Bedrohte Insekten Wie Polen und Baschkiren die Biene retten wollen

Die Zahl der Bienenvölker ist dramatisch gesunken. Im Osten Polens haben Förster nun Hilfe aus Russland angeheuert. Die Experten bauen Wildbienen ein neues, sicheres Zuhause.

Von


Von ihren Kollegen werden sie nur "der schwarze Adam" und "der weiße Adam" genannt. Die beiden sind in einer Mission unterwegs, die ganzen Völkern das Leben retten soll. Deshalb steht der polnische Förster Adam Kolator mit seinen schwarzen Haaren jetzt auf einer Aluminiumleiter, die an einer Kiefer lehnt, und sein Vorgesetzter Adam Sienko mit den weißen Haaren hält die Leiter fest.

"Es ist ein internationales Problem", sagt Adam Sienko, "35 Prozent der globalen Lebensmittelproduktion verdanken wir der Insektenbestäubung." Aber Honig- und Wildbienen sterben in Massen, weltweit und auch hier in der "Augustower Wildnis" Ostpolens, der Puszcza Augustowska. Das über 100.000 Hektar große Waldgebiet grenzt an Weißrussland.

Behutsam öffnet Kolator den Bienenstock, eine Baumhöhle in einer Kiefer. "Die Tiere sind ruhig heute." Zur Vorsicht schwenkt er ein Gefäß, in dem Baumrinde schwelt: "Der Rauch hält sie mir vom Leib", sagt er und greift in die Öffnung, lockert eine der Waben, der Honig läuft ihm bis hinab zum Ellenbogen. Das Summen der Bienen wird lauter.

Der Honig schmeckt herb, nach Kräutern und Wald, eine Delikatesse: "Man kann die Blaubeere erahnen", sagt Sienko, und deutet auf die Büsche in der Nähe. 32 Bienenstöcke haben sie in ihrem Revier schon angelegt: "Im 18. Jahrhundert gab es hier 20.000, doch dann geriet die traditionelle Imkerei immer mehr in Vergessenheit."

Aber die Natur und die Menschheit brauchen die Bienen, unbedingt, egal welche. Deshalb haben sich die beiden Polen Hilfe aus Baschkirien geholt, dort gibt es Kollegen, die sehr viel von wilden Bienen verstehen - diese müssen nicht wie herkömmliche Honigbienen permanent vom Imker gehätschelt werden.

40 Prozent weniger Bienen

Sienko hat seine Doktorarbeit einst über Elche geschrieben. Seit mehr als 30 Jahren durchstreift er im Auftrag des Staates die Wälder. Sein großer Stolz ist das Foto eines Luchses, der vergangenen Winter unter seinem Hochsitz vorbeischnürte.

Sienko ist zufrieden mit seinen 114.000 Hektar Wald: Die Bäume sind gesund, die sechs Seen in seinem Revier sauber, ab Herbst durchstreifen Wisente die Puszcza Augustówska. Nur die Bienen machen ihm Sorgen: "Der Bestand ist um mindestens 40 Prozent zurückgegangen." Die Insekten sterben an Pestiziden, an Milben und sie leiden unter den landwirtschaftlichen Monokulturen.

Das Phänomen zeigte sich Anfang des Jahrtausends drastisch, massenhaft starben etwa 2006 in den USA die Bienenvölker, die Verluste werden seit 2008 vom Forschungsnetzwerk "Coloss" erfasst. Es ist ein gespenstischer Vorgang, vor allem weil viele Nutzpflanzen vom Apfelbaum bis zur Wassermelone die Bestäubung durch die Bienen oder andere Insekten brauchen.

Know-how aus Baschkirien

Vor fünf Jahren etwa stieß Sienko auf eine Lösung: Aus Baschkirien, einer russischen Provinz am Ural, waren Försterkollegen angereist. Die Kontakte dorthin gehen noch auf sozialistische Zeiten zurück. Die Männer kennen sich gut aus mit Bienen. Im Naturreservat Schulgan-Tasch würden sie Hunderte wilder Völker hüten, so erzählen sie.

Also folgten Adam Kolator und Adam Sienko einer Einladung nach Baschkirien. Als Willkommensgruß schlachteten die Gastgeber erst einmal ein Pferd. "Es gab nichts anderes und mit Wodka geht es", sagt der schwarze Adam.

Dann wiesen die Baschkiren die Polen in die Geheimnisse ihrer traditionellen Imkerei ein: Vermittels eines Holztritts und einiger Seile klettert ein baschkirischer Imker einen Baum bis zu sechzehn Meter hoch - schließlich sollen die Bienen vor Nachstellungen durch Bären sicher sein.

