Steigende CO2-Werte Warum die Klimakonferenz keine Trendwende bringen wird

Jahr für Jahr produziert die Menschheit mehr CO2. Doch in einem neuen Weltklimavertrag wird es wieder keine verbindlichen Emissionsziele geben. Experten hoffen nun ausgerechnet auf den Umweltsünder China.

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Uno-Klimakonferenz in Paris: "Der derzeit einzige gangbare Weg"
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Uno-Klimakonferenz in Paris: "Der derzeit einzige gangbare Weg"


Alle Jahre wieder trifft man sich - und es gibt Themen, die regelmäßig für Streit sorgen. So ist das bei Familientreffen - und auf Klimakonferenzen. Damit das Ganze nicht in einem Desaster endet, sollte man heikle Themen am besten meiden. Genau für diese Taktik haben sich auch die Klimadiplomaten vor dem Gipfel in Paris entschieden.

Statt ein weiteres Mal vergeblich über verbindliche CO2-Ziele zu verhandeln, haben sie das Thema Treibhausgasausstoß ausgeklammert. Jedes Land konnte vor dem Gipfel zwar eigene Emissionsziele für die Jahre 2020 bis 2030 festlegen, sie heißen INDCs, Intended Nationally Determined Contributions oder "beabsichtigte national festgelegte Beiträge".

Fast alle Staaten haben INDCs festgelegt. Verhandelt wurde über diese CO2-Ziele allerdings nicht. Die freiwilligen Selbstverpflichtungen sollen dem in Paris abzuschließenden Klimavertrag als Anhang hinzugefügt werden. Sanktionsmechanismen bei Nichteinhaltung sind keine vorgesehen.

Wissenschaftler vom Australian-German Climate and Energy College haben aus den vorab eingereichten INDCs berechnet, wie sich der CO2-Ausstoß der Menschheit bis 2030 entwickelt, sofern er den Selbstverpflichtungen folgt. Eine Kalkulation mit diversen Unwägbarkeiten. Indien beispielsweise hat nur relative Angaben dazu gemacht, wie sich der Treibhausgasausstoß im Verhältnis zur industriellen Produktion ändert.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Legt man die konservativen, also nicht ambitionierten CO2-Ziele der Länder zugrunde, werden die Emissionen weltweit weiter steigen, wie das folgende Diagramm zeigt:

Selbst die ambitionierteren Zielvorgaben der Staaten gehen mit einem weiteren Anstieg der CO2-Freisetzung bis 2030 einher. Knapp drei Grad Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts könnten die Folge sein. Den INDCs zufolge steigt der CO2-Ausstoß vieler Länder und Regionen in den kommenden 15 Jahren deutlich an - zu den wenigen Ausnahmen gehören die EU und die USA.

Auch wenn Treibhausgase als Hauptursache des Klimawandels gelten, drehen sich die Verhandlungen in Paris um ganz andere Themen: einen 100 Milliarden schweren Klimaschutzfonds, Entwicklungshilfe, Technologieaustausch und Ausgleichszahlungen. Das heikle Thema CO2 wird umschifft, so die gängige Erklärung, weil es einen einstimmig beschlossenen Vertrag wohl verhindern würde - so wie beim grandios gescheiterten Gipfel von Kopenhagen im Jahr 2009.

Umweltorganisationen und Klimaschutzinitiativen sehen die Taktik der Klimadiplomaten mit einer gewissen Skepsis: "Wir als Nichtregierungsorganisation wollten keine freiwilligen Selbstverpflichtungen", sagt Jan Burck von Germanwatch. Solche Ziele seien nicht verbindlich. "Aber sie sind der derzeit einzige gangbare Weg", räumt er ein.

Stapelt China tief?

Doch trotz der weiterhin nach oben zeigenden Emissionskurve gibt es die Hoffnung, dass es womöglich doch nicht so schlimm kommt. "Der künftige Anstieg geht vor allem auf die Entwicklungs- und Schwellenländer zurück", sagt Brigitte Knopf, Generalsekretärin am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin.

