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Nordfriesland: Forscher nehmen Pottwal auseinander

Tote Pottwale zerlegt: Vorsicht, Explosionsgefahr Fotos
DPA

Zwölf tote Pottwale sind innerhalb weniger Tage an Nordseestrände gespült worden. Einen jungen Bullen haben Forscher nun in Nordfriesland zerlegt.

Vorsichtig treibt Holger Bittlinger das lange Messer durch die dicke Fettschicht des Pottwals. Kurz darauf ertönt ein Zischen aus dem Bauch des zwölf Meter langen Kadavers. Gas entweicht. "Explosionsgefahr ist bei allen toten Großwalen ein Problem", sagt Ursula Siebert. Sie ist Leiterin des Büsumer Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung.

Knapp 20 Veterinäre und Techniker des Instituts zerlegen am Donnerstag einen der beiden nahe Helgoland verendeten Pottwale. Die Tiere waren nach ihrer Entdeckung in den Hafen von Holmer Siel auf die Halbinsel Nordstrand nahe Husum geschleppt worden. Warum sich die Tiere in die Nordsee verirrt haben, ist unklar.

Die Wale sind etwa zwölf Meter lang und wiegen jeweils gut zwölf Tonnen. Zum Alter der Tiere können die Experten nach ersten Untersuchungen nur sagen, dass die Jungbullen noch nicht geschlechtsreif waren. Die männlichen Tiere werden mit etwa 25 Jahren geschlechtsreif. "Mit ersten Ergebnissen ist erst in zwei bis vier Wochen zu rechnen", sagt Siebert. Äußerliche Auffälligkeiten habe man nicht feststellen können, berichtet der Sprecher des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), Hendrik Brunckhorst.

In der Nacht zum Freitag soll ein weiteres Tier nach Nordstrand gezogen werden, das nahe Büsum tot auf einer Sandbank gefunden wurde. Diesen Kadaver wollen die Experten dann ebenfalls zerteilen. Die Skelette sollen ausgestellt werden. Eins wird an einen Natur- und Kulturverein auf der Nordseeinsel Amrum gehen. Für das zweite Skelett laufen Gespräche mit der Universität Gießen.

Navigationsfehler auf dem Weg nach Norden

Insgesamt sind in den vergangenen Tagen zwölf der riesigen Meeressäuger in der Nordsee entdeckt worden: zwei auf Wangerooge, einer vor Bremerhaven, zwei bei Helgoland, einer in der Nähe von Büsum und sechs in den Niederlanden. Auch auf Wangerooge haben die Vorbereitungsarbeiten für den Abtransport der beiden toten Pottwale begonnen.

Bagger waren am Donnerstag im Einsatz, um Rinnen ins Watt zu ziehen. Sie sollten beim Schleppen der Wale als eine Art Führungslinie dienen. Die Unterspülung mit Wasser erleichtere zudem den Abtransport der tonnenschweren Kadaver, teilte das niedersächsische Umweltministerium mit. Die Wale sollen nach Wilhelmshaven gebracht werden.

Mit den jüngsten Funden sind nach Angaben des LKN seit 1990 insgesamt 80 Pottwale an den Küsten Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande gefunden worden. Siebert geht davon aus, dass sich die Pottwale meist auf dem Rückweg der Wanderung in arktische Gewässer verirren. Tiere, die in den vergangenen Jahren im deutschen Wattenmeer gefunden wurden, gehörten meist zu Beständen, die sich um die Azoren herum aufhielten.

"Wir finden meistens nur Männchen in unseren Gewässern, weil vor allem sie die Wanderroute in den Norden auf sich nehmen", sagt Siebert. Einmal falsch abgebogen, haben die Wale kaum mehr eine Chance: Mit ihrem akustischen Orientierungssinn können sich die schweren Tiere in der Nordsee schlecht orientieren. Geraten sie ins Flachwasser und stranden, kann das Gewicht ihres Körpers ihre Blutgefäße und die Lunge abdrücken - daran sterben sie.

Todesursache unklar

Weshalb sich die Wale in die Nordsee verirrten, ist allerdings unklar. Michael Dähne vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund hält verschiedene Erklärungen für denkbar: "Es kann natürliche Ursachen haben, an Unterwasserlärm, an Solaraktivitäten oder an Krankheiten liegen, aber auch an seismischen Aktivitäten oder militärischem Sonar."

Laut Siebert gibt es derzeit allerdings "keine direkten Hinweise, dass ein bestimmter, einzelner Einfluss dazu geführt hat, dass die Tiere in die Nordsee kommen und stranden". Dokumentiert seien Strandungen seit dem 16. Jahrhundert. Auch eine Zunahme der Fälle kann Siebert nicht bestätigen.

"Es passiert immer wieder", sagte die Büsumer Wildtierexpertin. Dass viele Tiere auf einmal stranden, könne damit zu tun haben, dass sich die Pottwal-Bestände erholt hätten und damit mehr Tiere auf die Wanderroute gingen. Weltweit gibt es rund eine Million Pottwale.

jme/dpa

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