Dann schnitzt er mit einer groben Klinge eine große rechteckige Öffnung. Darin werden einige Kanthölzer angebracht, gewissermaßen als Rohbau für die Arbeitsbienen, die dann ihre Waben bauen. Als Köder hinterlässt man einige Löffel Honig und verschließt das Loch mit zwei passgenau geschnitzten Brettern. Das eine ist mit einem Bohrloch als Eingang versehen. Kundschafterbienen finden die so vorbereiteten Nester, alsbald kommen andere Bienen hinterher.

"Bisher hatten wir keine längeren Leerstände", sagt der weiße Adam über die neuen Nester, die er nach der baschkirischen Methode in der Puszcza Augustowska angelegt hat. Er muss heute noch einen Projektantrag ins Ministerium nach Warschau schicken. Es war schwierig, Sienkos Vorgesetzte vom Nutzen der wilden Bienenvölker zu überzeugen. Was sollen uns die Russen schon beibringen können, fragte einer.

Es geht um viel mehr als Geld

Auch die EU wollte kein Geld für die Reise der Baschkiren nach Polen ausgeben. "Die Biene ist in Europa kaum geschützt, sie steht artenschutzrechtlich auf der gleichen Stufe mit Schweinen und Kühen", sagt Sienko. Den Brüsseler Behörden sei die ökologische Bedeutung der Tierchen immer noch nicht klar.

Schließlich zahlte ein norwegischer Öko-Fonds, und die Baschkiren konnten anreisen. Für die Männer vom Ural war die Reise ins moderne Ostpolen offenbar ein Kulturschock. "Sie kauften sich säckeweise Kondome, die scheinen da Mangelware zu sein", flüstert ein Försterei-Angestellter.

Die Baschkiren bildeten den schwarzen und den weißen Adam im Umgang mit Waldbienen aus, der einzige Unterschied: "Statt der Tritthölzer, haben wir eine Aluleiter", sagt Sienko.

Neulich war sogar ein Kamerateam in Augustów und dann auch in Baschkirien, um einen Dokumentarfilm zu drehen, der demnächst ins Kino kommt, Titel "Honigjäger", in einer Hauptrolle: Adam Kolator.

Wenn allerdings Touristen Sienko nach dem würzigen Waldhonig fragen, fährt er fast aus der Haut: "Wir wollen mit unseren Bienen kein Geld verdienen, es geht um viel mehr. Nur wenn es den Bienen gut geht, geht es auch dem Wald gut", sagt er.

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eigene_meinung 20.06.2016
1. In Deutschland
In Deutschland unternimmt man große Anstrengungen, die Bienen endgültig auszurotten: Felder werden mit Unkrautvernichtungsmitteln weitgehend blütenfrei gemacht. Mit Insektiziden werden auch die Bienen getötet oder zumindest geschwächt. Die Besitzer von Privatgärten werden von Nachbarn, sowie von korrupten Gerichten und Behörden, zunehmend gezwungen, blühende Bäume und Sträucher durch Betonwüsten zu ersetzen, so dass die Bienen keine Nahrung mehr finden.
zyklotrop2016 20.06.2016
2. Lesenswert
Dieser Artikel macht Hoffnung, handelt von interessanten Menschen und inspiriert zum Nachmachen. Das Beste, was ich seit langem auf SPON gelesen habe. Vielen Dank.
speleonaut 20.06.2016
3. Super Geschichte
Tolle Geschichte, vor Allem vor dem Hintergrund, das in Westeuropa & Amerika die Bienen immer weniger werden. Hätte mir gewünscht, mehr über die Resistenzen der Bienen zu erfahren. Zb. sind sie gegen die Varroa-Milbe resistent? Die Art der Vermehrung und der Ernte ist einzigartig in Europa. Ob das bei uns überhaupt noch funktioniert bzw. noch erlaubt ist (Waldschutz!).
stani.leys 20.06.2016
4. Super einfach klasse geschrieben
Tja was man alles von den Russen lernen kann aber nein blöde Politik Das trotz Sanktionen paar Leute es schaffen sich gegenseitig und menschlich zu helfen einfach nur der Hammer
Miere 21.06.2016
5. Ein Foto wäre toll.
Also von diesem "Rohbau" mit den Kanthölzern. So kann ich mir das nicht vorstellen. Wie dem auch sei, ich finde manchmal, dass wir uns zu sehr auf die Honigbienen konzentrieren. In meinem Garten sind jetzt deutlich weniger Honigbienen als in meiner Kindheit, dafür mehr Hummeln, und auch Solitärbienen die ich damals gar nicht kannte. Vielleicht ist es der falsche Weg, Nisthilfen für die eine oder andere Art zu bauen, sondern wir sollten eher darauf schauen, dass es ganzjährig Futter für die Bestäuber gibt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.