Polarforschung: Das Flugzeug des fast vergessenen Helden

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Die Geschichte der Erforschung der Antarktis hat Helden hervorgebracht - auch solche, deren Tragik es ist, dass kaum jemand sie kennt. Zum Beispiel Douglas Mawson: 1911 wollte er als erster den Südpol überfliegen. Doch seinem Flieger, den man nun fand, fehlten schon beim Expeditionsstart die Flügel.

Douglas Mawson (1882 - 1958): Verhinderter Antarktis-Flieger Zur Großansicht
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Douglas Mawson (1882 - 1958): Verhinderter Antarktis-Flieger

Es sind ganz verschiedene Gründe, warum man sich an die Pioniere der Antarktis-Forschung erinnert. Der Norweger Roald Amundsen schrieb sich in die Geschichtsbücher ein, weil er das Rennen zum Südpol gewann, das überlebte und davon berichten konnte. Robert Falcon Scott wurde zum tragischen Helden, weil er nur Zweiter wurde und den Versuch mit dem Leben bezahlte. Ernest Shackleton ist unvergessen, weil keiner so abstrus und spektakulär scheiterte wie er und es doch verstand, nicht nur sich, sondern auch seine Männer zu retten. Dass alle drei schließlich im Eis starben, ließ sie endgültig zu Legenden werden.

Anders als Douglas Mawson, den man Down Under als Australiens Helden der Polarforschung kennt, im Rest der Welt dagegen kaum. Vielleicht, weil er zwar wie Scott nur nah ans Ziel kam, das aber überlebte. Womöglich, weil er zwar spektakulär scheiterte, anders als Shackleton als persönliche Leistung aber nur das eigene Überleben gegen alle Widrigkeiten vorzuweisen hatte. Möglicherweise, weil seine wirklich außergewöhnlichen Pläne mitunter schon im Ansatz scheiterten; eventuell, weil er noch im Alter von 76 Jahren von all dem erzählen konnte.

Und Mawson hatte einiges zu erzählen: Knapp ein Jahrzehnt, nachdem die Brüder Wright mit ihrem monströsen motorisierten Fluggerät erstmals vom Boden abhoben, fasste Mawson den wagemutigen Plan, als erster Mensch den Südpol zu überfliegen. Die Gegend kannte er schon: Mawson hatte an Shackletons Expedition von 1907 bis 1909 teilgenommen und immerhin den magnetischen Pol, nicht aber den geografischen Pol der Antarktis erreicht. Das Angebot, an Scotts Expedition teilzunehmen, schlug Mawson zu seinem Glück aus - er hegte ja eigene Pläne: Warum laufen, wenn man doch jetzt fliegen konnte?

Vom Flugzeug zum Traktor zum Wrack

Doch auch Mawsons Expedition (1911-1914) stand unter keinem guten Stern. Sein Flugzeug stürzte bei einem Demonstrationsflug wenige Wochen vor Abfahrt gen Antarktika ab und wurde so schwer beschädigt, dass Mawson auf eine Notlösung verfiel: Er machte das Ding zum Flach-Flieger respektive rotorbetriebenen Motorschlitten, der als Traktor die Lasten ziehen sollte, indem er einfach die Flügel abbauen ließ.

Doch auch dieser Plan scheiterte, der Motor kam schon bei ersten Versuchen nicht mit der Kälte zurecht und gab den Geist auf. Ein Scheitern, das gerade Mawson hätte erahnen können: Er gehörte zu der Gruppe um Shackleton, die Teile der Antarktis zu Fuß und ohne Hunde durchqueren musste, weil der unsinnige Versuch, die Südpolarregion mit Motorschlitten zu durchqueren, höchst kläglich gescheitert war.

Auch Mawson ließ das nutzlose Ding zurück und zog - ganz klassisch - mit Hunden und Schlitten los. Auch diese Expedition sollte scheitern, nur Mawson sollte überleben - nach einer erzwungenen Überwinterung in der Antarktis ohne hinreichende Vorräte. Mawsons dreijährige, grausame Robinsonade im ewigen Eis, über die er wenig später ein Buch verfasste, das zum Bestseller wurde, machte ihn zumindest in Australien zu einem der Helden der Polarforschung. Die betrieb er noch bis 1931 mit bemerkenswerten wissenschaftlichen Meriten, aber ohne spektakuläre Pioniertaten, die ihn zum Star gemacht hätten. Immerhin: Sein Porträt landete im letzten Jahrhundert auf der australischen 100-Dollar-Note.

Und sein flügelloses Flugzeug, das auch kein Schlitten werden wollte?

Verrostete Teile der Rahmenkonstruktion des flügellosen Flugzeugs von Douglas Mawson Zur Großansicht
REUTERS

Verrostete Teile der Rahmenkonstruktion des flügellosen Flugzeugs von Douglas Mawson

Und sein flügelloses Flugzeug, das auch kein Schlitten werden wollte, ist der jüngste Fund eines Forschungs- und Konservationsprojektes, das seit einigen Jahren auf dem südpolaren Kontinent Mawsons Spuren sichert. Ganz zufällig sei man auf die Maschine gestoßen, die schon bei Anlieferung ein Wrack gewesen war, berichtete Tony Stewart, der Leiter der aktuellen Expedition. Bei der Restaurierung von Holzhütten am Cape Denison sei ein Mitarbeiter über verrostete Überreste gestolpert. Viel ist von dem verhinderten Fluggerät nicht übrig: Das Wrack liegt inmitten vereister Felsen in der Gezeitenzone, war nur bei ungewöhnlich niedriger Ebbe zugänglich.

Stewart: "Freitag war möglicherweise der einzige Tag in etlichen Jahren, dass die Felsen hinreichend frei von Wasser, die Ebbe niedrig genug und wir hier waren, das zu sehen."

Übrig ist von der Maschine nicht viel mehr als verrostete Teile der einst stoffbespannten Rahmenkonstruktion. Da liegen sie nun, kärgliche Überreste eines kläglichen Versuches.

mit Material von Reuters

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1. Von wegen unbekannt!
Hegen 03.01.2010
Hier in Australien sind einige Plaetze nach Mawson benannt, inklusive ein ganzes Suburb von Adelaide (Mawson Lakes). Habe selten so einen ueberheblichen und herablassenden Artikel wir diesen gelesen. Aber gut, bleibt ihr nur in Eurem piefigen Europa, wir kommen hier auch ohne Euch klar! CU Hegen
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