Expedition der "Polarstern" Festgefroren im Packeis

Wissenschaftler aus 17 Nationen bereiten sich auf eine spektakuläre Expedition vor: Mit dem Forschungsschiff "Polarstern" wollen sie sich im Packeis festfrieren lassen - und sich damit ein Jahr treiben lassen.

Meereisphysiker des Alfred-Wegener-Instituts bei einer Expedition mit der "Polarstern" (Archivbild)
DPA

Meereisphysiker des Alfred-Wegener-Instituts bei einer Expedition mit der "Polarstern" (Archivbild)


Mit einem Schiff mehrere Monate im ewigen Eis der Arktis festgefroren sein - für die meisten Menschen keine besonders attraktive Vorstellung. Markus Rex bereitet sich freiwillig genau darauf vor. Und er ist mit seinem Vorhaben nicht allein.

Zusammen mit einem internationalen Forscherteam wird er sich an Bord der "Polarstern" des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) im Eis einfrieren lassen. Ab September soll das Forschungsschiff ein Jahr lang mit dem Eis treiben - ein Mammutprojekt. Zeitlich übertroffen wird die geplante Mission von der Expedition des französischen Forschungsschiffs Tara, das Wissenschaftler zwischen 2006 und 2008 für 16 Monate absichtlich im Packeis um den Nordpol einfrieren und driften ließen. An der "Polarstern"-Mission nehmen nun Wissenschaftler aus 17 Nationen teil. "Ich habe schon viele Expeditionen mitgemacht, aber diese ist unvergleichlich", sagt Rex, der die Fahrt leitet.

Von Februar bis Juni ist die zentrale Arktis eigentlich unzugänglich, weil das Eis dann selbst für Eisbrecher zu dick ist. Die "Polarstern" soll vom Eis eingeschlossen ohne eigenen Antrieb über die Polkappe driften - nach dem Vorbild der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff "Fram" vor rund 125 Jahren. Ziel des 120-Millionen-Euro-Projekts "Mosaic" ist es, den Klimawandel genauer zu verstehen. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen, sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von allen Erdregionen am stärksten erwärmt.

Im Unterschied zur "Fram" wird die "Polarstern" nicht auf sich allein gestellt sein. Sie kann sich auf den ersten und letzten Abschnitten auf die Unterstützung anderer Eisbrecher verlassen. "Wir brauchen frische Lebensmittel und Treibstoffnachschub", sagt Expeditionsleiter Rex. Die Schiffsschraube wird zwar die meiste Zeit stehen. Um die "Polarstern" mit Wärme und Strom zu versorgen, wird eine der Maschinen dennoch laufen.

Zunächst fährt das Schiff von Norwegen aus entlang der sibirischen Küste und dann polwärts ins Eis hinein. Am Ziel angekommen, hat das Team zwei Wochen Zeit, auf dem Eis ein Camp aufzubauen. An mehreren Stationen sollen Messungen im Meerwasser, im Eis und in der Atmosphäre vorgenommen werden. Während der Aufbauphase gibt es tagsüber gerade noch vier Stunden Dämmerlicht. "Das wird richtig hektisch. Ab der zweiten Oktoberhälfte wird es zappenduster", sagt Rex.

Die Polarnacht ist nur eine von vielen Herausforderungen, die es im Vorfeld zu bedenken gibt. Seit Monaten laufen beim AWI die Vorbereitungen auf Hochtouren. Auch Notfallpläne müssen erstellt werden, zum Beispiel für den Fall, dass das Packeis auseinanderbricht, während Wissenschaftler darauf stehen. "Dann gilt es: Erst die Menschen in Sicherheit bringen, danach das Equipment", sagt AWI-Ingenieurin Bjela König, die für die Gefährdungsbeurteilung zuständig ist.

Dass die "Polarstern" bei der Expedition Schaden nimmt, lässt sich nicht ausschließen - etwa wenn das Schiff unter voller Leistung auf Erhebungen im Packeis, sogenannte Presseisrücken, fahren sollte, die mehrere Meter dick sein können. Da die Crew aber vorhat, sich vom Eis einschließen zu lassen, ist das eher unwahrscheinlich. Und von den weißen Massen zerdrückt oder herausgehoben zu werden, kann dem modernen Schiff nicht passieren.

Gefährlich könnten auch Eisbären werden. Damit die Forscher sicher auf dem Eis arbeiten können, werden bewaffnete Wachen eingesetzt. "Wir müssen klären, wie viele Teams gleichzeitig geschützt werden können", so König. Erschwert werde die Arbeit der Wachen von der Dunkelheit und vom nicht seltenen, dichten Nebel in der Arktis.

AWI-Eisspezialist Marcel Nicolaus ist derweil dabei, die Anordnung der Stationen auf dem Eis zu koordinieren. "Die Anzahl sprengt jede bisher bekannte Dimension von anderen Expeditionen", sagt der Physiker. Damit sich die Wissenschaftler nicht ins Gehege kommen, müsse die Scholle genau aufgeteilt werden.

