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Obduktion auf Nordseeinsel: Pottwale unterm Messer

Von

Robert Marc Lehmann

Achtung, hier wird es blutig. Forscher haben angefangen, die zwölf toten Pottwale aus der Nordsee zu sezieren. Warum die Wale gestrandet sind, ist unklar - hier sind die möglichen Erklärungen und die Bilder.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Dutzend Pottwale sind innerhalb einer Woche an der Nordseeküste gestrandet, auch auf deutschen Inseln. Von der ostfriesischen Insel Wangerooge wurden bereits zwei Tiere abtransportiert und per Autokran in Wilhelmshaven an Land gehievt. Auch die übrigen Kadaver müssen weg. Sie stinken und können Schiffen gefährlich werden, wenn sie zurück ins Meer treiben. Der Fotograf und Meeresbiologe Robert Marc Lehmann war bei den Arbeiten auf der niederländischen Insel Texel dabei, wo bislang sechs Pottwale gestrandet sind.

"Das ist schon beeindruckend, wenn so ein Tier zerlegt wird", sagt er. Die Forscher nehmen die Wale nach festem Protokoll auseinander. Vorher vermessen sie sie gründlich: Gesamtkörperlänge, Flossengröße, Abstände zwischen einzelnen Körperteilen. Derzeit gehen Experten davon aus, dass es sich bei den gestrandeten Tieren um Bullen im Teenageralter handelt. Das genaue Alter ist allerdings unklar.

Männliche Pottwale werden erst mit etwa 20 Jahren geschlechtsreif. Die Zeit, in der sie als Halbstarke in Männergruppen durch die Ozeane ziehen, ist lang. Aufschluss über das genaue Alter kann das Augenwasser der Tiere geben. Anhand von Isotopen darin bestimmen Forscher, wie lange ein Pottwal bereits gelebt hat. Pottwale können über 70 Jahre alt werden, ausgewachsen sind sie erst mit etwa 50.

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Pottwal-Obduktion auf Texel: Achtung blutig
Im Durchschnitt werden die Männchen 16 Meter lang, besonders große Exemplare messen 20 Meter. Lehmann schätzt, dass die gestrandeten Pottwale auf Texel etwa zwölf Meter erreicht hatten. "Ihr Gewicht unterschied sich aber deutlich", berichtet er. Eines der Tiere, deren Sezierung er begleitet hat, sei deutlich kräftiger gewesen als das andere.

20 Zentimeter Fettschicht

Um herauszufinden, ob die Tiere krank waren, suchten die Experten vor Ort nach äußeren Verletzungen und Parasiten und entnahmen Gewebeproben von Organen wie Lunge, Herz, Leber und Nieren. "Besonders interessant ist der Magen-Darm-Trakt", sagt Lehmann. Nahrungsreste beispielsweise erlauben, genau wie Parasiten, Rückschlüsse auf die Herkunft der Pottwale.

Grundsätzlich kommt die Art in allen Ozeanen vor. Der Mageninhalt gibt Hinweise darauf, wann und was die Tiere zuletzt gefressen haben. Wie gut die Wale genährt sind, verrät zudem der sogenannte Blubber, die mehrere Zentimeter starke Fettschicht unter der Haut der Wale.

"Bei den Tieren auf Texel war sie 15 bis 20 Zentimeter dick", erzählt Lehmann. Ein normaler Wert für Tiere aus nördlichen Breiten. Die Blubber-Stärke variiert allerdings stark - je nachdem, in welcher Phase seines Lebens sich der Pottwal befindet. Zudem müssten die Wale schon eine ganze Weile hungern, bis der Blubber abgebaut wird. Bleiben sie zu lange in der Nordsee, lässt sich das aber nicht ausschließen.

"Pottwale müssen täglich fressen", erklärt Lehmann. "Sie nehmen dann zwei bis drei Prozent ihres eigenen Körpergewichts auf." Heranwachsende Pottwale wiegen zwischen 10 und 20 Tonnen, ausgewachsen können Männchen über 50 Tonnen erreichen.

Tückische Nordsee

Die Nordsee ist zur Futtersuche allerdings nicht der optimale Ort. Das Gewässer ist stark befahren, das Wasser trüb und für eines der am tiefsten tauchenden Meeressäugetiere vergleichsweise flach. Rückstände von Tiefseefischen im Magen der Wale deuten darauf hin, dass die Tiere in Tiefen bis 3000 Meter tauchen. In der Regel ernähren sich Pottwale von Tintenfischen, fressen aber auch andere Fische und am Meeresboden lebende Haie.

"Dass der Tod der Tiere - wie oft berichtet wurde - besiegelt ist, sobald sie auf ihren Wanderungen einmal vermeintlich falsch in die Nordsee abgebogen sind, stimmt aber nicht", sagt Lehmann. Die Tiere seien durchaus in der Lage, aus einem flachen Meer wieder hinaus in den offenen Ozean zu finden.

Pottwale orientieren sich mithilfe von Echolotung und stoßen dazu Klicklaute aus. Den reflektierenden Schall zu interpretieren, wird in flachen Gewässern schwieriger, aber nicht unmöglich. So werden Pottwale immer wieder auch in vergleichsweise flachen Gewässern gesichtet, ohne zu stranden.

