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Klimagipfel in Paris: G7 finanzieren Unwetter-Versicherungen für arme Länder

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Dürre in Äthiopien: "Bei den Versicherungen muss gewährleistet sein, dass niemand ausgeschlossen wird" Zur Großansicht
Corbis

Dürre in Äthiopien: "Bei den Versicherungen muss gewährleistet sein, dass niemand ausgeschlossen wird"

Die Klimaverhandlungen in Paris sind blockiert - eine Initiative der G7 soll den Durchbruch ermöglichen: Sie geben 420 Millionen Dollar für Klimaversicherungen. Kann das funktionieren?

Die Welt ist gespalten auf ihrem Weg zu einem Weltklimavertrag. Arme Länder fordern von den alten Industrieländern Wiedergutmachung für Schäden, die durch den Klimawandel entstanden seien.

Doch Kompensationen würden auf keinen Fall gezahlt, betonen die Industrieländer. Sie fürchten, einen Präzedenzfall zu schaffen. Die Frage ums Geld könnte die Klimaverhandlungen in Paris scheitern lassen.

Die G7-Staaten wollen nun einen Kompromiss ermöglichen: Sie planen Unwetter-Versicherungen, die Afrikaner, Mittelamerikaner, Südostasiaten und Inselstaaten gewogen stimmen sollen.

Mit 420 Millionen Dollar schieben die Industriestaaten Versicherungen an, die Schäden durch Wetterkatastrophen decken sollen. Das gaben sie am Samstag auf der Uno-Klimatagung in Paris bekannt.

Die finanzielle Unterstützung der G7 soll es armen Regionen ermöglichen, sich gegen Naturkatastrophen abzusichern. Das G7-Geld soll die Versicherungen so verbilligen, dass sie erschwinglich werden. Zwei Varianten sind vorgesehen: Zum einen können sich Bürger versichern, zum anderen ganze Staaten.

Sie werden aber auch aufgefordert, sich besser gegen Wettergewalten zu schützen. Dann würden sie entschädigt, falls eine Dürre die Ernte oder ein Taifun Dörfer zerstört.

Deutschland gibt 150 Millionen Euro

Deutschland und Großbritannien wollen den größten Beitrag liefern, die Bundesregierung stellt 150 Millionen Euro zur Verfügung. Die USA geben 30 Millionen Dollar, die anderen G7-Länder den Rest. Die G7 hoffen, dass andere Länder und große Versicherungen nachziehen. Kleinere Beträge haben Länder wie Australien bereits zugesagt.

"Solche Versicherungen ergeben auch ohne Klimawandel Sinn", sagt Ingrid-Gabriela Hoven vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), die das Projekt mit initiiert. "Sie helfen Menschen in akuter Notlage." Die Klima-Versicherungen sollen 400 Millionen Menschen erreichen.

Ein Pionierprojekt gibt es seit 2005: Die Munich Re versichert über einen afrikanische Direktversicherer Umweltschäden im Niger und Senegal, in Mauretanien und Kenia. Die ersten Schadensfälle sind bereits eingetreten; 1,3 Millionen Menschen sollen profitiert haben. Die Maßnahmen sollen Hunderttausende Nutztiere vor dem Verdursten gerettet haben.

Strenge Bedingungen

"Die G7-Initiative ist eine gute Sache und der erste Schritt in Richtung faire Risikoverteilung", sagt Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik bei der Hilfsorganisation Brot für die Welt. Die ärmsten Menschen seien vom Klimawandel besonders betroffen, weil sie kaum in der Lage seien, Stürme, Überschwemmungen oder Dürren zu verkraften.

Die Assekuranzen werden an strenge Bedingungen geknüpft. Staaten sollen Pläne vorlegen, wie das Geld im Ernstfall rasch an Bedürftige gelangt. Man ist gewarnt: Korruption hat Entwicklungshilfe gerade in afrikanischen Staaten oft in dubiosen Kanälen versickern lassen.

"Bei den Versicherungen muss gewährleistet sein, dass niemand ausgeschlossen wird", betont Minninger. "Gerade marginalisierte Bevölkerungsgruppen drohen, vernachlässigt zu werden".

Die Leistungen müssten an Bedürfnisse der Zielgruppen orientiert sein. "Nomaden in Äthiopien werden im Fall einer Dürre mit Bargeld wenig anfangen können, sondern brauchen dann zur Sicherung ihrer Ernährung Lebensmittel", sagt Minninger. Vor Ort müssten Entwicklungsorganisationen die Hilfe sicherstellen.

Geschickt lanciert

Um die Idee der Versicherungen in den Entwurf für einen Klimavertrag für Paris zu bekommen, mussten Hoven und ihre Kollegen geschickt manövrieren. Anfang des Jahres fädelten sie ihren Vorstoß niederschwellig ein.

Bei der ersten Konferenz des Jahres im Februar in Genf organisierten sie ein ungezwungenen "Side Event": Rückversicherer Munich Re lud, gesponsert von den G-7-Staaten, zur "Munich Climate Insurance Initiative" ein. Am Abend zuvor hatten die Deutschen beim Abendessen mit afrikanischen Delegierten das "Side Event" empfohlen. Das Thema war lanciert.

Es dauerte noch mehr als ein halbes Jahr, bis sich Zustimmung abzeichnete. Mittlerweile stehen die Zeichen gut. Die Versicherungen haben es in den finalen Entwurf für einen Weltklimavertrag von Paris geschafft. Das G7-Geld dürfte der Initiative nun endgültig den Weg in den Vertrag ebnen, meinen Delegierte.

Versicherungen werden aber nicht allen Streit um Ausgleichszahlungen schlichten können; für schleichende Schäden wie Meeresspiegelanstieg, Gletscherschmelze oder Wüstenausbreitung kommen sie nicht infrage. Aber sie könnten ein Anfang sein für einen Kompromiss zu einem Weltklimavertrag.

Die Wahrheit über die Erwärmung

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insgesamt 83 Beiträge
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1. In einer Welt
sachse78 05.12.2015
Die Billionen in Explosivkörper steckt, sind diese Maßnahmen dürftig. Versicherungen sind Unternehmen und damit gewinnorientiert. Insofern geht mal wieder unter dem Deckmantel der Menschlichkeit, Geld an die Eliten. Danke Freunde
2. Es gibt kein
thequickeningishappening 05.12.2015
"Unwetter"! Das Wetter verhaelt sich nach den von der Menschheit gemassregelten Gesetzen der Physik!!!
3. unfassbar
starbugs 05.12.2015
Statt echter Ursachenbekämpfung jetzt also finanzielle Ent-"schädigung". Der Schaden darf also erstmal verursacht werden. Die Welt bzw deren Verwalter werden wirklich immer dümmer.
4. Klimaversicherung
L!nk 05.12.2015
Warum erinnert mich dass jetzt so sehr an die Sache mit der sicheren Atomenergie?
5. Really
Jurzi 05.12.2015
Kann mir das mal einer erklären? Mit 420 Millionen Dollar soll eine Versicherung geschaffen werden, die 400 Millionen Menschen hilft? Also - im Schadensfall kriegt jeder einen Dollar ... und davon kann sich dann jeder ein neues Haus kaufen - oder wie?
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Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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