Artenvielfalt Pflanzenschutzmittel gefährden deutsche Gewässer

In vielen Gewässern weltweit ist die Konzentration von Pflanzenschutzmitteln zu hoch, berichten Forscher. Sie hatten Daten aus 73 Ländern ausgewertet. Auch in Deutschland werden Grenzwerte oft nicht eingehalten.

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln: Regengüsse spülen giftige Stoffe von Feldern in anliegende Gewässer
DPA

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln: Regengüsse spülen giftige Stoffe von Feldern in anliegende Gewässer


"Es ist in Deutschland ähnlich wie überall", erklärt Ralf Schulz von der Universität Koblenz-Landau. Zwischen Ländern mit strenger Umweltgesetzgebung und weniger restriktiven Ländern gebe es kaum Unterschiede bei der Belastung der Gewässer. Pflanzenschutzmittel verschmutzen Gewässer weltweit und gefährden die Artenvielfalt von Insekten und kleinen Krebsen, zeigt eine Studie.

In vielen deutschen Gewässern sei die Konzentration der Stoffe sogar oftmals höher als von den Behörden zugelassen, berichten die Forscher. Für Menschen bestehe in Deutschland allerdings keine direkte Gefahr, das Trinkwasser sei gut überwacht, so Schulz.

Schulz hatte gemeinsam mit einem Kollegen 838 Studien zu Gewässerverschmutzung aus 73 Ländern ausgewertet und damit Daten von insgesamt 11.300 Proben, in denen für Insekten und Kleinkrebse giftige Mittel im Gewässer nachgewiesen wurden. In mehr als 50 Prozent der Fälle waren die Stoffe höher konzentriert als zugelassen, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Das gefährdet die Artenvielfalt.

Hohe Dunkelziffer

In vielen Teichen und Bächen sei der Schaden längst angerichtet, so Schulz, denn die Untersuchung stützt sich auf wissenschaftliche Artikel aus den Jahren 1962 bis 2012. Bei neueren Wirkstoffen sei das Bild bedenklicher als bei älteren.

Schulz geht zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Weltweit dürften gerade einmal Daten von rund zehn Prozent der Gewässer vorliegen, berichtet er. Außerdem seien Insektizide oft nur an zwei bis drei Tagen im Jahr in den Gewässern vorhanden. Daher gebe es an vielen Tagen gar keine Hinweise darauf.

"Auch in hoch belasteten Gewässern findet man nur an wenigen Tagen im Jahr Insektizide, weil sie sehr schnell abgebaut oder im Fall von Fließgewässern abtransportiert werden", sagte Schulz. "Aber bei hohen Konzentrationen reicht eine kurze Zeit, um alle Insekten im Gewässer zu töten."

Fehlerhafte Anwendung, mangelhafte Überwachung

Schuld an den hohen Werten könnten Fehler bei der Anwendung der Mittel sein. Jörn Wogram vom Umweltbundesamt (UBA) vermutet, dass Landwirte die Bestimmungen beim Einsatz der Gifte nicht einhalten. Probleme könnte auch die Zulassung verursachen, meinen die Forscher. Die Höchstkonzentrationen würden bei der Markteinführung unrealistisch eingeschätzt.

UBA-Forscher Wogram nennt die Erkenntnisse der Landauer Forscher alarmierend. Gewässer mit einem Einzugsgebiet von weniger als zehn Quadratkilometer würden hierzulande nicht genügend überwacht. Dabei machen sie nach Wograms Angaben einen Großteil aller Fließgewässer aus. Außerdem lägen gerade die kleinen Bäche und Tümpel näher an landwirtschaftlichen Flächen und seien Insektiziden daher besonders ausgesetzt.

jme/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bexx4me 14.04.2015
1. Pflanzenschutzmittel
Schon das Wort ist eine Verharmlosung. Das ist Gift und das findet sich dann auch in den Lebensmitteln wieder.
bluebill 14.04.2015
2. Industrialisierungsschäden
Fast die ganze Welt ist fest in den Händen von Agrarkonzernen. Die bestimmen, was wo angebaut wird (egal ob über Landkauf oder -raub, juristische Winkelzüge oder Lobbyarbeit). Und die bestimmen auch, welche Gifte wo verwendet werden, um die Erträge und damit den Gewinn zu steigern. Wenn zu viel produziert wird, so daß die Preise zu fallen drohen, schmeißt man die Ernte eben weg. Vieles verfüttert man auch an Tiere, um deren Fleisch zu verkaufen. Oder eben wegzuwerfen, wenn es zuviel gibt. Standard im Landschaftsbild sind heute nicht mehr vielfältig bepflanzte Felder, sondern gigantische Monokulturen, die den Boden auslaugen und für die immer mehr natürlicher Lebensraum abgeholzt wird. Daß dabei ganze Landstriche veröden, Menschen hungern und krank werden, Tiere und Pflanzen aussterben, Recht gebrochen wird - interessiert die Konzerne nicht. Für die ist nur der derzeitige Gewinn wichtig und die Gewinnerwartung der nächsten Monate. So daß die Aktie einen guten Wert aufweist.
petro23 14.04.2015
3. Fracking...
muss hier endlich mal nicht herhalten, um die Angst vor Grundwasserverschmutzung zu nähren.
Tobsen666 14.04.2015
4. Die bösen Pestizide aber auch!
Schade, dass man von Luft und Liebe nicht leben kann. Und 7 Milliarden Menschen schon mal gar nicht. Wer bessere Ideen hat, diese hungrigen Mäuler zu stopfen, immer her damit. Aber dieses verklärte Bild der Landwirtschaft, das einige an den Tag legen, ist einfach nur als höchst einfältig zu bezeichnen.
quidquidagis1 14.04.2015
5. Was..
Zitat von Tobsen666Schade, dass man von Luft und Liebe nicht leben kann. Und 7 Milliarden Menschen schon mal gar nicht. Wer bessere Ideen hat, diese hungrigen Mäuler zu stopfen, immer her damit. Aber dieses verklärte Bild der Landwirtschaft, das einige an den Tag legen, ist einfach nur als höchst einfältig zu bezeichnen.
..haben deutsche Grenzwerte für Pflanzenvernichtungsmittel mit "hungrigen Mäulern"in der Sahel Zone zu tun?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.