"Penis schuld am Klimawandel" Forscher narren Fachzeitschrift mit Quatsch-Studie

Erfundene Quellen, sinnlose Sätze, haarsträubende Thesen: Forschern ist es gelungen, einen Nonsens-Aufsatz in einer Fachzeitschrift zu publizieren. Ihr Experten-Jargon habe die Prüfer überzeugt, glauben die Autoren.

Nonsense-Studie "Der konzeptuelle Penis als soziales Konstrukt"
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Nonsense-Studie "Der konzeptuelle Penis als soziales Konstrukt"

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Vor 21 Jahren schaffte es der Physiker Alan Sokal, eine Unsinnsstudie im Fachmagazin "Social Text" unterzubringen. Sie sollte vorgeblich die "Quantengravitation als linguistisches und soziales Konstrukt deuten", war jedoch wohlüberlegter Quatsch.

Den Gutachtern war nicht aufgefallen, dass der Aufsatz keinen Sinn ergab. Die Sokal-Affäre löste eine jahrelange Debatte über die Qualität geisteswissenschaftlicher Studien aus. Nun könnte die Debatte erneut aufflammen.

Zwei Wissenschaftler berichten, sie hätten unter Pseudonymen ihren Quatsch-Aufsatz "Der konzeptuelle Penis als soziales Konstrukt" im Fachblatt "Cogent Social Sciences" untergebracht. Gutachter des Magazins hätten sie ermuntert und ihnen beste Noten gegeben, berichten der Philosoph Peter Boghossian und der Mathematiker James Lindsay.

"Höchster Standard der Begutachtung"

"3000 Wörter vollkommenen Unsinns" hätten sie geschrieben, berichten die beiden. "Unser Aufsatz hätte niemals publiziert werden dürfen." "Cogent Social Sciences" hat den Aufsatz mittlerweile von der Website genommen; im Internetarchiv aber findet er sich noch.

Das Journal wirbt damit, gegen Bezahlung "nach höchstem Standard begutachtete Studien" zu veröffentlichen. Es erscheint bei Taylor & Francis Group, einem großen internationalen Wissenschaftsverlag.

Manuskripte, die für ihre "Original-Magazine" nicht infrage kämen, würde der Verlag gerne an ihre Cogent-Magazin-Serie weiterleiten, schreibt der Verlag. Das Fachblatt hat sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Fall geäußert.

Der Fall erinnert an eine "Studie", die vor zwei Jahren vermeintlich zeigte, dass Schokolade beim Abnehmen hilft - auch diese Arbeit wurde in einer derartigen Fachzeitschrift veröffentlicht.

Die bizarre "These" des Essays sei offenbar nicht als Satire entlarvt worden, weil sie im üblichen Duktus gehalten worden sei, meinen Boghossian und Lindsay. Sie hätten sich bemüht, sich im "poststrukturalistischen Stil diskursiver Gendertheorie" auszudrücken.

"Das Konzept des Penis", so beginnen die beiden ihren Aufsatz, "würde besser nicht als anatomisches Organ verstanden, sondern als ein soziales Konstrukt, isomorph zur performativen toxischen Maskulinität."

Am Beispiel des Klimawandels sollte die Studie den "vorherrschenden, schädlichen Tropos herausfordern, den Penis als männliches Sexualorgan zu verstehen und ihm eine passendere Rolle als Art maskuliner Performance zuweisen." Die Forscher kommen zu dem Schluss, der Penis sei "der konzeptionelle Treiber für einen Großteil des Klimawandels".

Die Begründung: "Destruktive, unnachhaltige, hegemoniale, männliche Einstellungen, Umweltpolitik zu prägen, sind das vorhersehbare Resultat einer Vergewaltigung der Natur durch eine männlich dominierte Mentalität. Diese Mentalität wird am besten gefasst, indem man die Rolle des konzeptuellen Penis bei der maskulinen Psychologie berücksichtigt." Insbesondere "jungfräuliche Landschaften" könnten "billig ausgebeutet werden".

Sie hätten ihren Aufsatz sorgfältig geprüft, ob auch wirklich nichts Sinnvolles darin enthalten sei, schreiben Boghossian und Lindsay. Als das gesichert gewesen sei, hätten sie ihn zur wissenschaftlichen Prüfung an "Cogent Social Sciences" geschickt.

Lob der Gutachter

Wie es sich für eine Studie gehört, führen Boghossian und Lindsay zahlreiche Quellenverweise an. Sie hätten sich dabei einfach an Stichworten orientiert - Studien mit Begriffen, die plausibel zu ihrem Aufsatz passten, hätten sie aufgeführt.

"Wir haben genau null unserer Quellen gelesen, das war Teil unseres Schwindels", berichten Boghossian und Lindsay. Fünf zitierte Studien hätten sie sich einfach ausgedacht. Sogar zwei Fachmagazine, in denen jene Arbeiten angeblich erschienen sind, seien erfunden.

