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Wahrnehmung: Wie Pferde ihre Lieblingsmenschen erkennen

Tierfreunde ahnen es schon lange, jetzt scheint es bewiesen: Pferde sind wahre Meister im Erkennen von Menschen. Ein Experiment ergab, dass die Vierbeiner allein anhand von Geruch, Aussehen oder dem Klang der Stimme eine fremde von einer vertrauten Person unterscheiden können.

Pferde können ihre Besitzer am Geruch, am Aussehen und an der Stimme erkennen Zur Großansicht
Corbis

Pferde können ihre Besitzer am Geruch, am Aussehen und an der Stimme erkennen

Der Hengst Black Beauty lernt im gleichnamigen Bestseller-Roman allerhand Menschen kennen. Das müde Gesicht eines Kutschers merkt er sich genauso gut wie die freundliche Stimme seines früheren Besitzers. Auch im echten Leben sollen Pferde ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis haben. Einer neuen Studie zufolge können die Tiere ihre Reiter mit einem einzigen Sinnesorgan erkennen. Wenn sie Menschen nicht sehen können, sind sie immer noch in der Lage, sie am Geruch oder der Stimme zu erkennen.

Die Veterinärmedizinerin Jessica Frances Lampe von der schottischen University of Edinburgh und der Psychologe Jeffrey Andre von der James Madison University in Harrisonburg (US-Bundesstaat Virginia) haben ihre Versuche mit zwölf Springpferden im Alter von acht bis fünfzehn Jahren durchgeführt. "Wir haben festgestellt, dass Pferde ein cross-modales Erinnerungsvermögen haben", schreiben Lampe und Andre im Fachmagazin "Animal Cognition". "Das heißt, dass ihr Gehirn die Signale verschiedener Sinnesorgane zusammenfügen kann." Das fehlende Signal, also zum Beispiel das Aussehen, könne von den Signalen anderer Sinne kompensiert werden. Auch von Hunden, Rhesus- und Totenkopfaffen weiß man, dass sie über diese Fähigkeit verfügen.

Um das Erinnerungsvermögen der Pferde zu testen, führten die Forscher mehrere Versuche durch. Zunächst bekamen die Tiere im Stall Besuch vom Leiter des Hofes, der ihnen eng vertraut war, und von einer fremden Person. Beide streichelten die Pferde knapp eine Minute lang an Hals, Gesicht und Schulter, ohne etwas zu sagen, und verschwanden dann hinter einer Holzwand.

Reaktionszeit verrät Interesse

Wenige Sekunden später spielten die Wissenschaftler jeweils eine Tonaufnahme der vertrauten oder der fremden Person ein. Stimmte der Klang nicht mit Aussehen und Geruch des Sprechers überein, waren die Tiere viel stärker an der Tonaufnahme interessiert, wie auf Videoaufnahmen zu sehen war. Als der vertraute Leiter des Pferdehofs hinter der Holzwand verschwand, dann aber die Stimme des Fremden ertönte, schauten die Tiere im Schnitt nach sechs Sekunden erstmals in die Richtung des Tonbandgeräts. Als Stimme und Aussehen übereinstimmten, sahen sie erst nach 13 Sekunden herüber.

Der erste Blick dauerte zudem länger an, wenn Person und Stimme nicht übereinstimmten. Die Pferde schauten knapp neun Sekunden, also fast doppelt so lange, in Richtung Lautsprecher. Die Diskrepanz zwischen Stimme und Aussehen war für die Tiere offenbar so interessant, dass sie im Schnitt zweieinhalb Mal hinsehen mussten. Das alles zeigt nach Meinung der Forscher, dass Pferde Aussehen und Geruch einer Person mit ihrer Stimme in Verbindung bringen können.

