Primaten Aufrechter Gang entstand schon auf Bäumen

Die Affen stiegen von den Bäumen, gingen zuerst auf allen Vieren und richteten sich irgendwann auf. So, glaubte man bislang, entstand der aufrechte Gang. Ein Forscherteam hat nun gezeigt: Auch Orang-Utans gehen auf zwei Beinen, hoch in den Baumwipfeln. Die alte These muss wohl überholt werden.


Das Bild ist fast schon zum Klischee verkommen: Ein Vor-Mensch steigt vom Baum herab, spaziert aus dem Wald heraus in die Savanne - und sieht nichts, weil das Gras zu hoch steht. Also richtet er sich auf, stellt sich auf seine Hinterbeine und streckt die Wirbelsäule, um den Blick schweifen zu lassen. Der aufrechte Gang ist geboren - und damit auch die Möglichkeit, die vorderen Gliedmaßen dauerhaft für etwas anderes als Fortbewegung zu nutzen, gar irgendwann in ferner Zukunft Technologie-schaffende Hände auszubilden.

Dieses Bild, der Affe, der vom Baum steigt und sich aufrichtet, ist möglicherweise falsch, glauben Susannah Thorpe von der University of Birmingham und ihre Kollegen. Sie formulieren ihre mit einer aufwändigen Datensammlung gestützte Hypothese so: Unter den afrikanischen Affen der Vorzeit seien vermutlich Schimpansen, Bonobos, Gorillas und ändere Unterarten, die vierbeinig oder im sogenannten Knöchelgang laufen, die Innovatoren gewesen, "und die Hominiden die Konservativen".

Denn der aufrechte Gang habe seine Vorläufer nicht in der Savanne - sondern in den Bäumen. Er habe sich womöglich vor dem Knöchelgang anderer Primaten entwickelt, bei dem die Hände über den Boden schleifen und zum Abstützen benutzt werden.

Zu dieser These kamen Thorpe und Kollegen, indem sie ein Jahr lang Orang-Utans in Sumatra beobachteten. Dabei unternahmen sie gewaltige Anstrengungen: Die Primaten wurden nicht nur beobachtet und ihre Haltung tausendfach kategorisiert, die Wissenschaftler erfassten auch die Dicke der Äste, auf denen die Tiere standen. Dabei zeigte sich, dass die Tiere vor allem dann auf zwei Beinen standen, wenn ihr Standort besonders wacklig war: Je dünner der Ast, desto häufiger standen die Orang-Utans aufrecht. Dabei hielten sie sich meist mit einem Arm an einem weiter oben liegenden Ast fest. Auf dicken Ästen dagegen gingen die Tiere auf allen Vieren, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift "Science" (Bd. 316, S. 1328).

"Vorläufer des menschlichen Gangs"

Die Wissenschaftler erklären sich die aufrechte Haltung mit zwei Argumenten: "Bewegung auf flexiblen Ästen ist sicherer wenn sie von oben und von unten gestützt wird." Zudem erlaube ein zweibeiniger Gang, bei dem sich der Affe mit einer Hand festhält, die zweite Hand zu benutzen, um etwa schwer zu erreichende Früchte zu pflücken. Der Hand-unterstützte zweibeinige Gang sei "der wahrscheinlichste Vorläufer des menschlichen Gangs mit gestreckten Gliedmaßen".

Andere Affenarten hätten ihren kauernden Gang, bei dem die Fingerknöchel über den Boden schleifen oder zum Abstützen eingesetzt werden, wohl entwickelt, um am Boden von einem Stamm zum nächsten zu gelangen. Diese neue Technik sei vermutlich entstanden, als die Wälder durch eine Klimaveränderung lückenhafter wurden, die Abstände zwischen Bäumen sich vergrößerten, so dass ein beherzter Sprung von Wipfel zu Wipfel nicht mehr so einfach war. In Afrika sei im Miozän, also vor etwa 5 bis 23 Millionen Jahren, genau das geschehen. In Südostasien dagegen, der Heimat der Orang-Utans, seien die Wälder zwar geschrumpft, hätten aber ihre geschlossene Wipfeldecke behalten, so die Forscher.

Man müsse also nicht erklären, wie unsere frühen Vorfahren vom vier- zum zweibeinigen Gang gelangt seien - möglicherweise hätten die frühen Hominiden schlicht den aufrechten Gang mit Hand-Unterstützung im Geäst in einen aufrechten Gang mit gestrecktem Bein am Boden weiterentwickelt. Ohne den Umweg über den Gang auf allen Vieren.

cis



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