Pilz-Parasit: Eschensterben alarmiert Forstexperten

Von Volker Mrasek

Erst die Ulme, jetzt die Esche: Beide Laubbäume sind durch Pilz-Parasiten in ihrer Existenz bedroht. Wissenschaftler befürchten nun ein flächendeckendes Baumsterben.

In der germanischen Mythologie spielt die Esche eine herausragende Rolle unter allen Laubbäumen. Laut der Edda schnitzten Odin und die anderen Götter einst den ersten Mann aus ihrem Holz. In der nordischen Sage ist das Schicksal der Erde mit dem von Yggdrasil, der immergrünen Weltenesche, verknüpft. Hirsche knabbern fortwährend ihre Knospen, Blüten und Zweige ab, um den Gang der Stunden, Tage und Jahreszeiten aufrechtzuerhalten. Sollte der Baum jemals welken, hätte das den Weltuntergang zur Folge.

So weit ist es nach den Mythen der Germanen nie gekommen. Doch in der realen Welt ist der sagenumwobene Baum jetzt tatsächlich in seiner Existenz bedroht. Baumschulen und Förster in halb Europa registrieren ein rätselhaftes Eschensterben und kennen kein Gegenmittel. Betroffen sind Skandinavien, das Baltikum, Polen, Tschechien und Slowenien – und zunehmend auch Deutschland, Österreich sowie die Schweiz.

"Es geht um das Überleben der Baumart", sagt der Forstwissenschaftler Alfred Wulf vom Julius-Kühn-Institut
( JKI) in Braunschweig, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Einige Kollegen im Ausland sprächen schon "ganz klar von einer Epidemie".

Die Esche ist in fast allen hiesigen Mischwäldern anzutreffen. Den Edellaubbaum erkennt man an den charakteristischen geteilten Blättern und den filzigen schwarzen Knospen. Aus seinem elastischen Holz werden unter anderem Turngeräte und Werkzeugstiele gefertigt.

Baum stirbt von oben nach unten ab

Die hoch- und schellwüchsige Baumart richtet offenbar ein mikroskopisch kleiner Schädling zugrunde: ein Schlauchpilz namens Chalara fraxinea, der erst kürzlich, 2006, in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben wurde. Seine Invasion scheint der Einwanderer vom Baltikum aus gestartet zu haben, und das rasend schnell.

"Mit geeigneten Isolierungstechniken findet man ihn in allen erkrankten Eschen", sagt Wulf. Der Parasit dringt bis ins Holz der Bäume vor und ruft eine sogenannte Tracheomykose hervor, eine Pilzinfektion der Leitungsbahnen. Dadurch wird der Transport von Nährsalzen und Wasser von der Wurzel bis in die Krone unterbunden, was die Eschen einem schleichenden Tod ausliefert.

Die Biologin Irmtraut Zaspel spricht von "sehr eindeutigen" Krankheitssymptomen. Befallene Eschen bekämen "eine schüttere Belaubung, trockene Blätter und Zweige, und der Baum stirbt von oben nach unten ab", so die Expertin vom Johann Heinrich von Thünen-Institut ( VTI) bei Berlin, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Ein weiteres typisches Merkmal sind Nekrosen und damit verbundene rotbraune Verfärbungen der Rinde.

Keine Esche ist vor dem hochpathogenen Parasiten gefeit: Es trifft junge wie alte Pflanzen, Baumschulbestände genauso wie die in Wald und Flur. "Wir haben in den Baumschulen Ausfälle bis zu 100 Prozent", wie Wulf bei eigenen Probenentnahmen erleben musste.

"Der Baum existiert praktisch nicht mehr"

Wie sich der Schlauchpilz verbreitet, ist bisher nicht bekannt. Und auch nicht, was ihn so gefährlich macht. Biologin Zaspel kann sich vorstellen, dass er giftige Stoffwechselprodukte in den Gefäßen seines Wirtes freisetzt, die sie als Welketoxine bezeichnet. Dafür kommen etwa bestimmte ringförmige Eiweißmoleküle in Betracht. Aus Zellextrakten des Pilzes hat die Naturstoffchemikerin Huong Pham von der TU Berlin inzwischen Moleküle isoliert, bei denen es sich um solche Gift-Peptide handeln könnte. Die Laboranalysen sind aber noch nicht abgeschlossen.