Wenn Pferde unter Artgenossen sind, reagieren sie besonders stark auf Töne, denn fremde Geräusche könnten Konkurrenz oder Gefahr signalisieren. Beim Experiment mit Menschen machte es allerdings keinen Unterschied, ob die Stimme fremd oder vertraut war. "Das deutet darauf hin, dass Pferde fremde Menschen nicht mit Konkurrenz oder einem Konflikt assoziieren", schreiben die Forscher.

Die beiden Forscher wollen das cross-modale Gedächtnis von Pferden noch weiter untersuchen. Ungeklärt sei zum Beispiel, ob Pferde mit einem Sinnesorgan auch zwischen zwei vertrauten Menschen unterscheiden können. Fest steht jedoch: Ein cross-modales Gedächtnis ist für Fluchttiere wie Pferde ein großer Vorteil. Mit dieser Fähigkeit können sie nämlich nicht nur ihren heißgeliebten Besitzer, sondern auch Feinde frühzeitig erkennen.

ajo

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Warum können Enten schwimmen?
Ylex 20.04.2012
Zitat: "Wir haben festgestellt, dass Pferde ein cross-modales Erinnerungsvermögen haben ...“ Schon wieder etwas gelernt. Oder nicht? Cross-modales Erinnerungsvermögen hört sich auf jeden Fall gut an, das kann man gelegentlich elegant unter- und so den Gesprächspartner aus der Fassung bringen. Als Laie fragt man sich unwillkürlich, weshalb eigentlich Pferde dieses Überkreuz-Gedächtnis nicht haben sollten, weshalb mich, wie gesagt als blutiger Laie, der Sinn dieser Untersuchung nicht restlos überzeugt und mich darüberhinaus noch auf einen anderen Artikel bringt, der aktuell im SPIEGEL kursiert, in dem es unter anderem um den wissenschaftlichen Wert von Doktorarbeiten geht, na ja. Wir Menschen verfügen zweifellos über ein cross-modales Erinnerungsvermögen. Wenn ich zum Beispiel den großen Zeh einer Bekannten sehe, respektive den meergrün anlackierten Zehnagel, dann weiß ich spontan, dass es sich um diese Person handelt und nicht etwa um eine andere, sie braucht gar nichts zu sagen – und so ist also auch bei den Pferden mit den Hufen. Vor einiger Zeit stand im SPIEGEL ein ähnlicher Artikel, es ging um die Erforschung eines anderen Geheimnisses in der Tierwelt – können Hunde träumen? Ergebnis: Ja. Das allerdings hätte ich den Wissenschaftlern mit geradezu traumhafter Sicherheit voraussagen können. Ich ahne schon, worum es im nächsten animalisch-wissenschaftlichen Artikel gehen wird – warum können Enten schwimmen? Mein Tipp, natürlich unverbindlich: weil sie so schnell mit den Füßen paddeln.
2.
minhen 20.04.2012
@Ylex: Mich schockiert immer wieder, wie weit verbreitet wissenschaflicher Analphabetismus in der Bevölkerung ist. Und wie selbstverständlich er zelebriert wird. Dabei zeigt nicht nur die schier unendliche Liste populärer Irrtümer, sondern auch Ihr Enten-Beispiel, dass eine Vermutung zu haben und etwas zu glauben sehr weit von Wissen und Verstehen entfernt ist.
3.
pundamaria 20.04.2012
Das Ergebnis der Studie ist ein weiterer Beweis fuer die geringe Intelligenz von Pferden.
4.
phboerker 20.04.2012
Die Verbindung verschiedener Sinneseindrücke ist keineswegs selbstverständlich, auch nicht beim Menschen. So gibt es bei kleinen Kindern sensorische Integrationsstörungen, bei denen genau diese Fähigkeit mangelt und zu Entwicklungsverzögerungen und Lernproblemen führen kann. Kinder müssen nämlich erst lernen, dass z.B. ein Knall und ein herunterfallender Gegenstand kausal miteinander verbunden sind. Und nicht alles, was Kinder so lernen, kann man auch bei Tieren als Grundfähigkeit voraussetzen (man denke beispielsweise an Sprache...).
