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Knochensplitter

Größenrekorde Wie flogen Vögel von Flugzeuggröße?

Rekordvögel: Die größten Flieger aller Zeiten Fotos
Liz Bradford

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Die Physik setzt eine Größengrenze für flugfähige Vögel, doch US-Paläontologen stellen im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS") einen Giganten von der Größe eines Kleinflugzeugs vor. Pelagornis sandersi war möglicherweise der größte Flattermann, der je aus eigener Kraft abhob. Wie ihm das gelang, ist strittig.

Wenn man sich die Giganten unter den heute lebenden Vögeln ansieht, ist eine Grenze für Gewicht und Spannweite zu erkennen - was diese theoretische Maximalgröße überschreitet, ist nicht mehr flugfähig. Stein- und Seeadler bringen es auf stolze 2,4 Meter Spannweite, der Andenkondor liegt bei 3,1 Meter, und nur Seevögel wie der Wanderalbatros (ca. 3,2 bis - nicht gesichert - 3,5 Meter) oder der Krauskopfpelikan (bis zu 3,5 Meter) liegen noch darüber. Und kein heute lebender Flieger wiegt mehr als 20 Kilogramm.

Tatsächlich ist diese Grenze von der Physik vorgegeben. Wird sie überschritten, steigt der Bedarf an Kraft und Energie für Start und Flug auf ein höheres Maß, als ein Tier liefern könnte.

Zumindest ohne Tricks, aus dem Stand und eigener Kraft: Die größten lebenden Vögel nutzen Winde, die sie zur Not selbst verursachen, indem sie schlicht Anlauf nehmen. Bis zu einer definierten Grenze starten und fliegen Vögel, wo und wie sie wollen, darüber hinaus brauchen sie entweder einen erhöhten Startpunkt, von dem sie sich herabstürzen können oder eine "Startbahn". Auch dafür aber scheint es klare Grenzen zu geben, innerhalb derer Vogelflug möglich ist.

Zweieinhalb Meter Spannweite scheinen dabei die Grenze für Vögel zu sein, die an Land agile Beute schlagen. Vornehmlich segelnde Aas-Sammler leisten sich auch drei Meter, mehr als das aber allenfalls die Fischer unter den Vögeln. Die Biotope der Welt haben sich so entwickelt, dass diese Höchstgrenzen von heute lebenden Tieren nicht mehr überschritten werden. Doch das war nicht immer so.

Bereits 2007 stellten Paläontologen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" Argentavis magnificens vor, den größten je gefundenen flugfähigen Vogel. Bis zu sieben Meter soll der vor rund sechs bis acht Millionen Jahren seine Flügel ausgebreitet haben und damit dreimal so groß wie ein heutiger Steinadler gewesen sein.

Drachenflieger oder Motorsegler?

Er war allerdings wohl auch eine echter Freak, der seine Flugfähigkeit nur den Besonderheiten seines heimischen Biotops verdankte: Argentavis soll ein reiner Gleiter gewesen sein, der ausschließlich in den Anden lebte und dort mithilfe des stetigen, nie abreißenden Westwinds von den Kämmen der Berge startete - eine Art in Aufwinden startender und in der Thermik kreisender "Drachenflieger" unter den Vögeln. Aus eigener Kraft, glauben die Wissenschaftler, hätte sich dieser Vogel, der nur selten mit den Flügeln schlug, bei Windstille kaum mehr vom Boden erheben können.

Im Gegensatz dazu soll der nun ebenfallsin den "PNAS" vorgestellte Pelagornis sandersi ein "meisterhafter Flieger" gewesen sein. Auch seine Maße liegen deutlich über denen von der Flugphysik eigentlich gesetzten Grenzen: Bei einer Spannweite von bis zu 6,4 Meter soll der Vogel bis zu 41 Kilogramm schwer gewesen sein. Zu groß und zu schwer, sich aus dem Stand in die Luft zu erheben.

In Gestalt und Lebensweise ähnelte Pelagornis wohl heutigen Fregattvögeln oder Albatrossen. Wie sie war er ein maritimer Jäger, der wohl über immense Distanzen segelte und Fisch aus dem Wasser fing. Anders als bei Argentavis errechneten die Paläontologen um Daniel Ksepka für Pelagornis in aufwendigen Flugsimulationen, dass dieser sich wohl auch mit regelmäßigen Flügelschlägen Vortrieb verschaffte - das Federvieh war wohl eine Art "Motorsegler".

Ob das für ihn reichte, um sich auch aus eigener Kraft vom Boden oder aus dem Wasser zu erheben, sei dagegen nicht eindeutig zu sagen: Denkbar sei es, dass sich Pelagornis über Wasser "rennend" nach dem Beutezugriff wieder in die Luft erhob. Wahrscheinlicher sei aber, dass er das gar nicht musste: Der Schnabel des urtümlichen Gleiters, der vor circa 25 bis 28 Millionen Jahre lebte, war mit spitzen Pseudozähnen bewehrt.

Möglicherweise nutzte Pelagornis die, um aus dem Flug heraus Fisch einfach aus dem Wasser zu schnappen. Alternativ könnte Pelagornis - so wie heutige Fregattvögel - sich von fliegenden oder springenden Fischen sowie durch Kleptoparasitismus (das Abjagen von Beute anderer Vögel) ernährt haben.

Das alles ergäbe das Bild eines maritimen Wanderers, der möglicherweise Tausende von Kilometern über lange Zeiten im ununterbrochenen Flug verbrachte. Ein extremes, aber auch heute noch bei Seevögeln beobachtbares Verhalten.

15 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Botox 08.07.2014
Tiananmen 08.07.2014
jamguy 08.07.2014
PolitischUnkorrekt 08.07.2014
Narn 08.07.2014
Last Ninja 08.07.2014
taglöhner 08.07.2014
christianf42 08.07.2014
opi170 08.07.2014
knok 08.07.2014
Thagdal 08.07.2014
taglöhner 08.07.2014
dubidui 09.07.2014
tadamtadam 10.07.2014
lexik 01.08.2014

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Hässliches Entlein, schöner Schwan
Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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