Dahinter stünde das begreifliche Nachholen der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch ein CO2-Anstieg sei nicht zwingend, Klimaschutz und Entwicklung ließen sich durchaus miteinander verbinden. Die Technologien dafür sind da.

Die Emissionen könnten auch aus einem anderen Grund geringer ausfallen als prognostiziert - vor allem beim Land mit dem höchsten CO2-Ausstoß der Welt: "China hat Ziele versprochen, die das Land mit Sicherheit erreichen kann", sagt Jan Burck von Germanwatch.

Das Land dürfte bei seinen INDCs quasi auf Nummer sicher gegangen sein, Burck rechnet real mit deutlich niedrigeren Zahlen. "Treibende Kraft sind dabei auch die starke Umweltverschmutzung und die Angst der Mittelschicht um die Gesundheit ihrer Kinder."

Ähnlich sieht es die Berliner Physikerin Brigitte Knopf: "Manche Experten glauben, dass Chinas Emissionen schon 2025 ihren Höhepunkt erreichen. Das Land hat offenbar seine CO2-Ziele recht großzügig gefasst." Allerdings war erst kürzlich publik geworden, dass China in der Vergangenheit offenbar zu niedrige Emissionszahlen gemeldet hat.

Wenn 1,5 Milliarden Inder fliegen wollen

Indien gilt im Vergleich dazu als noch schwierigerer Fall. Der Nachholbedarf ist groß: 400 Millionen Menschen leben ohne Stromanschluss, die Regierung setzt massiv auf klimaschädliche Kohle. "Die Hoffnung ist, dass Solar- und Windenergie bald so günstig sind, dass sich die Kohle nicht mehr rechnet", sagt Burck.

Die große Bedeutung Indiens hat auch mit seiner weiter wachsenden Einwohnerzahl zu tun. Es wird China schon bald als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen. Sollte jeder Einzelne von 1,5 Milliarden Indern binnen weniger Jahre seinen CO2-Ausstoß um eine Tonne erhöhen, können das die übrigen Länder der Welt kaum kompensieren. Wenn etwa alle Deutschen ihren Fußabdruck von aktuell zehn auf null Tonnen senken würden (was derzeit vollkommen unrealistisch ist), wäre nur die Hälfte des indischen Zuwachses gestoppt. Eine Tonne CO2 ist schnell freigesetzt - sie entspricht einem Flug von Hamburg nach Mallorca und zurück.

Damit die Emissionskurve der Menschheit nicht weiter ungebremst steigt, schlagen die Forscher vom Mercator Research Institute Berlin die Einführung einer CO2-Steuer vor. "Man könnte mit einem niedrigen Preis anfangen und mit den Einnahmen daraus ließe sich in vielen Ländern der universelle Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen finanzieren, was vor allem den Armen zugutekommt", erklärt Brigitte Knopf. Wichtig sei, dass CO2 einen Preis bekomme. Der Emissionshandel in Europa funktioniere nicht richtig, weshalb Kohle zu billig sei.

Doch auch um eine CO2-Steuer wird in Paris nur am Rande diskutiert. Global durchsetzbar erscheint sie ebenso wenig wie verbindliche CO2-Reduktionsziele.

Die Kurven zeigen den Mittelwert über verschiedene IPCC-Szenarien, bei denen die Temperatur bis 2100 mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% um maximal zwei Grad steigt. Bei der roten Kurve beträgt die Chance dafür nur 50%.