5. .
medusalem 20.04.2012
Zitat von YlexZitat: "Wir haben festgestellt, dass Pferde ein cross-modales Erinnerungsvermögen haben ...“ Schon wieder etwas gelernt. Oder nicht? Cross-modales Erinnerungsvermögen hört sich auf jeden Fall gut an, das kann man gelegentlich elegant unter- und so den Gesprächspartner aus der Fassung bringen. Als Laie fragt man sich unwillkürlich, weshalb eigentlich Pferde dieses Überkreuz-Gedächtnis nicht haben sollten, weshalb mich, wie gesagt als blutiger Laie, der Sinn dieser Untersuchung nicht restlos überzeugt und mich darüberhinaus noch auf einen anderen Artikel bringt, der aktuell im SPIEGEL kursiert, in dem es unter anderem um den wissenschaftlichen Wert von Doktorarbeiten geht, na ja. Wir Menschen verfügen zweifellos über ein cross-modales Erinnerungsvermögen. Wenn ich zum Beispiel den großen Zeh einer Bekannten sehe, respektive den meergrün anlackierten Zehnagel, dann weiß ich spontan, dass es sich um diese Person handelt und nicht etwa um eine andere, sie braucht gar nichts zu sagen – und so ist also auch bei den Pferden mit den Hufen. Vor einiger Zeit stand im SPIEGEL ein ähnlicher Artikel, es ging um die Erforschung eines anderen Geheimnisses in der Tierwelt – können Hunde träumen? Ergebnis: Ja. Das allerdings hätte ich den Wissenschaftlern mit geradezu traumhafter Sicherheit voraussagen können. Ich ahne schon, worum es im nächsten animalisch-wissenschaftlichen Artikel gehen wird – warum können Enten schwimmen? Mein Tipp, natürlich unverbindlich: weil sie so schnell mit den Füßen paddeln.
Ich muss Ihnen voll und ganz recht geben. Jeder Mensch, der nur ansatzweise über eine gewisse Restempathie gegenüber anderen Lebewesen verfügt, weiss doch seit der Kindheit mit träumerischer, nicht noch erst wissenschaftlich zu untermauernder Selbstverständlichkeit, dass Tiere uns erkennen können, ein Gefühlsleben haben, Intuition, Empathie und emotionellen Scharfsinn besitzen. In den Anfängen der medizinischen Studien betrachtete man Tiere als biologische Maschinen, und die fürchterlichen Laute und Schreie, die man beim lebendigen Sezieren hören konnte, wurden als Beweis für die Reibung der mechanischen Teile betrachtet. Dass "wissenschaftliches Denken" seit jeher mit der völligen Entkopplung der emotionalen Wahrnehmung und des Fühlens einhergeht, ist ein trauriges Zeugnis der Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich vor schmerzhaften existentiellen Tatsachen in den Elfenbeinturm des Intellektes zu flüchten. Wie unglaublich abgekoppelt von seinem gesunden Menschenverstand muss man denn sein, um allen Ernstes solche Studien durchzuführen, um zu "beweisen", was jedes Kind weiss und spürt? Sorry aber wenn ich Ihren Kommentar recht verstehe, liefern Sie gerade den besten Beweis für die unglaublich anmaßende Arroganz von Leuten, die sich durch ihre abgehobene "wissenschaftliche " Weltanschauung dem Leben scheinbar nur analytisch nähern können, und den gesunden Menschenverstand, die Gefühle und intuitives Wissen als "wissenschaflichen Analphabetismus" definieren. Sehen Sie doch einfach mal einem Tier in die Augen - wenn Sie dann immer noch nicht mitkriegen dass Sie ein bewusstes, fühlendes Gegenüber haben und keine experimentelle Studie dafür brauchen, das zu verstehen, wird Ihnen besagtes Experiment auch nicht mehr weiterhelfen.
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