Nordwestpassage: Auf der Suche nach den Totenschiffen

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Festgefahren: Ähnlich wie hier 1853 die HMS Investigator, die auf der Suche nach Franklins Schiffen im Eis feststeckend aufgegeben wurde, endeten auch die "HMS Terror" und "HMS Erebus". Die meisten Männer der "Investigator" überlebten - von Franklins Männern hingegen keiner Zur Großansicht
AP/Canadian Press

Festgefahren: Ähnlich wie hier 1853 die HMS Investigator, die auf der Suche nach Franklins Schiffen im Eis feststeckend aufgegeben wurde, endeten auch die "HMS Terror" und "HMS Erebus". Die meisten Männer der "Investigator" überlebten - von Franklins Männern hingegen keiner

Die katastrophale Expedition des John Franklin gehört zu den legendären Tragödien der Polarforschung. 129 Männer führte der Admiral auf der Suche nach der damals mythischen Nordwestpassage in den Tod. Die ist inzwischen oft eisfrei - und die Hoffnung wächst, Franklins Schiffe zu finden.

Zum sechsten Mal rücken an diesem Wochenende kanadische Forscher aus, um mit Hightech einem uralten Rätsel auf die Spur zu kommen: Wo endeten und sanken 1848 die zwei Schiffe, mit denen der berühmte Polarforscher John Franklin und seine 129 Männer in den Tod fuhren? Es ist eine Suche, die die kanadische Nation seit eineinhalb Jahrhunderten beschäftigt.

Das Desaster der Franklin-Expedition ist eng mit der heutigen Selbstdefinition der kanadischen Nation verbunden. Erst die anschließenden Rettungsaktionen führten zur Erfassung und Kartierung der nördlichen Landesteile, etablierten Kontakte und Beziehungen zwischen den meist Europa-stämmigen Einwanderer-Nachkommen und den Inuit. Nicht zuletzt aber hat das Thema eine ganz eigene Magie, die mit dem Ort des katastrophalen Scheiterns zusammenhängt: der so lange mythischen Nordwestpassage zwischen Nordamerika und der Arktis, die so viele Opfer forderte.

Der Traum von der Kontinent-Umfahrung

Im Jahr 1520 umrundete der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan Südamerika. Der seit Kolumbus erhoffte Seeweg nach Indien war gefunden. Es war zugleich die Geburt einer Idee: Was südlich möglich war, müsste doch auch nördlich denkbar sein!

Es war der Beginn eines über 400 Jahre dauernden Kampfes mit den Naturgewalten der Arktis, der zahlreiche Leben kosten sollte. Zu einer tragischen Legende wurde das Scheitern der Expedition des Polarforschers John Franklin, der 1845 mit seinen zwei Schiffen und 129 Mann Besatzung im Eis der mythischen Nordwestpassage verschwand. Zahlreiche Expeditionen suchten seitdem nach den Männern und ihren Schiffen - und in diesem Sommer 2013 hoffen Forscher, fündig zu werden: Die einst unüberwindliche Passage ist nun oft so gut wie eisfrei.

Sechs Wochen lang werden kanadische Forscher die Wracks der Franklin-Schiffe "HMS Erebus" und "HMS Terror" dort suchen, wo frühere Expeditionen kaum suchen konnten: Auf dem Meeresgrund. Die von Forschern der kanadischen Naturschutzbehörden geleitete und vom Umweltministerium geförderte Expedition wird von der Marine unterstützt, von der Küstenwache, sowie den Polar- und Weltraumbehörden des Landes. Neben Sonargeräten stehen auch unbemannte Unterwasserfahrzeuge zur Verfügung.

Staatliche Unterstützung: Es geht auch um Rohstoffe

Leona Aglukkaq, seit kurzem Kanadas Umweltministerin und selbst Inuit aus dem Nunavut-Territorium im Norden Kanadas, unterstützt die aktuelle Expedition. Sie ist die Fortführung eines Forschungsprojektes, das seit 2008 läuft: Über 800 Quadratkilometer Meeresboden suchten die kanadischen Forschungsteams bereits ab - und kartierten ihn dabei minutiös.

