Ausgegraben

Knochenfunde Mit Pferden über den Gletscher

Runar Leifsson

Im Eis des norwegischen Lendbreen Gletschers haben Archäologen Pferdeknochen aus der Eisen- und Wikingerzeit entdeckt. Unter anderem zum Jagen hatten die Menschen ihre Tiere bergauf getrieben - bis zur vollkommenen Erschöpfung.

Bis zum Basiscamp nehmen die Archäologen die Pferde noch mit. Die Tiere tragen das schwere Gerät und das Proviant der Forscher für die Arbeit auf dem norwegischen Lendbreen Gletscher. Doch weiter hinauf würden sie die Pferde nicht mehr führen. "Das Terrain weiter oben ist ziemlich furchteinflößend", beschreibt der Archäologe Lars Pilø, Leiter des Glacier Archaeology Programme Oppland, das Gelände in einer Email an Spiegel Online, "es ist steil und bedeckt von losem Geröll."

Die Menschen in der Eisen- und Wikingerzeit (etwa 200 bis 1000 nach Christus) waren offenbar nicht so gut zu ihren Tieren. Denn in der Gletscherzone, auf etwa 1900 Metern über dem Meeresspiegel, fanden Pilø und sein Team in diesem Sommer Pferdeknochen. Freiwillig haben die Tiere sich bestimmt nicht dorthin verirrt. Die Archäologen vermuten, dass die Wikinger zwei Gründe dafür hatten, Pferde mit in diese Hochlagen zu nehmen. "Der obere Teil des Gletschers diente mindestens tausend Jahre lang als Übergang über die Berge", schreibt Pilø. "Hier haben wir viele Artefakte gefunden, von denen die Tunika, die wir diesen Sommer entdeckten, wohl der wichtigste ist." Die Wikinger verloren auf dem Weg über die Berge so einiges an warmer Kleidung: einen Handschuh oder mehrere Schuhe. Die Pferde dienten den Wikingern bei der Überquerung - wie auch den Archäologen selber heute noch - als Transporttiere.

Doch es gab noch einen weiteren Grund, sich mit den Tieren auf den Gletscher zu wagen. Denn im Sommer, wenn die Bremsen in den tieferen Lagen ihr Unwesen treiben, fliehen die Rentiere auf das Eis. Hier haben sie Ruhe vor den schmerzhaften Attacken der Dasselfliegen. Damit wird der Gletscher zum idealen Jagdgrund. Viele Fundstellen belegen, dass die Menschen den Rentieren aufs Eis folgten: "Wir finden häufig Pfeile und auch Schreckstöcke - das sind etwa ein Meter lange Holzstangen mit einem kleinen, beweglichen Objekt an einem Ende. Die Stangen wurden in Reihen aufgestellt, um die Rentiere auf die Jäger zuzutreiben, die versteckt im Gelände lagen." Die Pferde nahmen die Jäger mit auf den Gletscher, um auf ihnen die erlegten Rentiere ins Tal bringen zu können.

Tod aus Erschöpfung

Die ersten Hinweise darauf, dass einst Pferde den Gletscher überquert hatten, fanden die Forscher vor zwei Jahren. Inzwischen sind viele dazu gekommen, die Indizienlage ist eindeutig: Hufeisen und Hufnägel, Pferdeäpfel - und jetzt auch noch die Knochen eines Pferdes. "Wir waren überrascht, so viele Belege für die Nutzung von Pferden in dieser Gletscherzone zu finden", gibt Pilø zu. "Die Tatsache, dass Pferde hier oben starben, belegt nur noch eindeutiger, was für eine gefährliche Herausforderung das war." Wahrscheinlich starben die Tiere vor Erschöpfung oder brachen sich in dem unwegsamen Gelände ein Bein. "Dann schlachtete man sie an Ort und Stelle und ließ die nicht essbaren Teile des Tieres zurück."

Die meisten Funde datieren in die norwegische Eisen- und Wikingerzeit. Teile von Pferdegeschirr stammen aus der Zeit um 400 nach Christus, einen Pferdeapfel ließ ein Tier um das Jahr 1000 ins Eis fallen. Aber auch später noch gab es Pferde auf dem Lendbreen Gletscher. Denn die Hufeisen sind allesamt jünger: "Hufeisen gab es in der Wikingerzeit noch nicht, erst im Mittelalter ab etwa 1050 nach Christus", erklärt Pilø. Auf die Laborergebnisse der Knochendatierung warten die Forscher noch.

Pilø und sein Team von Gletscherarchäologen haben viel zu tun. Denn wenn das Eis schmilzt, gibt es Funde frei, die es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende perfekt konserviert hatte. Das funktioniert allerdings nur in Eisblöcken - größere Bereiche, die trotz der ständigen Bewegung des Gletschers stabil blieben. "In denen werden die Artefakte sicher aufbewahrt wie in einem gigantischen Kühlschrank." Doch wenn das Eis sie einmal freigibt, müssen die Archäologen schnell handeln. Kommt das Material erst einmal in Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft, beginnt sofort der Zersetzungsprozess.

Der Lendbreen Gletscher gibt viel her. Zwar weichen auch in anderen Regionen die Gletscher: in den Alpen, in den Rocky Mountains. "Doch von weltweit knapp 3000 Funden aus dem Eis stammen 1660 aus der norwegischen Provinz Oppland, zu der auch der Lendbreen Gletscher gehört", berichtet Pilø. Die ältesten Funde datieren zurück auf 1700 vor Christus. "Aber wir erwarten, noch ältere zu finden, wenn das Eis weiter schmilzt." Und das wird es wohl. "Wenn die Prognosen stimmen, wird das Eis in den Bergen Opplands im Laufe dieses Jahrhunderts ganz verschwinden."



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2 Leserkommentare
r-flection 24.09.2013
spon-facebook-10000363349 17.10.2013

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