Eklat bei Geologen-Tagung: Hokuspokus unter Forschern

Aus Wien berichtet

Sergej Pulinets auf der EGU-Tagung: Richten sich Erdbeben nach Tageszeiten? Zur Großansicht
EGU

Sergej Pulinets auf der EGU-Tagung: Richten sich Erdbeben nach Tageszeiten?

Aufregung bei einer Forschertagung in Wien: Ein russischer Seismologe behauptet, er könne starke Erdbeben vorhersagen - eine solche Entdeckung wäre reif für den Nobelpreis. Doch hinter der Ankündigung steckt nur heiße Luft. Wissenschaftler sind entsetzt.

Hat die Wissenschaft ein Jahrtausendproblem der Erdbebenforschung gelöst? Sollte es tatsächlich möglich sein, Beben frühzeitig zu erkennen und davor zu warnen? Das konnte man bei der Forschertagung in Wien, zu der die Europäische Geowissenschaftliche Union (EGU) geladen hatte, fast vermuten.

Bei einer Pressekonferenz präsentierte der Physiker Sergej Pulinets von der Russischen Akademie der Wissenschaften eine, so schien es, Sensation: Mit seiner Methode hätte er bereits zahlreiche Beben vorhersagen können, darunter mehrere in Südeuropa.

Die Daten seien eindeutig. Es sei gelungen, charakteristische Muster geladener Teilchen in hohen Luftschichten festzustellen, anhand derer drohende Erdbeben zu erkennen wären. Typischerweise zeigten sich die Veränderungen ab vier Uhr nachmittags am Tag vor einem starken Beben. Erdbeben richten sich nach Tageszeiten? Die "Sensation" wurde immer erstaunlicher.

"Die sind alle gegen uns"

Die Besetzung des Podiums auf der EGU-Pressekonferenz war ein Politikum in dem Verband. Wissenschaftler hatten dagegen Protest eingelegt. Ihre Sorge war, dass das Podium den Stand der Erdbebenforschung verzerren könnte.

Pulinets ließ sich dadurch nicht verunsichern: Seine Gruppe habe alle Beben der vergangenen Jahre mit mehr als Stärke sieben vorzeitig erkannt, behauptete der Physiker. "Wir haben die Daten nur noch nicht veröffentlicht", erläuterte er. "Das werden wir aber bald nachholen, vielleicht noch in diesem Jahr auf einer Konferenz in Mexiko." Leider, fügte er hinzu, sorgten amerikanische und europäische Fachmagazine dafür, dass Russen ihre Resultate nicht publizieren dürften. "Bei den führenden Journalen gelten für uns andere Regeln", sagte Pulinets. "Wir reichen dort deshalb keine Studien mehr ein."

Die entscheidende Hürde für die Anerkennung wissenschaftlicher Ergebnisse, die kritische Begutachtung durch andere Experten, hatten die auf der großen öffentlichen Bühne in Wien präsentierten Erkenntnisse also noch gar nicht genommen. Verhindert etwa eine Verschwörung westlicher Wissenschaftler die Vorhersage von Erdbeben?

Gefallene Helden

Auf der EGU-Tagung bleiben die russischen Forscher meist unter sich. In ihren Seismologie-Seminaren herrscht eine deutlich optimistischere Stimmung als in den Nachbarräumen. Das Wort Erdbebenvorhersage, das ihre westlichen Kollegen kaum über die Lippen kriegen, steht dort in vielen Vortragstiteln.

Pulinets ist nach eigenen Worten seit zehn Jahren Leiter des betreffenden EGU-Seminars. Ohne Scheu werden dort auf der jährlich stattfindenen EGU-Tagung starke Erdbeben zeitlich genau vorhergesagt. Als Indikatoren dienen alle möglichen Messungen von Mikrobeben bis hin zu Bodenverschiebungen. Erfolge wurden im Nachhinein allerdings nicht bestätigt.

Die Erdbebenforschung ist gespickt mit gefallenen Helden. Immer wieder behauptet jemand, den Heiligen Gral der Bebenwarnung gefunden zu haben. In den siebziger Jahren signalisierten angeblich stärker werdende Vorbeben eine bevorstehende Katastrophe. In den Achtzigern war es elektrische Spannung im Untergrund. In den Neunzigern gab es die Überzeugung, dass die Häufigkeit vergangener Beben den Zeitpunkt des nächsten Schlages bestimmte. Zuletzt hatten Hobbyforscher angebliche Erfolge bei der Erdbebenprognose mittels Gasmessungen gemeldet.

"Das ist Religion!"

