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Papua-Neuguinea: Wie der Pazifik das Paradies zerstört

Von Joachim Hoelzgen

So fühlt sich der Klimawandel an: Weil der Meeresspiegel steigt, ist das Tropenparadies der Carteret-Inseln nicht mehr bewohnbar. Palmenwälder sind entwurzelt, Bananenplantagen unterspült worden. Die Bewohner des Atolls hungern und müssen umgesiedelt werden.

Das endlose Auf und Ab der Dünung war für die Bewohner des Carteret-Atolls im Südwesten des Pazifischen Ozeans lange der Rhythmus des Lebens. Sanft rollten die Wellen an den Palmenstränden ihrer Inseln aus. An den Korallenriffen schäumten sie auf und schwappten dann in die blaue Lagune ihres traumverloren schönen Tropenparadieses.

Nun aber ist es mit dem geruhsamen Dasein in dem kleinen Meereswinkel jäh zu Ende, sieht man auf den Carteret-Inseln verstörte und verzweifelte Gesichter. Der weltweite Klimawandel ist angekommen. Und mit ihm ist der Wasserspiegel angestiegen, nagen die Wellen an den Sandstränden und entwurzeln die Palmen.

Das Wasser ist schon bis zum Inneren der Inseln vorgedrungen. Im wahrsten Sinne des Wortes zieht es den Menschen den Boden unter den Füßen weg: Gemüsegärten werden überflutet, Bananenstauden unterspült. An manchen Stellen pulsiert Wasser sogar aus den Inselböden und bedeckt sie mehr als knöcheltief.

Auf den Eilanden droht Hunger, meldet der Uno-Nachrichtendienst Irin. "Vielen der Bewohner sind die Vorräte ausgegangen, vor allem ihr Hauptnahrungsmittel – die Kokosnüsse."

Zum Glück gibt es auf den sechs Inseln von Carteret noch Brotfrüchte der immergrünen Brotfruchtbäume und Tarowurzeln, eine weitere Grundspeise der Südsee-Insulaner. Außerdem gibt es im Meer Thunfisch und Goldmakrelen, mit denen sich die Fischerfamilien jetzt vor allem ernähren.

Am schwersten hat das Vordringen des Wassers die Hauptinsel Han betroffen, auf der 1500 Menschen leben. Der mächtige Pazifik hat das Eiland vor kurzem zweigeteilt. Von der kleineren Nachbarinsel Yolasa aus bietet Han einen traurigen und tristen Anblick. Zwischen den beiden Inselhälften steht nun Wasser, an dessen Rand Palmenwälder aufragen, wie ein bizarrer Façonschnitt der Natur.

Es war ein Brite, der das Atoll im Jahr 1767 entdeckte: Kapitän Philip Carteret. Der hatte mit seinem Schiff "HMS Swallow" die Magellanstraße an der Spitze Südamerikas durchfahren und war als erster an der Insel Pitcairn im östlichen Pazifik vorbeigelaufen – dem späteren Zufluchtsort der Meuterer, die den Dreimaster "Bounty" des tyrannischen Kapitäns William Bligh in ihre Gewalt brachten. Schließlich hatte er die Carteret-Inseln am anderen Ende des Pazifiks entdeckt.

Heute sind die Eilande ein Teil des Dschungel- und Rohstoffstaats Papua-Neuguinea - im Prinzip. Denn verwaltet werden sie von Bougainville aus, der an Kupfer reichen Hauptinsel der Salomonengruppe. Nach einem Bürgerkrieg, der jahrelang um eine Kupfermine des Konzerns Rio Tinto tobte, gewährte die Regierung Papua-Neuguineas Bougainville - und damit auch dem Carteret-Atoll - die autonome Selbstverwaltung.

Bougainville soll aber auch die neue Heimat der Bewohner von Han werden – eine Umsiedlung, die der sogenannte Minister für Atolle, Taehu Pais, angekündigt hat. Er war an Bord eines Motorschiffs, dessen Maschine stotterte und das keinen Anker hatte, zum Carteret-Atoll gefahren – mit 200 Säcken Reis, die von den Insulanern regelrecht verehrt und bejubelt wurden.

Für die Bewohner des Atolls kommt die Umsiedlung einer existentiellen Entscheidung gleich. Manche der Stammesältesten murren und wollen zurückbleiben. "Wenn die Insel verloren geht, dann eben mit mir", sagte einer von ihnen dem Minister.

Genau in der Mitte hat das Meer auch die Atoll-Insel Huene geteilt – in die Inseln Huene 1 und Huene 2. Auf dem größeren Eiland, einer Kleinstwelt ohne Strom, Radio und Internet, harren noch ein paar Familien aus - dem Thunfisch sei Dank und den Kokosnüssen, die es auf dem Inselchen noch gibt.

"Das Atoll sinkt, und es sinkt schnell"

Doch die Umsiedlung nach Bouganville sei unvermeidlich, sagt im Uno-Nachrichtendienst auch Ursula Rakova, trotz ihres europäisch klingenden Namens eine Insulanerin mit Wuschelhaar und tiefer Bronzefarbe. Von Bougainville aus leitet sie ein Hilfswerk, das den Inselbewohnern zur Seite steht. Die katholische Kirche hat auf Bougainville Grundstücke für die ersten Umsiedler gestiftet, und die Autonomieregierung hat eine Plantage versprochen. Papua-Neuguinea wiederum will zwei Millionen in der Landeswährung Kina bereitstellen, das sind immerhin 450.000 Euro.

Ursula Rakova meint, dass die Bewohner der Carteret-Inseln mittlerweile das Meer fürchten: "Die Menschen sehen, wie der Meeresspiegel steigt. Das Atoll sinkt, und es sinkt schnell."

Man hat auch im südwestlichen Pazifik von den Kohlendioxidexzessen der großen Industrieländer gehört, die ihre Quittung nun mit der Vertreibung aus dem Inselparadies einfordern. Ursula Rakova hält es deshalb nicht für übertrieben, dass sie vielleicht 800.000 Kina oder 180.000 Euro schicken, womit sich in der neuen Heimat Bouganville schon einmal zehn Häuser bauen ließen.

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Han: Flutgeplagtes Atoll im Pazifik


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