Plastikmüll in der Arktis Die Müllkippe im Norden

Die Arktis wird mehr und mehr zum globalen Endlager für den Plastikmüll. Er findet sich an der Meeresoberfläche, am Boden der Tiefsee - und als Mikroplastik sogar in Eisschollen und Sedimenten. Was tun?

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Man sollte meinen, dass eine Kreuzfahrt eine entspannte Sache ist. Mal ein Salätchen essen, mal 'nen Gin Tonic heben. Und ansonsten schön die Füße hochlegen und rausgucken. Bei den Kreuzfahrten, die Birgit Lutz organisiert, war es allerdings zuletzt manchmal etwas anstrengender für die Gäste der Schiffe "Antigua", "Plancius" und "Noorderlicht" - denn die wurden zum Müllsammeln geschickt. Im Namen der Wissenschaft und bewacht von Eisbärenwächtern, damit es nicht zu einem ungewollten Zusammentreffen mit dem größten Landraubtier der Erde kommt.

An sechs Orten der Arktisinsel Spitzbergen haben sich Lutz und ihre Passagiere umgesehen. Es ging um die Frage, wie sehr die abgelegenen Strände mit Zivilisationsrückständen belastet sind. Die Fundorte wurden per GPS vermessen, der Müll gewogen, kategorisiert - und eingesammelt.

Forscher vom Alfred Wegener Institut (AWI) in Bremerhaven haben die Funde inzwischen ausgewertet und die Ergebnisse im Fachmagazin "Marine Pollution Bulletin" veröffentlicht, Lutz ist eine der Co-Autorinnen des Artikels. Das erschreckende Fazit: Die untersuchten Strände in der entlegenen Arktis sind ungefähr genauso stark belastet wie Küstenabschnitte in deutlich dichter besiedelten Gebieten. Der Plastikmüll hat längst die Arktis erreicht.

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Arktis: Meer voll Müll

Der aufgesammelte Abfall besteht vor allem aus Kunststoffen, je nach Strand waren es zwischen 82 und 100 Prozent der Funde. Damit liegt die Arktis über dem globalen Durchschnitt, wo etwa 72 Prozent allen Mülls am Strand aus Plastik bestehen. Der Großteil des Mülls stammt aus der Fischerei, wie auch eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Norwegischen Meeresforschungsinstituts zeigt.

Aber auch Haushaltsmüll aus niedrigeren geografischen Breiten findet sich längst in der Arktis. "Wo das genau herstammt, lässt sich nicht immer sagen", erklärt AWI-Forscherin Melanie Bergmann. "Bei einigen Teilen haben wir russische Aufschriften gefunden, bei anderen skandinavische." Aber auch aus Deutschland landet Müll im hohen Norden.

Das konnten die Wissenschaftler sehen, als sie an ihrem Institut in Bremerhaven ein großes Paket des von den Kreuzfahrern gesammelten Mülls näher untersuchten: Auf insgesamt sieben Prozent der Plastikteile, die sich aufgrund von Hinweisen noch identifizieren ließen, fand sich eine deutsche Beschriftung. Nur die Anrainer Russland (28 Prozent) sowie Norwegen und Dänemark (je 13 Prozent) erreichten höhere Werte.

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Müll: 822.000 Eiffeltürme aus Plastik

Die arktischen Strände sind also müllbelastet, wie auch eine Untersuchung aus Alaska zeigt. Dort wurden allein auf 80 Strandkilometern mehr als zehn Tonnen Müll eingesammelt, vor allem Plastik. Doch die menschlichen Hinterlassenschaften finden sich nicht nur an den Küsten, sondern auch am Boden der Tiefsee und - in Form winziger Partikel - sogar in den Eisschollen, die den Ozean bedecken.

Mit den Eisschollen hat sich unter anderem Rachel Obbard vom Dartmouth College in Hanover, (US-Bundesstaat New Hampshire) befasst. Sie berichtete zusammen mit Kollegen, dass die Konzentration von Mikroplastik in den Schollen um mehrere Größenordnungen selbst über der von belasteten Meeresgebieten im Bereich der bekannten großen Müllstrudel liegt.

Mikroplastik auch im Sediment

Und auch in der Tiefsee sieht es nicht gut aus. Im vergangenen Jahr beschrieben Bergmann und ihre Kollegen in den "Oceanographic Research Papers" Beobachtungen am Tiefseeboden der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. Dort gibt es nicht nur im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich viel Müll. Die Menge hat über die vergangenen Jahre auch noch merklich zugenommen: Allein zwischen 2002 und 2014 stieg die Zahl der Müllteile von rund 3600 auf mehr als 6300 pro Quadratkilometer.