Prüfer hätten ihre Arbeit als "gut fundiert" gelobt: "Sie erfasse das Thema der Hypermaskulinität durch einen multidimensionalen und nichtlinearen Prozess", habe ein Gutachter geurteilt. Ein anderer habe geschrieben, der Aufsatz sei "herausragend in jeder Kategorie".

Nur wenige Veränderungen seien eingefordert worden, die in zwei Stunden mit der Ergänzung weiteren Unsinns hätten erledigt werden können, berichten Boghossian und Lindsay. Es habe genügt, das Problem der "Männerausbreitung" hinsichtlich des Klimawandels zu thematisieren und mit dem Beispiel von "Schwanzvergleich-Wettbewerben" zu unterfüttern.

Ihre Scherz-Studie weise auf zwei Probleme der Geisteswissenschaften hin, meinen die beiden Autoren: Zum einen seien Veröffentlichungen gegen Bezahlung offenbar anfällig dafür, problemlos durchgewunken zu werden. Folglich könnten Schwindler in den Rang ernstzunehmender Wissenschaftler aufsteigen, indem sie nach einer Bezahlung auf begutachtete Studien verweisen könnten.

Zum anderen würden politisch gewünschte Ergebnisse und moderner Fachjargon dazu verleiten, Blödsinn nicht zu erkennen, glauben Boghossian und Lindsay erkannt zu haben.



insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
geando 23.05.2017
1. Das wundert mich überhaupt nicht
Gerade im Bereich der sogenannten "Gender-Studien" gibt es so viel haarsträubenden Unsinn und völlig unbelegbare Behauptungen, das man durchaus von einer Pseudo-Wissenschaft sprechen kann. Es ist nur schlimm, das "Studien" heutzutage als breite Grundlage für Politik und Meinungsbildung genutzt werden und auch von den Medien häufig völlig unreflektiert zitiert oder als vermeintliche "Fakten" lanciert werden. Der menschliche Verstand und die Rationalität ist durch die "Studie" abgelöst worden. Es wäre zum lachen, wenn diese Entwicklung nicht nachhaltigen Einfluss auf unser aller Leben haben würde.
logophage 23.05.2017
2. Der Bäcker backt Brötchen, der Wissenschaftler schreibt "Paper"
- und wenn er keine schreibt muß er um seinen Job fürchten. An der Anzahl der Veröffentlichungen (und dem Impact-Factor) entscheiden sich akademische Karrieren und es geht um viel Geld (Gehaltsstufen, Fördergelder, Drittmittel). Deswegen ist eine ganze Veröffentlichungs-Industrie entstanden. Vor allem Journale die gegen Bezahlung veröffentlichen sind anfällig für schludrige Studien mit unterirdischem Erkenntnisgewinn. Konsequenterweise sollten solche Journale in der Publikationsliste eines Wissenschaftlers nicht berücksichtigt werden.
armi-nator 23.05.2017
3. Wieso Quatsch.
...das stimmt doch alles ganz genau, was in dieser Pulikation steht. "Destruktive, unnachhaltige, hegemoniale, männliche Einstellungen, Umweltpolitik zu prägen, sind das vorhersehbare Resultat einer Vergewaltigung der Natur durch eine männlich dominierte Mentalität. Diese Mentalität wird am besten gefasst, indem man die Rolle des konzeptuellen Penis bei der maskulinen Psychologie berücksichtigt." Das ist doch exakt richtig. Genau so isses -- wegen 6000 Jahren Patriarchat, verdammt nochmal. Das ist nichts als die Wahrheit, und kein "Quatsch".
stat_ist 23.05.2017
4. Köstlich, allerdings nicht auf Geisteswissenschaften beschränkt
.. auch in medizinischen bzw Life-Science-Fachzeitschriften wird viel Unsinn veröffentlicht: Ergebnisse von Sub-Sub-Gruppen-Analysen oder neue diagnostische Tests, ermittelt an 20000 x-omics Daten von 50+50 Patienten - das ist genauso großer Blödsinn, kleine Unterschiede durch Angabe des Standardfehlers (statt Standardabweichung) virtuell maximiert, nur dass die Wissenschaftler hierfür noch Fördergelder bekommen, bzw. von interessierte Seite gesponsert werden...
jim_beam 23.05.2017
5. unsinn
"Cogent Social Sciences" ist ein Schrott-Journal, welches gegen Geld Artikel publiziert, die von richtigen Journals abgelehnt wurden (siehe auch Predatory open access publishing). Wenn jemand im Eigenverlag irgendwelchen Käse publiziert, hat er damit genau nichts bewiesen. Es ist allerdings tatsächlich skandalös, dass Taylor & Francis dieses hochgradig unseriöse Geschäftsmodell betreibt
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