Ende 2019 will Rex zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Crewmitgliedern mit dem Begleitschiff "Admiral Makarow" wieder nach Norwegen fahren, andere Forscher kommen dann neu an Bord. Alle Expeditionsteilnehmer bleiben nur zwei bis drei Monate am Stück. Auf weiteren Fahrtabschnitten im Jahr 2020 wird Rex wieder auf der "Polarstern" sein.

In der Zwischenzeit soll auf dem dann dicken Packeis mit Pistenraupen eine Flugzeuglandebahn präpariert werden. Im April 2020 kann dann das erste Versorgungsflugzeug landen, wenn es für Eisbrecher kein Durchkommen mehr durchs Packeis geben wird. Sollte es den Beteiligten nicht gelingen, eine stabile Landebahn zu präparieren, kommen Langstrecken-Hubschrauber zum Einsatz.

Ein Camp samt Landepiste anzulegen, ist möglich, weil das Eis zusammen mit der "Polarstern" Richtung Süden driftet. "Unsere Umgebung reist mit uns mit", erklärt Expeditionsleiter Rex. So lange, bis im Juni 2020 wieder die Schmelzperiode beginnt. Dann wird die "Polarstern" zwischen Grönland und Spitzbergen wieder "ausgespuckt" - und die Auswertung der vielen gewonnenen Daten kann beginnen.

Janet Binder/dpa/stu

Mehr zum Thema


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brux 10.01.2019
1. Unfug
Das ist wie mit der bemannten Raumfahrt. Man kann das alles viel einfacher herausfinden ohne Menschen. Die erzeugen nur extremen Aufwand, damit sie überhaupt in diesen Umständen überleben können. Ich war lange in der Forschungsförderung und auch da gehört klappern zum Handwerk. Man braucht die Presse, aber Journalisten wollen Menschen in der Story. Also macht man Forschungsprojekte mit Menschen drin. Einen echten wissenschaftlichen Nährwert hat das nicht. Und die Polarstern ist nun schon fast 40 Jahre alt und muss ersetzt werden. Um die Politik einmal mehr von solchen grossen Ausgaben zu überzeugen, muss eben auffällige Forschung her.
urbaan 13.01.2019
2. Das Ziel
Forschung brauchen wir, aber brauchen wir auch ein Forschungsprojekt dieser Größenordnung, das uns bei der Begrenzung der Erderwärmung nicht wirklich weiter hilft? Der enorme technische und finanzielle Aufwand für solch eine Expedition nur um den Klimawandel besser zu verstehen einhergehend mit einem hohen Ressourcenverbrauch bei diesen extremen Bedingungen steht einem geringen Nutzen gegenüber. Die Jahre vergehen, die Forscher sammeln fleißig immer größere Datenmengen über die Klimaänderung. Aber die wissenschaftliche Nutzung für die Umsetzung bleibt meist auf der Strecke. Die Erderwärmung schreitet voran und läßt sich dadurch nicht eindämmen, aber das liegt nicht an den Forschern.
jamguy 16.01.2019
3.
Zitat von urbaanForschung brauchen wir, aber brauchen wir auch ein Forschungsprojekt dieser Größenordnung, das uns bei der Begrenzung der Erderwärmung nicht wirklich weiter hilft? Der enorme technische und finanzielle Aufwand für solch eine Expedition nur um den Klimawandel besser zu verstehen einhergehend mit einem hohen Ressourcenverbrauch bei diesen extremen Bedingungen steht einem geringen Nutzen gegenüber. Die Jahre vergehen, die Forscher sammeln fleißig immer größere Datenmengen über die Klimaänderung. Aber die wissenschaftliche Nutzung für die Umsetzung bleibt meist auf der Strecke. Die Erderwärmung schreitet voran und läßt sich dadurch nicht eindämmen, aber das liegt nicht an den Forschern.
Der Globus lebt und wo mal Meer war is heute Wüßte und was Die Arten anbetrifft sterben und entstehen welche das war immer so und muss auch der Mensch akzeptieren . Ich sehe überhaupt keine Chance das Klima Menschgerecht zu gestalten und letztlich neben natureller veränderungen den Prozess nur beschleunigen kann oder aber mehr wie 50% Lebensstandard sofort aufgeben muss .
hegoat 17.01.2019
4.
Zu Kommentar 1: Dem kann man nur uneingeschränkt zustimmen. Wie bei allem im Kapitalismus geht es nicht nur um das Produkt (die Forschung), sondern vor allem auch um den Verkauf. Und dafür muss man klappern und menschliche Geschichten erzählen. Dazu gehören dann auch so peinliche Allgemeinaussagen wie "Zuerst evakuieren wir die Menschen und dann das Equipment." Ach wirklich? Zu Kommentar 2: Wenn Sie wüssten, für welchen Quatsch der Staat alles Geld ausgibt, dann lachen Sie über diese 120 Millionen hier. Schauen Sie mal in Haushaltspläne und Koalitionsverträge hinein. Da schlagen Sie die Hände über dem Kopf zusammen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.