Bergmanns wichtigstes Arbeitsgerät ist das "Ocean Floor Observation System", kurz Ofos. Es hängt an einem Stahlseil hinter einem Forschungsschiff und wird etwa eineinhalb Meter über dem Ozeanboden entlanggezogen. Während der Fahrt überträgt es Videobilder zum Schiff, wo die Forscher sie sofort auswerten.

Zusätzlich zu den größeren Plastikfunden am Grund der Tiefsee gibt es auch hier ein Mikroplastik-Problem. Die Sedimente sind teils stark damit belastet, wie Bergmann und ihre Kollegen im Sommer berichteten. Die höchsten Werte fanden die Forscher übrigens an den nördlichsten Messpunkten, was sie vermuten lässt, dass die Plastikteilchen aus schmelzenden Eisschollen auf den Meeresgrund rieseln.

Die Arktis wird, so scheint es, zumindest in Teilen zu einem Endlager für den Plastikmüll der Welt. Zu diesem Schluss kommen auch Forscher um Andrés Cózar von der Universität im spanischen Cádiz . Sie hatten 2013 bei einer Expedition mit dem Forschungsschiff "Tara" rund um den Nordpol mit einem feinmaschigen Sammelnetz nach Müll Ausschau gehalten.

In diesem Frühjahr warnten sie in einem Artikel davor, dass Plastik aus Europa und Nordamerika über die Meeresströmungen aus dem Nordatlantik immer weiter in die hohe Arktis gelangt - und dort bleibt. Vor allem die Grönland- und die Barentssee seien betroffen. Dort sei der Plastikmüll in kleine Teile zerfallen, teils mit Hunderttausenden Partikeln pro Quadratmeter Oberfläche.

Der Forscher Eric van Sebille von der Universität im niederländischen Utrecht hatte bereits 2012 zusammen mit Kollegen in einem Artikel die Existenz eines riesigen, bis dahin unbekannten Müllstrudels in der Barentssee postuliert. Es wäre der insgesamt sechste seiner Art auf den Weltmeeren. Grundlage der Arbeit waren Modellierungen der globalen Ozeanströmungen.

Neben den Meeresströmungen, die Abfall aus der Ferne bringen, sorgt auch der Boom der Schifffahrt in der sich rapide wandelnden Arktis für mehr Müll. Die Ausdehnung des sommerlichen Meereises liegt jedes Jahr weit unter den langfristigen Mittelwerten - das heißt, größere Teile des Arktischen Ozeans sind schiffbar.

Dazu kommt ein allgemein gestiegenes Interesse an der Region. Bergmann rechnet am Beispiel von Spitzbergen vor, was das heißt: Zwischen 2000 und 2014 sei die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere dort von 15.000 auf 55.000 gestiegen, die Anzahl der Schiffe habe sich von 160 auf 1100 massiv erhöht. Auch die Sichtungen von Fischkuttern seien von 50 auf 100 gestiegen. "Gerade in den letzten Jahren hat die Zahl russischer Schiffe deutlich zugenommen", sagt die Expertin.

Nur ein Prozent an der Oberfläche

Welche problematischen Folgen Plastik im Meer für das Leben dort hat, damit hat sich unter anderem Jennifer Provencher von der Acadia University in Wolfville im kanadischen Bundesstaat Nova Scotia befasst. Sie hat für einen Artikel gemeinsam mit Kollegen 13 Vogelspezies im Nordatlantik untersucht und herausgefunden, dass verschiedene Arten unterschiedlich stark betroffen sind.

Bei der Spezies des Großen Sturmtauchers hätten aber mehr als 70 Prozent der untersuchten Vögel Plastik aufgenommen, bei den Eissturmvögeln mehr als 50 Prozent. Manche der Sturmtaucher hätten bis zu 36 Plastikteile im Magen gehabt. In der Labradorsee hat Provencher laut einer aktuellen Studie im Schnitt 11,6 Plastikteile im Magen jedes untersuchten Vogels gefunden.

Wie viel Müll landet nun aber insgesamt im Meer? Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 schwimmen allein 250.000 Tonnen Plastik an der Oberfläche der Ozeane. Nach einer Schätzung ist aber wohl nur ein Prozent des Plastikmülls an der Oberfläche zu finden. Das heißt: Der Rest landet in der Tiefsee - oder in den Lebewesen der Arktis.