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Klimagipfel in Paris



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Seite 1
fatherted98 03.12.2015
1. Irgendwer...
....muss irgendwie die Dinge produzieren die wir konsumieren...und das geht nicht ohne Co2. Im übrigen sollten gerade wir Deutschen uns nicht aus dem Fenster lehnen, solange wir noch kein Tempolimit auf der Autobahn haben...anderen Vorschriften machen und selbst mit 230 auf der linken Spur rumfahren paßt nicht zueinander.
viceman 03.12.2015
2. umweltsünder china ?
die größten verbraucher/verschwender an energie und ressourcen sind ja nun mal die usa und danach kommt lange nichts. noch vor den chinamännern rangieren aber sicher noch viele europäische länder...
kunibertus 03.12.2015
3. Da wollen sich nun ein paar
Politiker verpflichten, die Welt zu retten. Dabei denken die doch sowieso nur in Wahlperioden. Alles, was das Wahlvolk abschrecken könnte, wird doch nicht gemacht, könnte ja die Wiederwahl gefährden. Bei dem ganzen Treffen in Paris entstehen nur heiße Luft und Emissionen durch den zusätzlichen Flugverkehr. Oder soll jetzt den Entwicklungsländern verboten werden, sich dem Lebensstandard der Industriestaaten anzunähern. Das wäre dann aber eine echte Diskriminierung oder genauer: moderner Kolonialismus. Wenn der Klimawandel gewünscht wird, müssten die jetzigen Großemittenten, das sind nun mal bezogen auf die Bevölkerung die Industriestaaten, auf einen erheblichen Teil ihrer Gewohnheiten verzichten. Das halte ich für illusorisch. Außerdem: Wie wollen denn unsere Politiker eigentlich die Erde überzeugen, sich gegenüber dem 2-Gradziel nicht kontraproduktiv zu verhalten, z. B. durch Vulkanausbrüche, Erdbeben u. dgl.
aufdenpunktgebracht, 03.12.2015
4. Das große Energiefasten wird ausgerufen
Die physikalischen Zusammenhänge zwischen Erderwärmung, also dem vielbeschworenen Klimawandel, und der CO2-Emission ist wissenschaftlich gar nicht nachgewiesen. Auf den ersten Blick scheint es eine Korrelation zu geben. Wenn man diese aber zeitlich besser auflöst, stellt man fest, daß die Erderwärmung in der Vergangenheit immer als Erstes begonnen hat, und lange Zeit danach ist es erst zu einer Erhöhung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre gekommen. Die Einflüsse, die das Klima kurz- und langfristig verändern, kennt man gar nicht. Das muß man sich eingestehen. Stattdessen macht man aber eine Religion aus der Klimaveränderung. Anfang der 1970er Jahre befürchtete man gar eine neue Eiszeit, weil die mittleren Temperaturen kurzfristig absanken. Das will man heute gar nicht mehr wissen, bzw weiß es auch gar nicht mehr. Das verdrängt man lieber, weil es nicht in die heutige Ideologie passt. Ebenso passt es nicht in die Ideologie, daß der Einfluß des Menschen auf das Klima in der Wissenschaft hochumstritten ist. Nur in der Politik geht man davon aus, das es der Mensch ist, der für die Klimaveränderung verantwortlich ist, und daß der Mensch selbstverständlich auch das Klima durch Energiefasten und Selbstbeschränkung des Lebendsstils beeinflussen und damit eine mögliche Erderwärmung aufhalten könnte. Das ist nicht der Fall. Als "Beweis" wird dann angeführt, daß sich das Klima noch nie so schnell verändert hat, wie heute. Daß das Unsinn ist, zeigt die Statistik, wenn man sie richtig auswertet. Man kann sich beliebige Zeitabschnitte aus der Vergangenheit hernehmen, und einen ebenso raschen Anstieg messen. Das relativiert sich aber wieder über längere Zeiträume. Da wird dann schnell mit "Klimaverleugner" und "Klimazerstörer" argumentiert. Alleine diese Begriffe sind aber nur Beleg für die völlige Ahnunglosigkeit und Bildungsferne dieser Menschen, die sich nie mit der Physik der Atmospähre beschäftigt haben, sondern nur alles nachplappern, was sie hören wollen. Vielleicht helfen ja die 45 Mrd Dollar, die Zuckerberg in die Bildung stecken will. Das kann ich nur hoffen. Die Klimamodelle der Forscher sind alles andere als genau und im Besonderen nicht auf die Zukunft anwendbar.
kosu 03.12.2015
5. Die Frage
Ist darf ein Inder ein Chinese ein Afrikaner oder ein Südamerikaner genauso viel CO 2 produzieren wie ein US Bürger ? Gleiches Recht für alle! Dann kommt dazu wo lebt mach muss man Heizen oder lebt man in einem Klima wo nicht. Darf der dann eine Klimaanlage haben? Wer hat bisher reichlich in die Luft gepustet?
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