Neben historischen und Umweltinteressen hat der kanadische Staat auch ganz konkret politische: Seit das Eis der Arktis zurückgeht und Seewege dort nutzbar werden, werden Gebiets- und Nutzungsansprüche zu einem zunehmend umstrittenen Thema. Auch durch die Franklin-Kartierung könnten sich etwa Rechte auf die Ausbeutung von maritimen Bodenschätzen begründen lassen.

Doch auch das Interesse an der Franklin-Expedition ist echt - lange begründete die Katastrophe eine Art nationales Trauma.

Die Franklin-Expedition: So stirbt kein Gentleman

Am 19. Mai 1845 war der verdiente britische Admiral und erfahrene Polarforscher Sir John Franklin mit zwei Schiffen und 129 Mann Besatzung ausgelaufen, die Nordwestpassage zu finden. Überlieferten Tagebucheinträgen und Briefen der Matrosen ist zu entnehmen, dass sie alle fest an ihren Erfolg glaubten.

Ausgerüstet mit Proviant für drei Jahre fuhren sie los und überwinterten zweimal erfolgreich. Auf den zweiten Winter aber folgte ein Sommer, der so kalt war, dass die eingefrorenen Schiffe nicht mehr freikamen. Franklin starb, und am Ende des dritten Winters wagten die verzweifelten Überlebenden den Marsch über das Packeis.

Die britische Marine versuchte derweil, sie mit allen Mitteln zu finden. Auf zunächst drei erfolglose folgte die größte Suchaktion des 19. Jahrhunderts: 1850 schwärmten 14 Schiffe aus, um Franklin und seine Schiffe zu finden. Es war nur der Beginn einer ganzen Folge von Suchexpeditionen, die sich bis 1855 hinzogen. Nicht wenige der Expeditionen gerieten selbst in Gefahr und mussten gerettet werden. Am Ende fanden bei den Suchaktionen mehr Menschen den Tod als durch die Franklin-Expedition.

Sie blieben aber auch nicht ohne Erfolge - doch die waren von höchst verstörender Natur. Man fand zunächst einige wenige Zeugnisse und Nachrichten, die von Krankheiten und Todesfällen berichteten. Sie bewiesen, dass die Crew nicht mit den Schiffen gesunken war. 1854 schließlich stieß der Polarforscher John Rae auf Inuit, die Gegenstände besaßen, die offensichtlich Franklins Männern gehört hatten. Sie berichteten von verzweifelten Hungergestalten, die sterbend über das Eis zogen - und davon, dass sich die Männer am Ende gegenseitig gegessen hätten.

Die Bestätigung dieser Geschichte, die in England und Kanada auf blanke, ungläubige Empörung stieß, lieferte 1859 der von Franklins Witwe direkt beauftragte Francis Leopold McClintock. Er fand Knochen und verstümmelte Leichen, die Spuren von Kannibalismus aufwiesen. Kein einziger der Männer Franklins hatte die Expedition überlebt.

