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21. Februar 2013, 18:14 Uhr

Premiere in den Tropen

Riesengürteltier-Baby läuft vor die Kamera

Von Thomas Wagner-Nagy

Zoologen feiern in Brasilien eine Premiere: Sie konnten die Geburt eines Riesengürteltiers dokumentieren. Da bislang nur wenig über die geheimnisvollen Vierbeiner bekannt ist, erhoffen sich die Forscher wichtige neue Erkenntnisse zum Schutz der bedrohten Art.

"Das erste Bild von einem Riesengürteltierbaby zu sehen war einer der aufregendsten Momente meiner Laufbahn", sagt Danilo Kluyber. Als Tierarzt begleitet er das Pantanal Giant Armadillo Project, die erste Langzeitstudie zu Riesengürteltieren in der brasilianischen Pantanal-Region. Hauptziel des Teams um Arnaud Desbiez ist es, die Lebensweise der geheimnisvollen Panzertiere und ihre Bedeutung für das Ökosystem zu erforschen. Nach zweieinhalb Jahren konnten die Zoologen die Geburt eines Jungtiers dokumentieren. Sie filmten, wie sich das Baby zum ersten Mal aus seinem Bau wagt. Nie zuvor haben Wissenschaftler ein derart junges Exemplar der Art vor die Linse bekommen.

Von einem Glückstreffer kann man hier nicht sprechen. Denn gemeinsam mit der Royal Zoological Society of Scotland und einer brasilianischen Umweltorganisation haben Desbiez und sein Team die Aktion über Jahre vorbereitet. Riesengürteltiere sind nämlich so selten und scheu, dass selbst viele Einheimische in ihrem ganzen Leben noch keines zu Gesicht bekommen haben, berichten die Forscher in einer Pressemitteilung. "Manche glauben, es sei schon längst ausgestorben", sagt Desbiez. Will man die Panzertiere erforschen, sind Tricks wie Funksender, Kamerafallen und Untersuchungen ihrer Baue nötig.

Langes Warten im Sumpf

Seit November 2011 hatten die Zoologen ein erwachsenes Weibchen beobachtet. Ab Januar 2012 tauchte hin und wieder ein Männchen auf Bildern der Fotofalle auf, das Erdhöhlen besuchte, die das Weibchen verlassen hatte. Es dauerte ein knappes halbes Jahr bis das Team die beiden Riesengürteltiere erstmals zusammen sah. "Sie teilten sich einen Bau und blieben mehrere Tage lang nah beieinander", berichtet Desbiez. Danach verschwand das Männchen - und das Weibchen ging wieder seiner üblichen Beschäftigung nach: nachts fressen und alle paar Nächte den Unterschlupf wechseln. "Unser Team glaubte zu sehen, dass das Weibchen dicker wurde, aber das war zu dem Zeitpunkt wohl eher Wunschdenken", sagt Desbiez.

Doch im November 2012 - fast genau fünf Monate nach ihrem Kontakt mit dem Männchen - suchte sich die Gürteltierdame einen Bau und kehrte mehr als einen Monat lang immer wieder dorthin zurück. Drei Wochen mussten sich die Wissenschaftler gedulden, bevor ihnen die lang ersehnten Aufnahmen gelangen: Als die Mutter eines Nachts zur Höhle zurückkehrte, lugte die Nase eines Gürteltierbabys hervor. Es dauerte eine weitere Woche, ehe sich das Jungtier aus seinem Unterschlupf wagte und mit seiner Mutter in einen 200 Meter entfernten Bau umzog. An zwei anderen Orten fand das Team Fußspuren eines erwachsenen und eines kleineren Riesengürteltiers und folgert daraus unter Vorbehalt, dass die Art nur ein Junges zur Welt bringt.

Das Riesengürteltier (Priodontes maximus) ist der größte Vertreter aus der Familie der Gürteltiere und kann vom Kopf bis zur Schwanzspitze eine Länge von anderthalb Metern und ein Gewicht von bis zu 50 Kilogramm erreichen. Neben seinem Plattenpanzer sind vor allem die riesigen Vorderkrallen auffällig. Die größte davon kann bis zu 20 Zentimeter lang werden und dient den Tieren als ideales Grabwerkzeug. Riesengürteltiere sind über weite Teile Südamerikas in tropischen Regenwäldern bis hin zu offenen Savannen verbreitet. Dennoch stuft die Weltnaturschutzorganisation IUCN die Art als bedroht ein, da die Tiere ihre Lebensräume nur sehr dünn besiedeln.

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