Geophysik Die unmögliche Nase Südamerikas

Beinahe hätte die Erde so ausgesehen: Ein Teil Afrikas fehlt, er klebt an der Ostküste Südamerikas. Ein geometrischer Zufall verhinderte das Abdriften von Afrikas westlicher Hälfte.

Erde mit "Sahara-Atlantik": Südamerika mit Nase, zerbrochenes Afrika
Sascha Brune/ Christian Heine

Erde mit "Sahara-Atlantik": Südamerika mit Nase, zerbrochenes Afrika


Hamburg - Afrika fehlt sein westlicher Teil. Er klebt an der Ostküste Südamerikas: Dort reicht eine dicke Kontinentnase in den Atlantik bis hinauf zum Äquator. So ungewohnt sähe die Erde aus, sofern ein geometrischer Zufall das Zerbrechen Afrikas entlang der Sahara nicht gestoppt hätte.

Vor 130 Millionen Jahren zerfiel der Großkontinent Gondwana, der die meisten Landmassen einte. Einen Riss füllt mittlerweile der Atlantische Ozean, der sich seither immer weiter öffnet. Noch heute entfernen sich Afrika und Europa auf der einen und Amerika auf der anderen Seite mit einer Geschwindigkeit von mehreren Zentimetern pro Jahr. Würde Kolumbus heute den Atlantik queren, müsste er bis Amerika zwölf Meter weiter segeln als vor 500 Jahren.

Der Riss hätte sich beinahe weiter östlich gebildet, wie Forscher nun berichten. Im Untergrund der Sahara klafft ein gewaltiger Bruch, der den Norden Afrikas von Nigeria bis nach Libyen von Süden nach Norden durchschneidet. Alle 18 Länder westlich dieser Sollbruchlinie könnten heute zu Südamerika gehören, hätte sich die Spaltung nach Norden fortgepflanzt. Doch auf halbem Weg zum Mittelmeer verliert sich der Riss. Was stoppte die geologische Trennung Afrikas?

Der Riss in der Sahara habe einen geometrischen Wettstreit verloren, berichten Christian Heine von der University of Sydney und Sascha Brune vom Helmholtz-Zentrum Potsdam im Fachblatt "Geology". "Wir konnten zeigen, dass eine konkurrierende Riftzone im Atlantik in einer dramatischen plattentektonischen Wendung die Spaltung Afrikas und damit die Entstehung eines Sahara-Atlantiks verhinderte", erklärt Brune.

25 Millionen Jahre stand es unentschieden

Die beiden Geoforscher rekonstruierten die kontinentalen Verschiebungen am Computer; zugrunde lagen die geologischen Kenntnisse über Erdplattenbewegungen und über den Untergrund. Die Simulationen hätten offenbart, warum der atlantische Riss sich durchgesetzt habe, schreiben die Wissenschaftler.

25 Millionen Jahre stand es unentschieden, beide Brüche breiteten sich gleichermaßen aus. Dann jedoch gewann der atlantische die Oberhand, er schritt voran, der afrikanische Riss stoppte.

Entscheidend sei die unterschiedliche Ausrichtung der Brüche, berichten Heine und Brune: Die Spalte im Atlantik verlief zunächst von Ost nach West - ihre Spitzen zeigten damit in Richtung der Ausdehnungsrichtung des Bruchs. Durch diese Lage habe der Atlantikriss mehr Kraft für die Spaltung ausüben können. Der Sahara-Bruch hingegen verlief nahezu senkrecht zur Dehnungsrichtung. Er verlor damit viel Energie in andere Richtungen.

Das entdeckte Prinzip erlaube es, die Bewegung der Kontinente besser vorherzusagen: Je größer der Winkel zwischen Bruchzone und Dehnungsrichtung, desto mehr Kraft benötigt ein geologisches Riss-System - und umso unwahrscheinlicher ist es folglich, dass es sich zu einem Ozean weitet.

boj



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