Nach praktisch jedem Bebendesaster gibt es Berichte darüber, dass Tiere die Erschütterungen im Voraus hätten spüren können. Keine Methode freilich hielt der systematischen Prüfung stand. Doch die Widerlegungen der vermeintlichen Sensationen finden üblicherweise keine Aufmerksamkeit. Die Risikolosigkeit der Prognosen verleite immer wieder dazu, unausgegorene Warnungen auszusprechen, kritisiert Max Wyss vom Genfer Erdbebenforschungsinstitut "Wapmerr".

Westliche Forscher sind nach all den Rückschlägen der vergangenen Jahrzehnte vorsichtig geworden. Zwei ihrer mutigsten Vertreter berichteten auf der EGU-Pressekonferenz nach ihrem russischen Kollegen von der Suche nach Vorläufersignalen von Erdbeben: Ameisen würden unruhig, lautete das Ergebnis der jahrelangen Messkampagne einer deutschen Forscherin. Der Boden hebe sich, hatte ihr italienischer Kollege festgestellt. Beide reklamierten allerdings nicht, Erdbeben vorhersagen zu können. Ihre Vorträge dokumentierten lediglich Hoffnungsschimmer bei der verzweifelten Suche nach Warnzeichen.

Max Wyss wurde nach den Protesten erst wenige Tage vor der EGU-Tagung nachträglich aufs Podium eingeladen. Andere Forscher hatten aus Sorge um ihren Ruf die Teilnahme abgelehnt. "Was hier passiert, ist Religion", schimpfte Wyss auf dem Podium. "Es gibt eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr hier trifft und an diese Legenden glaubt." Und es gebe die große Mehrheit der Forscher, die die Treffen der kleinen Gruppe auf der EGU meide, denn deren Teilnehmer würden "nicht nach den Standards sauberer wissenschaftlicher Methode" arbeiten.