Die Suche nach Franklins Schiffen aber sollte für den Rest des 19. Jahrhunderts nie ganz aufgegeben werden. Noch 1913 finanzierte der kanadische Staat Expeditionen, die zu diesem Zeitpunkt - sieben Jahre, nachdem Roald Amundsen die Durchfahrt der Nordwestpassage erstmals gelang - aber auch schon dem Nebennutzen der detaillierten Kartierung dienten. 1992 erklärte Kanada den Ort, wo Franklins Schiffe sanken, zu einem Ort von nationaler Bedeutung. Nur wo genau der liegt, weiß man noch nicht.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. na dann
Stabhalter 10.08.2013
Zitat von sysopDie katastrophale Expedition des John Franklin gehört zu den legendären Tragödien der Polarforschung. 129 Männer führte der Admiral auf der Suche nach der damals mythischen Nordwestpassage in den Tod. Die ist inzwischen oft eisfrei - und die Hoffnung wächst, Franklins Schiffe zu finden. Polarforscher suchen nach verschollen Franklin-Schiffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/polarforscher-suchen-nach-verschollen-franklin-schiffen-a-915888.html)
suchet,so werdet ihr finden.
2.
Layer_8 10.08.2013
Zitat von sysopDie katastrophale Expedition des John Franklin gehört zu den legendären Tragödien der Polarforschung. 129 Männer führte der Admiral auf der Suche nach der damals mythischen Nordwestpassage in den Tod. Die ist inzwischen oft eisfrei - und die Hoffnung wächst, Franklins Schiffe zu finden. Polarforscher suchen nach verschollenen Franklin-Schiffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/polarforscher-suchen-nach-verschollen-franklin-schiffen-a-915888.html)
Die hatten die modernste Ausrüstung dabei, was die damalige Technik zu bieten hatte. Sogar ne Dampfmaschine an Bord. Und das mit den verbleiten Konservendosen als Ursache des Scheiterns scheint ja auch widerlegt zu sein. Hauptursache scheint ja dann doch der kalte dritte Sommer gewesen zu sein. So gingen sie "stinknormal" und schnöde zu Grunde. Ja, für die Kanadier ist das wirklich ein nationaler Mythos und man sollte das jetzt nicht wieder auf unredliche Gebietsansprüchen und Rohstoffgier zurückführen. Vielleicht klärt sich diese Geschichte jetzt mal wirklich auf, ich wünsche den Leuten dort jetzt viel Erfolg.
3. optional
atragene 10.08.2013
In "Die Zeit" erschien vor Jahren ein Artikel zu dieser Tragödie. Mit wesentliche Ursache scheint gewesen zu sein, dass die Vepflegung zum grossen Teil in Konservendosen mitgenommen wurde. Die Deckel dieser Dosen wurden damals mit Blei zugelötet. D.h., die Leute vergifteten sich und wurden krank und irr.
4. Leider geht da alles etwas durcheinander!
jp larsen 10.08.2013
Eine kanadische Tragödie ist das nicht, denn Kanada wurde erst 1867 gegründet und kann deshalb diese Nation nicht schon 150 Jahre beschäftigen! Es war also ein Thema der Briten, die auch die ganze Suche nach der Nordwestpassage und dann nach den Verschwundenen der Franklin-Expedition finanzierten. Es stimmt ebenfalls nicht dass bei der Suche mehr als bei der eigentlichen Expedition starben. Man fand auch keine Tagebücher und Briefe der Franklin-Leute nach der Abfahrt aus Grönland. Es gibt nur zwei Botschaften, die von McClintocks Leuten gefunden wurden und die u.a. den Tod von Franklin mitteilen usw usf. Es existieren Reste eines Tagebuches, die sogenannten Peglar-Papers, die aber noch immer die Experten beschäftigen usw. usf. Ausserdem ist man sich heute sicher, dass die Konservennahrung nicht ursächlich für den Tod der Leute waren!
5. Klar geht das.
count_zer0 10.08.2013
Zitat von jp larsenKanada wurde erst 1867 gegründet und kann deshalb diese Nation nicht schon 150 Jahre beschäftigen!
Nation != Staat. Es ist die Geschichte der dortigen Bevoelkerung, deren Vorfahren und Vorgaenger nunmal den Staat Kanada begruendet haben. Aber diesse Nation hat natuerlich auch schon eine Geschichte vor Kanada, und dagehoert die Expedition dazu. Die Geschichte der Deutschen faengt ja nun auch vor 1948 an.
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Sein besonderes Interesse gilt der Wissenschaft sowie den Schnittstellen zwischen Kultur und Technologie.
  • Frank Patalong: "Der viktorianische Vibrator"