Spektakuläre Arktis-Expedition "Polarstern" soll im Eis festfrieren

Ein deutsches Forschungsschiff soll ab Herbst 2019 mit dem Eis Richtung Nordpol driften. Die Wissenschaftlerin Antje Boetius berichtet von den Gefahren für das Schiff und was auf die Besatzung zukommt.

"Polarstern" im Eis (Archivbild)
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"Polarstern" im Eis (Archivbild)

Ein Interview von


Irgendwo vor der Inselgruppe Sewernaja Semlja werden die Maschinen abgestellt. Ab dann wird der 120 Meter lange deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" zum Spielball des Eises. Im kommenden Herbst machen sich Polarforscher aus 17 Ländern auf zu einer spektakulären Expedition: Mit ihrem im Eis festgefrorenen Schiff wollen sie einmal über den zentralen Bereich der Arktis driften - und währenddessen Daten aus einem der am wenigsten erforschten Gebiete der Erde sammeln.

"Mosaic", eine Abkürzung für "Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate", heißt die Forschungsfahrt, die nach rund einem Jahr in der Framstraße vor der Ostküste Grönlands enden soll. Solche Driftexpeditionen hat es freilich schon gegeben, allen voran die Fahrt der legendären "Fram" unter dem Norweger Fridtjof Nansen in der Zeit zwischen 1893 und 1896.

Auch seine Nachfolger, die Wissenschaftler des norwegischen Polarforschungsinstituts, haben ihr Schiff "Lance" im Jahr 2015 fünf Monate im Eis driften lassen. Und die Sowjetunion und später Russland haben zahlreiche Stationen auf Eisschollen eingerichtet. Warum braucht es das "Mosaic"-Projekt da noch? Antje Boetius, Chefin des federführenden Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, gibt Antworten im Interview.

Zur Person
  • Martin Schiller / Alfred-Wegener-Institut
    Antje Boetius, 51, ist Meeresbiologin. Sie leitet das Alfred-Wegener-Institut (AWI) und hat eine Professur an der Universität Bremen. Schwerpunkt ihrer Forschung ist die Tiefsee. Boetius hat an rund 40 Forschungsexpeditionen teilgenommen und mehrere davon geleitet. In diesem Jahr wurde sie mit dem Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Es ist extrem kalt und den ganzen Tag über dunkel - der arktische Winter ist ausgesprochen ungemütlich. Warum wollen die "Mosaic"-Forscher trotzdem dorthin?

Boetius: Gerade weil es so kalt und so extrem ist. Deswegen haben wir bisher nämlich fast keine Daten aus der Region. Wir können einfachste Fragen nicht beantworten: Gibt der Ozean im Winter CO2 ab? Geht das Leben im Eis komplett in den Winterschlaf? Wie wird im Winter die Wärme transportiert zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre? Wir erwarten davon wesentliche Bausteine, um mit Klimamodellen die enormen arktische Klimaänderungen nachzuvollziehen und langfristig auch die Wettervorhersagen in unserer Region verbessern zu können.

SPIEGEL ONLINE: Driftexpeditionen hat es schon einige gegeben. Braucht es da wirklich so ein aufwendiges Projekt?

Boetius: Der Letzte, der wirklich einen ganzen Winter über von einem Schiff Daten in der Transpolardrift gemessen hat, war Fridtjof Nansen vor 125 Jahren. Die Norweger, die kürzlich den Winter um Spitzbergen erforscht haben, waren nur küstennah unterwegs. Die russischen Eisdriftstationen finden derzeit nicht mehr statt, sie haben nur eine kleine Zahl von Messwerten erhoben, und es ist nicht viel davon veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Bedingungen werden die Frauen und Männer an Bord der "Polarstern" klarkommen müssen?

Boetius: Es wird enorm viel gearbeitet, und es gibt natürlich ein paar Einschränkungen vor allem in der Kommunikation, zum Beispiel kann man nicht skypen, fernsehen oder im Internet surfen. Kleine E-Mails kann man schicken, so wie früher, als man noch Telefon-Modems hatte. Und wer auf dem Schiff ist, bleibt auch für eineinhalb bis drei Monate dort. Und trotzdem können wir uns vor Anfragen kaum retten.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass die Forscherinnen und Forscher nicht sogar ein ganzes Jahr an Bord bleiben müssen?

Boetius: Mit russischen und chinesischen Eisbrechern gibt es alle drei, vier Monate einen Austausch des Personals. Dann holen wir auch Daten und Proben ab, die dann gleich für die Forschung an Land genutzt werden können. Wir bringen auch Versorgungsgüter, wissenschaftliche Geräte und Treibstoff mit. Es gibt auch Transport per Luft, z.B. mit Hubschraubern, die zu den geplanten Forschungscamps auf dem Eis fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die im Eis eingeschlossene "Polarstern" ihre Fahrt aus eigener Kraft fortsetzen - etwa wenn sie ihre Maschinen wegen eines Notfalls anwerfen müsste?