"Jeder kann sich für die Pressekonferenz bewerben", erläutert die verantwortliche EGU-Forscherin das Zustandekommen der bizarren Veranstaltung. Die EGU sei stolz darauf, dass jeder Forscher zum Zuge kommen könnte, auch Außenseiter. "Wir wollen keine Zensur üben", erklärt die Seismologin. Den Inhalt der Vorträge prüfe man nicht. Die EGU-Pressestelle gibt sich zerknirscht: Eine solche Veranstaltung wolle man nicht mehr machen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
thinkrice 12.04.2013
Ist doch eine vernünftige Sache keine Einschränkung bei der Publikation von Ergebnissen vorzunehmen. Dadurch fällt es deutlich leichter vorhandene wissenschaftliche Paradigmen umzuwerfen und neue zu entwerfen. Dabei werden sicherlich, wie hier berichtet, hin und wieder "komische" Forschungen veröffentlicht, jedoch sollte dies kein Grund sein vor jeder Publikation die Ergebnisse auf Paradigmenverträglichkeit zu überprüfen.
2.
Zaunsfeld 12.04.2013
In diesem Fall trägt auch die Presse eine gewisse Mitschuld. Denn immer wieder werden in den Massenmedien solche Leute wie die großen "Erdbebenpropheten", die in ihrem Fachgebiet nur eine verlachte und gemiedene Minderheit darstellen, indirekt als Querschnitt der Geologie dargestellt und nicht als die kleine Gruppe von Außenseitern, die sie tatsächlich sind. Ist auch logisch, da sie wie Schlangenölverkäufer die große Sensation versprechen, hinter der aber meist nichts als Wunschdenken steckt, während die tatsächlichen und seriösen Ergebnisse der Geologie als Wissenschaft für die profane Presse eher langweilig und bieder daherkommt, womit sich dann einfach keine sensationsheischende Aufmerksamkeit und Klickzahlen für die Massenmedien generieren lässt, sofern die Journalisten den Inhalt dieser Veröffentlichungen überhaupt nachvollziehen oder gar verstehen. Ähnlich verhält es sich bei der Klimaforschung. Auch da wird von den Medien immer wieder die Klimaleugnung irgendeiner kleinen Außenseitergruppe, die meist sogar noch Fachfremde sind (Juristen, BWLer, bestenfalls ist auch mal ein Ingenieur dabei) als im wissenschaftlichen Diskurs weit verbeitet dargestellt, obwohl das tatsächlich gar nicht der Fall. Denn ob es einen vom Menschen beeinflussten Klimawandel gibt, ist in der gesamten Klimaforschung selbst unbestritten. Die Frage, mit der man sich dort beschäftigt, ist, wie stark dieser Einfluss ist und wie die Vorgänge da genau ablaufen. Bestritten wird der menschenverursachte Klimawandel unter Zehntausenden von Wissenschaftlern lediglich von einer Handvoll Außenseiter, die von ihrem eigenen Fachgebiet nciht ernstgenommen werden, und von komplett Fachfremden, die von Naturwissenschaft und naturwissenschaftlichen Standards gar keine Ahnung und das sogar noch freimütig zugeben. Aber genau diesen wenigen Leuten wird (weil Konflikt, Auflage, Streitereien, Klickzahlen) vor allem in den Online-Medien so viel Raum eingeräumt, dass der unbedarfte und ungebildete Leser oftmals den Eindruck gewinnt (oder gewinnen soll?), da wäre in der echten Forschung und Wissenschaft tatsächlich etwas grundsätzlich umstritten, was aber wie gesagt einfach nicht der Fall ist. Klar könnte einem das sehr schnell werden, wenn man sich mal den Querschnitt der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Atmosphärenphysik, Ozeanographie, Meteorologie und Klimawissenschaft im Allgemeinen anschaut. Und damit meine ich tatsächliche wissenschaftliche Veröffentlichungen, nicht irgendwelche Pseudo-Bücher irgendwelcher BWLer. Ob Journalisten oder zumindest Wissenschaftsjournalisten in der Lage sind? Ich will's hoffen.
3. So lässt sich das in keine Richtung beurteilen
strixaluco 12.04.2013
- und wenn die russischen Forscher der Meinung sind, dass sie bei Veröffentlichungen benachteiligt werden, warum stellen sie ihre Ergebnisse nicht komplett und direkt ins Internet, wo sie jeder selbst beurteilen kann? Natürlich ist das in den Augen vieler nicht gleichbedeutend mit einer peer-review - Veröffentlichung, aber wenn es denn eine Wahrheit gäbe, die es zu verteidigen gälte, wäre ihr das sicher dienlich. Erst einmal Behauptungen aufzustellen, ohne eindeutige Belege zu liefern, ist auf jeden Fall unseriös, ob man Recht hat oder nicht, und steht einer unvoreingenommenen Bewertung im Wege. - Ich glaube bestimmt, dass es für russische Forscher schwer ist, Gehör zu finden, allein aus sprachlichen Gründen, und dass sie mitunter nicht vorurteilsfrei behandelt werden - aber solche Aktionen machen das Ganze eher schlimmer als besser!
4. ohne Worte
el-gato-lopez 12.04.2013
Zitat von thinkriceIst doch eine vernünftige Sache keine Einschränkung bei der Publikation von Ergebnissen vorzunehmen. Dadurch fällt es deutlich leichter vorhandene wissenschaftliche Paradigmen umzuwerfen und neue zu entwerfen. Dabei werden sicherlich, wie hier berichtet, hin und wieder "komische" Forschungen veröffentlicht, jedoch sollte dies kein Grund sein vor jeder Publikation die Ergebnisse auf Paradigmenverträglichkeit zu überprüfen.
Diese Reviews dienen primär einer Prüfung hinsichltich der methodischen (!) Sauberkeit einer Forschungsarbeit und sind keine Gesinnungskontrolle, auch wenn es ab und an Missbräuche gibt... Wer zu seiner Arbeit steht, reproduzierbare Ergebnisse liefert und Transparenz gewährt, hat auch vor dem Peer-Review keine Angst.
5.
Mardor 12.04.2013
Zitat von strixaluco- und wenn die russischen Forscher der Meinung sind, dass sie bei Veröffentlichungen benachteiligt werden, warum stellen sie ihre Ergebnisse nicht komplett und direkt ins Internet, wo sie jeder selbst beurteilen kann? Natürlich ist das in den Augen vieler nicht gleichbedeutend mit einer peer-review - Veröffentlichung, aber wenn es denn eine Wahrheit gäbe, die es zu verteidigen gälte, wäre ihr das sicher dienlich. Erst einmal Behauptungen aufzustellen, ohne eindeutige Belege zu liefern, ist auf jeden Fall unseriös, ob man Recht hat oder nicht, und steht einer unvoreingenommenen Bewertung im Wege. - Ich glaube bestimmt, dass es für russische Forscher schwer ist, Gehör zu finden, allein aus sprachlichen Gründen, und dass sie mitunter nicht vorurteilsfrei behandelt werden - aber solche Aktionen machen das Ganze eher schlimmer als besser!
Die internationale Sprache der Wissenschaft ist Englisch, egal ob der betreffende Wissenschaftler nun Deutscher, Japaner, Chinese oder eben Russe ist. Punkt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Erdbeben
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 75 Kommentare
Buchtipp

Fotostrecke
Erdbeben in Europa: Wo der Boden gewackelt hat