Den Braunschweiger Forstwissenschaftler Wulf beunruhigen Parallelen zu einem anderen Fall: dem der Feldulme. Dieses Edellaubholz der Flusstäler wurde schon vor Jahrzehnten ebenfalls von einem Tracheomykose-Erreger heimgesucht.

Dramatischer kann ein Seuchenzug kaum verlaufen: Die von Borkenkäfern übertragene Pilz-Pest löste ein umfassendes Ulmensterben aus. "Sicher mehr als 90 Prozent" der Bäume habe der Parasit umgebracht, sagt Wulf. Bis auf kleine Restbestände in Europa sei von der Feldulme nichts mehr geblieben: "Der Baum existiert praktisch nicht mehr." Wulf will nicht ausschließen, dass "der Esche ein ähnliches Schicksal bevorstehen könnte."

Wirft man einen Blick in aktuelle Waldschutzberichte, dann stößt man auch bei anderen ansässigen Laub- und Nadelhölzern auf zunehmende Neuerkrankungen durch parasitäre Pilze:

  • Immer mehr Schwarzerlen am Ufer von Fließgewässern werden von einem Erreger befallen, der zur Gruppe der Falschen Mehltaupilze zählt. In der Folge verfaulen Wurzeln und Stamm, die Bäume sterben binnen Monaten. Im Spreewald, dem größten zusammenhängenden Erlen-Bestand in Mitteleuropa, liegt der Anteil infizierter Bäume nach Angaben des JKI bei über 22 Prozent. Auch hier ist vom "neuartigen Erlensterben" die Rede.
  • Vor drei Jahren wurde in Baden-Württemberg erstmals die Rußrindenkrankheit an Bergahorn diagnostiziert, dem frisch gekürten "Baum des Jahres 2009". Inzwischen liegen weitere Berichte aus den Räumen Leipzig und Dresden sowie aus der Rhein-Main-Ebene vor. Befallene Bäume, darunter inzwischen auch Spitz- und Silberahorn, welken und verlieren ihre Blätter, die Krone stirbt ab. Erreger der Infektion ist ebenfalls ein Mikropilz. Er bildet massenhaft Sporen, die als dunkler rußartiger Belag hervortreten, wenn die Rinde erkrankter Ahorne abblättert. Das ist auch für den Menschen nicht ungefährlich. Denn die Sporen können tief in die Lunge eindringen und Entzündungen hervorrufen.
  • Ein neu auftretender Pilz führt auch verstärkt zu Schäden an Schwarz- und Waldkiefern, bei denen junge Nadeln und Triebe infolge der Infektion absterben. Die Art stammt eigentlich aus tropischen und subtropischen Gefilden. Genauso wie der Erreger der Rußrindenkrankheit ist auch dieser Parasit wärmeliebend und wird bei seiner Ausbreitung in Deutschland offensichtlich durch den Klimawandel begünstigt. In der Schweiz dezimieren zudem Misteln die Kiefernbestände.

"Wir können es uns nicht leisten, eine Baumart nach der anderen zu verlieren", sagt Irmtraut Zaspel mit Blick auf verschwundene Ulmen und kränkelnde Erlen und Eschen. Nach der jüngsten Eiszeit seien in Europa nicht sehr viele Arten übriggeblieben, "gerade mal 20 bis 30". Wer standortgerechten Waldbau betreibe und Laubbäume anpflanzen wolle, dem stehe sogar nur ein halbes Dutzend Laubbaumarten zur Verfügung. Die Esche sollte dabei eigentlich an Bedeutung gewinnen, wie die VTI-Biologin erklärt: "Sie ist gut an trockene Standorte angepasst und unter wärmeren klimatischen Bedingungen für den Waldbau unverzichtbar." Tatsächlich aber wird die Esche "durch die neue Krankheit doch ganz erheblich als Waldbaum limitiert", wie JKI-Experte Wulf feststellt. In Mecklenburg-Vorpommern ist ihre Anpflanzung deshalb sogar verboten worden.

Die Forstwissenschaftler wollen die neue Pilz-Seuche nun intensiver untersuchen. Ein entsprechender Förderantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist gestellt. Alfred Wulf würde sich wünschen, dass der Eschen-Parasit nicht von den kaum bekämpfbaren Borkenkäfern übertragen wird wie sein Verwandter, der Feldulmen-Killer: "Das Ulmensterben ist sehr gut erforscht, man weiß genau, was passiert, allein: Es gibt keine Möglichkeiten, vernünftig dagegen anzugehen."

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Baumsterben: Der langsame Tod der Eschen