Sonnenstürme beeinflussen das Erd-Magnetfeld

Bislang ist daher unklar, warum die Wale in der Nordsee auf den Strand gespült wurden. "Es kommen viele Erklärungen infrage", sagt Lehmann. Solange man nicht gerade kiloweise Plastik im Magen oder Darm der Tiere finde, sei es sehr schwer, eine eindeutige Ursache zu finden. Walstrandungen haben oft natürliche Ursachen - etwa Stürme oder Erdbeben.

Pottwalstrandungen sind seit 1572 dokumentiert. Es gab sie schon lange vor der Industrialisierung. 2005 war deutschen Forschern aufgefallen, dass die Ereignisse besonders häufig gleichzeitig mit Sonnenstürmen auftreten. Diese beeinflussen das Magnetfeld der Erde, an dem sich die Tiere auf ihren Wanderungen ebenfalls orientieren. Auch im Dezember 2015 war die Sonne besonders aktiv. Das könnte eine Erklärung sein, allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass die Ereignisse zufällig zur gleichen Zeit auftraten.

In einer weiteren Studie hatten Forscher 36 Strandungen seit dem Jahr 1555 untersucht. Demnach stranden Pottwale vor allem an flachen Sandstränden in Regionen, in denen sie normalerweise nicht vorkommen. Eine Erklärung dafür könnte neben der schwierigeren Orientierung im Nordseewasser auch das Sozialgefüge der Tiere liefern: Wale folgen toten Artgenossen mitunter tagelang. Werden diese an den Strand gespült, landet die ganze Gruppe dort.

Nachrichtenagenturen und Medien, auch SPIEGEL ONLINE, hatten im Zusammenhang mit den aktuellen Fällen in der Nordsee immer wieder berichtet, die Pottwale verendeten am Strand, weil ihre Lunge durch das eigene Körpergewicht erdrückt wurde. "Das ist ein Irrglaube", erklärt Lehmann. "Pottwale kommen mit Druck sehr gut klar. Sie tauchen bis in 3000 Metern Tiefe. Dafür brauchen wir gepanzerte U-Boote."

Die Tiere können durchaus einige Tage am Strand überleben und gerettet werden. Es gibt Wale, die fünf Tage an einem Strand festsaßen. Meist sterben sie aber früher an einem Schock. In warmen Ländern dehydrieren oder überhitzen sie. An Land werden sie panisch, schlagen mit den Flossen - das strengt an und verbraucht viel Sauerstoff. Hinzu kommt: "Pottwale atmen im Gegensatz zum Menschen bewusst. Sie müssen an jeden Atemzug denken", sagt Lehmann. In Stresssituationen wird das leicht zum Verhängnis.


Zusammengefasst: In der Nordsee gab es innerhalb einer Woche zwölf tote Pottwale. Forscher sezieren die Tiere, um herauszufinden, ob die Wale gesund waren. Für den Tod der Tiere kommen eine Vielzahl von Erklärungen infrage. Starker Schiffsverkehr gilt als möglicher Auslöser. Auch ein Zusammenhang mit starken Sonnenstürmen wird diskutiert. Beweisen ließ sich bislang aber noch keine der Theorien.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Walkadaver zu explodieren drohen. Das ist nicht ganz richtig, tatsächlich ist das Risiko extrem gering. Wir haben die Information entfernt und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Aktivsonar
ponton 16.01.2016
Vor allem die Ortungssysteme der militärischen U-Boote, Übungstorpedos und Fischtrawler stellen für Wale und Delphine eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Wenn das Aktivsonar eines U-Bootes mit voller Leistung aktiviert wird, fetzt es allem, was taucht die Ohren weg. Beeinträchtigungen im Gleichgewichts- und Orientierungssinn der Meeressäuger sind die bekannten Folgen.
2.
7eggert 16.01.2016
Wenn man schon weiß, daß die Kadaver sich alsbald mit Verwesungsgasen aufblähen, warum macht man dann nicht präventiv zwei Löcher mit so einem Gabelstapler rein? Das ist doch sicher angenehmer, als dir Spielort im Film "Der Walkadaver, der in der Innenstadt explodierte" zu sein. (Tainan City)
3. Vorschlag
ralf-spindler 16.01.2016
Man könnte die Tiere doch vorne und hinten zunähen. Wenn die dann noch ein paar Tage liegenbleiben, haben wir die schönsten Zeppeline !
4. Gelegenheit wieder mal verpaßt
frenchie3 16.01.2016
Zerlegen und nach Japan verkaufen. Bei 500 Euronen das Kilo lohnt sich selbst der Aufbau eines Kühlzeltes vor Ort. Schöner wäre es die Tiere würden noch leben
5. KEINE Explosionsgefahr
Agenda2016 16.01.2016
Weshalb ist noch immer von einer akuten Explosionsgefahr die Rede? Erst 2014 gab' es selbst in der Printausgabe des SPIEGELS eine gegenteilige Darstellung zu lesen. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-128629194.html Jener Artikel basiert auf einer wissenschaftlichen Publikation: http://link.springer.com/article/10.1007/s12549-011-0067-z
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