Globale Statistik Plastik-Welt

Die Menschheit hat laut einer neuen Schätzung bisher mehr als acht Milliarden Tonnen Plastik produziert. Recycelt wurde davon nur ein Bruchteil - und die Produktionsmengen wachsen weiter.

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Seit der Entwicklung von Plastik in den frühen Fünfzigerjahren hat die Menschheit nach einer Hochrechnung weltweit etwa 8,3 Milliarden Tonnen des Materials produziert. Das allermeiste davon befinde sich heute als Müll in der Umwelt, bestenfalls noch auf Deponien, berichten US-Forscher im Fachblatt "Science Advances". Bis zum Jahr 2050 werde sich die Menge an Plastikmüll vermutlich auf etwa zwölf Milliarden Tonnen vergrößern.

8,3 Milliarden Tonnen - darunter können sich die wenigsten etwas vorstellen. Also greifen die Forscher zu Vergleichen. Diese Menge entspreche der Masse von:

  • 822.000 Eiffeltürmen (10.100 Tonnen Einzelgewicht) oder
  • 25.000 Empire State Buildings (331.000 Tonnen Einzelgewicht) oder
  • 80 Millionen Blauwalen (104,5 Tonnen Einzelgewicht) oder
  • 1 Milliarde Elefanten (7,5 Tonnen Einzelgewicht)

Vor rund zweieinhalb Jahren hatten die Forscher um Roland Geyer von der University of California und Jenna Lambeck von der University of Georgia bereits errechnet, wie viel des weltweit produzierten Plastiks im Meer landet. Sie kamen allein für das Jahr 2010 auf eine Menge zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen.

Dieses Material verbleibt oft in riesigen Müllstrudeln in den Weltmeeren - und zerbricht dort in immer kleinere Partikel. Teilweise wird es auch angeschwemmt. Südseeinseln werden so zu wahren Müllkippen, aber auch Strände an Nord- und Ostsee haben längst ein Plastikproblem.

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Henderson Island: Kein Mensch, überall Abfall

Die Wissenschaftler werteten für ihre Hochrechnung Produktionsstatistiken verschiedener Industriezweige aus, die Polymerharze, synthetische Fasern oder Zusatzstoffe, so genannte Kunststoff-Additive, herstellen.

Ausgangsjahr ihrer Berechnungen war 1950. Damals wurden noch überschaubare zwei Millionen Tonnen Plastik hergestellt. Seitdem hat die Plastikproduktion ordentlich Fahrt aufgenommen: Im Jahr 2015 belief sich die jährliche Produktion demnach auf 380 Millionen Tonnen - eine durchschnittliche Wachstumsrate von 8,4 Prozent pro Jahr.

Bis zum Jahr 2015 seien 6300 Millionen Tonnen Plastikmüll angefallen. Davon seien nur etwa neun Prozent wiederverwertet worden und zwölf Prozent verbrannt. Der überwältigende Teil - 79 Prozent - befinde sich in der Umwelt oder auf Deponien.

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"Die allermeisten Kunststoffe bauen sich biologisch nicht ab, der Plastikmüll, den die Menschheit produziert hat, könnte deshalb Hunderte oder sogar Tausende Jahre bei uns sein", sagt Jambeck. Mittlerweile hat Plastikmüll sogar schon die Arktische Tiefsee erreicht - in großen Mengen. Rund um den Nordpol hat sich die Müllmenge innerhalb von zehn Jahren vervierfacht.

"Unsere Schätzungen unterstreichen die Notwendigkeit, kritisch darüber nachzudenken, welche Materialien wir nutzen und wie wir mit dem Abfall umgehen." Recycling sei nicht zwangsläufig die Lösung des Plastikproblems, schreiben die Forscher: Zunächst verzögere eine Wiederverwertung der Kunststoffe nur den Zeitpunkt, an dem das Material zu Müll wird. Es reduziere die künftige Müllmenge nur dann, wenn es neu prodzierte Plastikmenge verringere.

Immer wieder gibt es Vorhaben, um Kunststoff aus dem Meer zu fischen. So will das Projekt Ocean Cleanup mit schwimmenden Barrieren Plastikmüll zwischen Hawaii und der Küste Kaliforniens einsammeln, schon im kommenden Jahr soll es losgehen. Der norwegische Milliardär Kjell Inge Røkke wiederum will den Müllmit einem Spezialschiff aufsammeln und verbrennen. Und der Werfterbe Dirk Lindenau will Fischerboote zum Müllsammeln umrüsten.

Im Video: So verschmutzt Müll die Meere

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Kunststoffe gehörten mittlerweile zu den am meisten vom Menschen hergestellten Materialien - mit Ausnahme von Stahl oder Zement. "Etwa die Hälfte des produzierten Stahls geht in Bauwerke, wird also für Jahrzehnte genutzt - mit Plastik ist es das Gegenteil", erläutert Geyer. "Die Hälfte der Kunststoffe wird nach vier oder weniger Jahren zu Müll." Vor allem Verpackungsmaterialien blieben sehr kurz in der Nutzung: Die meisten werden noch im Jahr ihrer Herstellung zu Müll.