Zusammen mit Kollegen hat sich Forscher Eric van Sebille kürzlich Gedanken gemacht, wie sich das Problem angehen ließe. Zu den Vorschlägen zählen unter anderem die verstärkte Aufklärung der Öffentlichkeit, die Entwicklung neuer Kunststoffe, die sich im Ozean auflösen, eine Förderung von Recycling und Kreislaufwirtschaft - und das Einsammeln von Müll im Wasser und an den Stränden.

Genauso wie es die Birgit Lutz und ihre Gäste auf Spitzbergen vorgemacht haben.


Zusammengefasst: Forscher haben Müllfunde ausgewertet, die Kreuzfahrtpassagiere an Stränden der Arktisinsel Spitzbergen gemacht haben. Der Abfall - vor allem Plastik - stammt aus der Fischerei oder wurde durch Meeresströmungen in den hohen Norden gebracht. Doch nicht nur an den Stränden und auf dem offenen Meer gibt es Müll. Untersuchungen belegen auch, dass der Tiefseeboden immer stärker belastet ist. Außerdem finden sich große Mengen Mikroplastik in Eisschollen und dem Sediment am Ozeangrund.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
frankfurtbeat 29.12.2017
1. was tun ...?
was tun ist doch pure Ironie ... 1. einfach weniger kaufen was in Plastik verpackt ist 2. am besten soweit möglich offene Ware kaufen 3. keine Plastiktüten mehr im Supermarkt 4. ... letztendlich ist es schon "pervers" wenn man bspw. in einer Drogerie vor den Duschcremes steht. Da stehen xx-Firmen mit xxxx-Kunstoffbehältern - eine Reihe weiter geht´s mit Shampoo weiter. In Deutschland wird es ordentlich gesammelt um dann verbrannt zu werden. In anderen Ländern landet der Müll wo auch immer ... Schiffe dürfen ihren Müll nicht mehr im Hafen entsorgen ... wird eben draussen verklappt. Letztendlich ist auch dieses Problem nur über das Geld zu regeln. Sondersteuer oben drauf so das die Produzenten umdenken und andere Produktverpackungen anbieten. Wenn dann der Verbraucher die Wahl zwischen künstlch verteuerten Produkten aus Kunststoff und preislich interessanteren Produkten aus andere Materialoíen wählen kann wird sich das ändern. Allerdings wäre dieser Ansatz global anzugehen - da gibt es dann Probleme mit den Giganten der Branchen. Eventuell wären zusätzliche Pfandsysteme ein Weg ...
Shantam 29.12.2017
2. Die Gleichgültigkeit rächt sich.
Das Problem ist ja nun nicht neu! Was wurde getan? 1. Ächtung von Firmen die Mikroplastiken in ihren Produkten haben! Veröffentlichung der Namen dieser Firmen! 2. Heftige Plastiksteuer ! Geht nur über Geld in dieser Gesellschaft ! 3. Internationale Pläne Es gibt Lösungen , wir alle müssen es nur wollen!
dondon 29.12.2017
3. Plastik
Schön, dass es noch Menschen gibt, die sich mit den wichtigen Problemen dieser Welt beschäftigen. Stichwort Mikroplastik: Hier müsste es massive Aufklärungskampagnen geben sowie politisches Agieren. Es kann doch nicht sein, dass unsere heimischen Gewässer, unser Trinkwasser (!), immer weiter verseucht wird durch beispielsweise Duschmittel oder Peelings mit Mikroperlen (Perlen... besser wäre die Bezeichnung Plastikmüll). Und das unsere Gesundheit und unsere Gehirne zugrunde gerichtet werden durch Lebensmittel voller Zucker und weiteren Lebensmittelzusätzen. Und, und, und...
omanolika 29.12.2017
4. Fragen und Grundlagen
Was tun gegen Wesen, die alles ausbeuten, obwohl schon lang die Alarmglocken läuten? Was tun lautet also einfach die große Frage, gegen ein Wesen, das sich raubt die Existenzgrundlage? Man könnte versuchen etwas zu tun gegen die Profitgier, denn schließlich leben wir nunmal alle auf der Erde hier, das bedeutet aber auch an "Bequemlichkeit" zurückzustecken, und ein bisschen mehr das Verbraucherbewusstsein zu wecken
Kamillo 29.12.2017
5.
Neben Verpackungen, Flaschen und FIschernetzen ist inbesondere Polyester-Kleindung, also alle Billig-Labels wie Kik, Primark, usw., ein großes Problem. Schon in der Waschmaschine reibt sich da Mikroplastik ab und gelangt ins Abwasser, Kläranlagen können so feines Mikroplastik auch nicht ausfiltern. Jeder Einzelne ist gefragt, wenn wir es nicht noch schlimmer machen wollen.
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