Boetius: Davon gehen wir aus. Im Herbst 2016 war ich selbst auf der "Polarstern" bei der spätesten Expedition der vergangenen zehn Jahren. Da haben wir gemerkt, dass es Geduld braucht, aber dass es geht. Das Meereis in der Region der Transpolardrift ist im Schnitt auch im Winter nur ein bis zwei Meter dick. Vielleicht muss man mal zwei Wochen warten, bis der Wind passt - aber dann kommt man raus. Das schafft die "Polarstern" mit viel Ruckeln und viel Geduld.

SPIEGEL ONLINE: Kann die "Polarstern" im Eis beschädigt werden?

Boetius: Im Prinzip kann das Schiff vom Eis beschädigt werden, wenn man mit Volldampf in Presseisrücken reinfährt, die mehrere Meter dick sind. Aber wir lassen uns ja vom Eis einschließen, da sollte das nicht passieren. Und dass wir - so wie früher zu Nansens Zeiten die Holzschiffe - vom Eis zerdrückt oder rausgehoben werden und umkippen, das ist nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Das Meereis der Arktis im Sommer liegt seit Jahren drastisch unter den Mittelwerten. Warum fährt man nicht in die Gegend, wenn sie leicht zu erreichen ist?

Boetius: Das tun wir ja zum Auftakt. Wir fahren im Sommer in die nordöstliche Arktis, um einen Startpunkt zu wählen, damit wir dann für ein Jahr mit dem Eis treiben. Ein paar Monate später würde es sehr lange dauern, um dort hinzukommen. Aber dann wollen wir ja schon ab Herbst 2019 unsere Beobachtungen im Eis machen. Deswegen müssen wir dann vor Ort sein und die Station aufgebaut haben.

SPIEGEL ONLINE: Wird die "Polarstern" auf ihrer Drift durchs Eis auch den Nordpol erreichen?

Boetius: Das hoffen wir. Es fühlt sich immer noch besonders an, am Nordpol zu sein, auch wegen der Geschichte der Nordpolexpeditionen. Aber es ist absolut unwahrscheinlich, dass wir genau über den Punkt kommen. Ich gehe davon aus, dass wir vielleicht im Umkreis von 100 Seemeilen, also rund 185 Kilometern, am Nordpol vorbeidriften.

SPIEGEL ONLINE: Um das mehr als 120 Millionen Euro teure Großprojekt zu stemmen, brauchen Sie Finanzzusagen aus rund einem Dutzend Ländern. Haben Sie die zusammen?

Boetius: Wir haben inzwischen verlässliche Zusagen von allen, die mitmachen - insgesamt 17 Nationen. Gerade haben die USA sogar noch einmal eine Erhöhung der Mittel zugesagt. Es ist schön, wie dieses Projekt weltweit mobilisiert. Auch Russland und China sind dabei. Die Begeisterung für so eine Großexpedition, die Daten für die kommenden zehn Jahre liefert, ist groß.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie selbst während der Expedition an Bord der "Polarstern" sein?

Boetius: Ich bin seit kurzem Direktorin des AWI und werde daher keinen der langen Abschnitte mitmachen können. Aber ich habe mir in meinem Terminplan eine Lücke freigehalten für den letzten, kürzeren Fahrtabschnitt, wenn wir aus dem Eis zurückfahren. Mal sehen, ob das klappt. Das wäre dann zwar der Sommer und nicht der arktische Winter, auf den ich wirklich auch sehr neugierig wäre. Für mich als Mikrobiologin gäbe es da sicher viel Spannendes zu entdecken, zum Beispiel, wie sich das Leben im Eis bei minus 40°C hält.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
bissig 27.06.2018
1. Na ja
"Irgendwo vor der Inselgruppe Sewernaja Semlja werden die Maschinen abgestellt". Das glaube ich kaum. Schliesslich muss das Schiff ja warm und die Stromversorgung aufrecht gehalten werden. Kann sein, dass der Antrieb abgestellt wird, aber selbst das kann bedeuten, dass die Antriebswellen sich weiter drehen, damit sie nicht im Eis festfrieren. Denn wenn die Wellen einmal festgefroren sind, wird sich das Schiff aus eigener Kraft kaum befreien können.
felisconcolor 28.06.2018
2. Die
Zitat von bissig"Irgendwo vor der Inselgruppe Sewernaja Semlja werden die Maschinen abgestellt". Das glaube ich kaum. Schliesslich muss das Schiff ja warm und die Stromversorgung aufrecht gehalten werden. Kann sein, dass der Antrieb abgestellt wird, aber selbst das kann bedeuten, dass die Antriebswellen sich weiter drehen, damit sie nicht im Eis festfrieren. Denn wenn die Wellen einmal festgefroren sind, wird sich das Schiff aus eigener Kraft kaum befreien können.
Polarstern hat einen Tiefgang von bis zu 11,20 Meter. Bei den, wie im Artikel beschriebenen, zu erwartenden Eisdicken ist ein Festfrieren der Antriebswellen wohl kaum zu erwarten
Charlie Whiting 28.06.2018
3. Find ich cool
Tolles Projekt mit historischem Vorbild. Wer weiss wie lange solche Drifts noch möglich sind. Stell ich mir aber hart vor. Kein Tageslicht, kaum Ablenkung, kaum Aussenkontakt. Hat was von einer Marsmission. Die Bedeutung der Daten kann ich nicht bewerten. Mal abwarten.
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