Im Nachhaltigkeitstraining von SPIEGEL WISSEN gibt's Tipps gegen Plastik:

Es gehe nicht darum, vollständig auf Kunststoffe zu verzichten, aber angesichts ihrer Langlebigkeit müsse man sich mehr Gedanken über den Verbleib der Stoffe machen. Ansonsten führe die Menschheit ein einmaliges, unkontrolliertes globales Experiment durch, bei dem sich Milliarden Tonnen Material in allen zentralen Ökosystemen des Planeten ansammeln, schreiben die Wissenschaftler.

Auch sogenannte Biokunststoffe, die nicht aus Erdöl, sondern anderen Rohstoffen gefertigt wurden, haben eine durchaus problematische Ökobilanz. Und dass sich das Müllproblem durch Entdeckungen wie eine plastikfressende Raupe lösen lässt, ist auch ausgeschlossen. Die Tiere sind einfach nicht schnell genug beim Zersetzen des Kunststoffs.

"Es leben noch Menschen, die sich an eine Welt ohne Plastik erinnern können", sagt Jambeck. "Aber das Material ist heute so allgegenwärtig, dass man nirgendwo hingehen kann, ohne Plastik in seiner Umwelt zu finden, auch in unseren Ozeanen." Plastik zerfällt unter Einwirkung des Sonnenlichts in immer kleinere Teilchen.

Vor allem über die biologischen Auswirkungen dieser Mikropartikel ist bisher wenig bekannt. Sie finden sich in vielen marinen Organismen wie Muscheln, Fischen und Fischlarven, aber auch in Seevögeln und anderen Meeresbewohnern. Für Schlagzeilen sorgte etwa ein Fall, in dem bei der Obduktion eines gestrandeten Wals in Norwegen 30 Plastiktüten in dessen Magen gefunden wurden.

chs/Anja Garms, dpa

insgesamt 47 Beiträge
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beob_achter 19.07.2017
1. In einem unserer Supermärkte liegen Papiertüten
zum Verpacken von losem Obst. Warum dauert es so lange, bis eine so einleuchtende Lösung eingeführt wird? Warum wird Obst immer noch in Plastikschalen verpackt und zum Kauf angeboten? Warum denkt die Chemieindustrie nicht langsam um, denn dort sitzt ja die Quelle allen Übels?
quark2@mailinator.com 19.07.2017
2.
Irgendwann demnächst werden diese Halden zu Rohstofflagern. Kann nicht mehr so lange dauern, bis man da Bakterien drauf los läßt und unten läuft dann sowas wie Öl raus :-). Bleibt aber die Frage, wie man das Zeugs auf Mikroebene wieder los wird, also die winzigen Partikel im Meer oder Boden.
StefanieTolop 19.07.2017
3. Ja ja, die Schätzungen
8 Mrd Tonne "Plastik" pro Jahr. Das sind am Ende ca. 2 t pro lebender Person in der entwickelten Welt. Und jetzt träumt mal weiter. Natürlich kommt a bisserl was zusammen. Aber 2 t sind deutlich zuviel geschätzt. Genauso wie der tägliche Wasserverbrauch von ca. 150 pro Person, etc. Das sind politische Zahlen um irgendwelche Maßnahmen zu rechtfertigen. Dennoch ist es überhaupt nicht falsch, vor allem Verpackungen zu vermeiden wo es nur irgendwie geht. Verantwortlich dafür ist aber nicht der einzelne Bürger, sondern Staat und Industrie.
Newspeak 19.07.2017
4. ...
Der Muell von heute ist der Rohstoff von morgen. Problematisch sind doch vor allem Produkte, die kaum einen Nutzen haben, z.B. Verpackungen, die der Kunde nach dem Kauf sofort wieder loswerden will, Kaffeebecher "to go" usw. Das Umdenken muesste dahingehend stattfinden, dass man eben nicht alles macht, was moeglich ist, sondern sich fragt, ob es auch unter Umweltgesichtspunkten sinnvoll ist. Es gibt ja Beispiele wo z.B. das Wiener Wuerstchen in der Plastikverpackung noch mal in einer eigenen Huelle steckt. Das ist einfach nur Unsinn.
DerNachfrager 19.07.2017
5. Bitte mal ehrlich berichten !
In Deutschland landen 95 von 100 Plastikverpackungen im Gelben Sack zwecks Wiederverwertung. Die restlichen 5 werden als Restmüll verbrannt und sparen damit Rohöl. Das Problem liegt in den Ländern - typischerweise südlich des Mittelmeers - wo der Abfall einfach in die Landschaft geschmissen bzw. ins Meer gespült wird. Aber die Welt wird garantiert gerettet wenn es beim Aldi in Garmisch keine Plastiktüten mehr gibt !
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