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Sturmphänomen Piteraq: Das Rätsel der Eisluft-Stürze von Grönland

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Piteraqs: Grönlands Eisluft-Stürze Fotos
NASA/ Jeff Schmaltz/ MODIS/ Leif Rasmussen

Anwohner sprechen von Sturm-Überfällen: Mit brachialer Wucht stürzen Kaltluft-Lawinen von Grönlands Eispanzer auf Siedlungen. Was geht vor?

Einheimische ahnten Böses, als am 22. November vergangenen Jahres der Himmel über Grönland plötzlich aufklarte. Er leuchtete metallisch blau.

Wenige Stunden später ging es los. Eine unsichtbare Lawine überfiel Grönlands Küste, eine brachiale Sturzflut eiskalter Luft. Mit 250 Kilometern pro Stunde schleuderte sie Boote umher, die in den Hafenwerften von Tasiilaq aufgebockt waren, der mit 2100 Einwohnern größten Stadt im Osten des Landes.

Die Bewohner hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert, doch der Sturm, ein sogenannter Piteraq, schlug Löcher in manche Holzbauten. Piteraq bedeutet: "Das, was einen überfällt".

Keine Chance haben meist jene, die vor den minus 20 Grad kalten Stürmen nicht in beheizte Häuser fliehen können. Betrunkene etwa, die im Freien schlummern. Oder jene, die auf Wanderung in den gebirgigen Weiten Grönlands von einem Piteraq überrascht werden.

Wie der 31-jährige Philip Goodeve-Docker, der vor drei Jahren erfror, nachdem ein Piteraq sein Zelt zerfetzt hatte, das er in der gebirgigen Gletscherwildnis aufgeschlagen hatte. "Wir hatten ihn fest umarmt, um ihn zu wärmen", berichteten seine zwei Begleiter, die wenige Stunden nach Philips Tod von einer Hubschrauberbesatzung aus der Kälte gerettet worden waren.

Was geschah im Februar 1970?

Noch heftiger blies es am 5. Februar 1970. Am Nachmittag schredderten Böen von mehr als 300 km/h so viele Holzhäuser in Tasiilaq, dass überlegt wurde, den Ort aufzugeben. "Südgrönland ist von einem unheimlichen Orkan heimgesucht worden", titelte ratlos das "Hamburger Abendblatt". Was wirklich passiert war, wusste niemand.

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Noch heute sind die unheimlichen Grönlandstürme kaum erforscht. Die Einheimischen helfen sich traditionell mit einer simplen Regel: Klart der Himmel plötzlich auf, sodass er metallisch blau leuchtet, könnte es bedrohlich werden.

Nur in einem alten grönländischen Schulbuch habe sie genauere Erläuterungen zu Piteraqs gefunden, erzählt Marilena Oltmanns vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Nach der Analyse von mehr als 200 der rätselhaften Stürme hat sie nun eine Erklärung des zerstörerischen Naturphänomens vorgelegt.

Auf Satellitenfotos Grönlands war ihr Seltsames aufgefallen: Von einem Tag auf den anderen waren eben noch zugefrorene Fjorde Grönlands plötzlich eisfrei. "Sie waren wie leergefegt", staunte Oltmanns. Was ging vor?

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Marilena Oltmanns

Marilena Oltmanns

Die junge Forscherin hat erkundet, warum die Stürme in Grönland dermaßen stark aufdrehen können, und sie hat ihre Ergebnisse jetzt zusammengefasst: Sie entdeckte Verstärkungseffekte, die aus Wind Sturm machen - und aus Sturm einen Eisorkan, der stärker wütet als die meisten Hurrikane.

Das Unheil kündigt sich an mit einem T auf der Wetterkarte, also einem Tiefdruckgebiet. Zieht es südöstlich von Grönland nordwärts, ist größte Vorsicht geboten - dann steht mit dem Tief eine Sturmturbine bereit.

Tiefdruckgebiete saugen Luft an, weil in ihnen Luft in die Höhe steigt; der Luftdruck am Boden fällt. Vor der Küste Grönlands wirken die Tiefs geradezu explosiv, denn über Grönland lagert stets der Gegenpol: ein Hochdruckgebiet. Weil die Luft über dem teils drei Kilometer hohen Eispanzer stark abkühlt, sinkt sie ab - und lastet schwer auf dem Land; der Luftdruck steigt.

Der hohe Luftdruck sucht sich einen Abfluss. Ein nahes Tief kommt gerade recht: Es saugt die Eisluft von Grönland aufs Meer - der Wind frischt auf. Warum aber, fragte sich Marilena Oltmanns, kann die Brise zu einem Kaltluftüberfall beschleunigen, zum Piteraq?

Wie eine Kugel im Gewehrlauf

Der Blick auf die Daten grönländischer Wetterstationen machte sie misstrauisch: Bei Piteraqs registrierten die Instrumente ganz unterschiedliche Windstärken, manche maßen selbst bei den heftigsten Unwettern nur mäßigen Sturm, andere Geräte hingegen waren vom Sturm zerfetzt worden. Oltmanns Folgerung: Die Stürme werden örtlich verstärkt.

In der wissenschaftlichen Literatur stieß die Forscherin auf ein erstaunliches Phänomen, das das Geschehen in Grönland erklären könnte: Kalte Luftmassen, die Gebirge hinabstürzen, brechen wie Wellen in der Brandung. Sobald sie wie Brecher am Strand in sich zusammenkrachen, beschleunigen sie mit extremer Wucht.

Doch es kommt noch schlimmer: Täler und Fjorde säumen die Küste Grönlands. Sie kanalisieren den herabstürzenden Eissturm. Die Luft schießt aus solchen Verengungen wie eine Kugel aus einem Gewehrlauf. Der Ort Tasiilaq etwa liegt am Ende eines Tals.

Am stärksten stürmen Piteraqs demnach an der Küste. Ihre Gewalt könne das Eis vor der Küste zertrümmern und aufs offene Meer drücken, meint Marilena Oltmanns. Kein Wunder also, dass die Fjorde dann leergefegt sind.

Die größte Gefahr besteht in Küstenorten, die unterhalb der Klippen und am Ende der Täler liegen. "Ein Piteraq", sagt Oltmanns, "kollidiert dort regelrecht mit einer Siedlung."

Zum Autor
Axel Bojanowski
Wilma Leskowitsch

Axel Bojanowski ist Diplom-Geologe und Redakteur im Wissenschaftsressort von SPIEGEL ONLINE. Seine Themen: Klimaforschung, Umweltpolitik, Geologie, Geophysik, Meereskunde, Energie, Rohstoffe.

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