon längst aufgegeben. Die Großen Pandas, so die These, haben keine Überlebenschance mehr, weil ihr Genpool zu klein ist. Die Bären sollen sich in einer Art evolutionären Sackgasse befinden und wären demnach zum Aussterben verurteilt, welche Anstrengungen auch immer die Menschen unternehmen. Doch die Sackgassenthese ist möglicherweise falsch, glauben Forscher von der Cardiff University und der China West Normal University in Sichuan. Michael Bruford und seine Kollegen hatten das Genom von Pandabären und ihre demographische Geschichte untersucht. Dabei stellten sie fest, dass das genetische Potential des Großen Pandas weder die Evolution noch die Anpassungsfähigkeit des Tieres negativ beeinträchtigt. http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/stereotypie/12278 http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/bewegungsstereotypie/1439 http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/grosser-panda-mit-potenten-genen-aus-der-evolutionaeren-sackgasse-a-502319.html
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