Problemzonen der Erde Wo Landwirtschaft die Umwelt bedroht

Neue Straßen dienen der Landwirtschaft - und zerstören die Wildnis. Forscher haben jetzt erstmals für die ganze Welt gezeigt, in welchen Regionen Umweltschutz und Landwirtschaft unvereinbar sind.

Von Timo Stukenberg

Vier Farben, ein Problem: An den dunklen Stellen droht das landwirtschaftliche Potenzial besonders schützenswerte Umwelt zu verdrängen
William F. Laurance

Vier Farben, ein Problem: An den dunklen Stellen droht das landwirtschaftliche Potenzial besonders schützenswerte Umwelt zu verdrängen


Ist die erste Straße in der Wildnis gebaut, ist der größte Schaden schon angerichtet. Von dort ausgehend entstehen weitere Straßen, die sich verzweigen und verästeln und nach und nach bedrohte Lebensräume zerstören. "Die erste Straße in die Wildnis ist wie Krebs - einmal da, verbreitet sie sich schnell und richtet schweren Schaden an", sagt der Umweltforscher William Laurance von der James-Cook-Universität. Er und seine Kollegen haben im Fachjournal "Nature" eine Weltkarte veröffentlicht, die Straßenplaner für gefährdete Regionen sensibilisieren soll.

Es geht um nicht weniger als zwei Milliarden Hektar oder rund 17 Prozent der weltweiten Landfläche. Noch ist diese Fläche weitgehend unberührt. Häufig leben dort Tiere und Pflanzen, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Doch gleichzeitig könnten hier große Ackerflächen entstehen, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Die Forscher um Laurance nennen diese Regionen Konfliktzonen.

Je ärmer, desto bedrohter

Das Ergebnis der Auswertung ist ernüchternd. Gerade in den ärmsten Regionen der Welt stehen sich die Interessen von Umwelt und Landwirtschaft besonders stark gegenüber. Bedroht ist die Region südlich der Sahara, asiatische Pazifikstaaten wie Sumatra, Borneo und Indochina, die Anden in Südamerika und weite Teile Zentralamerikas. In Afrika bewerteten die Forscher rund ein Viertel der Landfläche als Konfliktzonen. Je dunkler die Regionen auf der Karte eingefärbt sind, desto größer das Problem.

Sorgen bereitet den Wissenschaftlern vor allem, dass die Straßennetze so schnell wachsen. Sie appellieren an Unternehmen, Behörden und Geldgeber, in diesen sensiblen Regionen Straßen besonders behutsam zu planen und zu bauen. Viel Hoffnung besteht jedoch nicht. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass von 2010 bis 2050 rund 25 Millionen Kilometer neue Straßen gebaut werden, vor allem in Entwicklungsländern.

Umweltschutz gegen Landwirtschaft

Für ihre Übersicht haben die Wissenschaftler Umweltdaten über Biodiversität, einzigartige Lebensräume und Klimaeinfluss auf der ganzen Welt gesammelt und auf der Karte abgebildet. Zusätzlich haben sie Informationen darüber zusammengetragen, wo Straßen der Landwirtschaft zugutekämen. Zum Beispiel, indem sie den Weg zum nächsten Markt leichter passierbar machen und so auf dem Weg weniger Feldfrüchte verfaulen.

Ihre Daten über Landwirtschaft und Umwelt haben die Forscher in zwei Schichten abgebildet. Ein sattes Grün steht für eine besonders schützenswerte Umwelt, rot für hohes landwirtschaftliches Potenzial.

Wachsende Bevölkerung bedroht wertvolle Natur

"Konfliktzonen konzentrieren sich größtenteils auf Regionen mit großem Bevölkerungswachstum, was häufig in armen Ländern auftritt", sagt Laurance. Die Nachfrage nach Lebensmitteln steige dort und damit die Bereitschaft, schützenswerte Natur der Landwirtschaft zu opfern. Dazu kommt, dass viele Länder in den Subtropen und Tropen unterentwickelt sind.

Dabei unterscheidet sich die Situation auf den einzelnen Kontinenten stark. In Afrika stufen die Forscher mehr als ein Viertel der Landfläche als konfliktträchtig ein, in Europa liegt der Wert unter zehn Prozent. Eine Rolle spielt dabei, wie viel Fläche bereits landwirtschaftlich genutzt wird. Oder anders gesagt: wie viel von der ursprünglichen Umwelt bereits zerstört wurde.

"Dennoch lohnt es sich zu kämpfen", sagt der Forscher. Große Teile des Amazonas, Teile Sibiriens und auch des Kongobeckens seien noch intakt. Diese gelte es jetzt vor dem wuchernden Straßenbau zu schützen.

tst

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
cato-der-ältere 28.08.2014
1. ?
Wieso auf dem oberen 4-Farbenbild Borneo und Sumatra nicht dunkel bzw. rot sind ist nicht nachvollziehbar. Es sieht jedenfalls überall schrecklich aus, und die Landwirtschaft ist der Umweltkiller Nr. 1. Das sollte mal ins Bewusstesein eindringen Die larmoyanten Bauernverbände hier vertuschen das aber erfolgreich seit Jahrzehnten. Mit Hilfe ihrer Lobbyisten in der Politik, vor allem CSU und CDU.
BettyB. 28.08.2014
2. Schau da...
Die Umwelt ändert sich und bleibt.... Umwelt... Eben...
salo66 28.08.2014
3. Au Backe!
Ach ja, die übliche (Bauern-)Lobby-Paranoia: Was haben die deutschen Bauernverbände bzw. die CDU/CSU damit zu tun, dass die Landwirtschaft in Afrika die Umwelt killt? Der Zusammenhang will sich mir nicht erschließen. In Deutschland sieht das schon mal ganz anders aus: Der urbane Mensch und seine Straßen, seine Gewerbeansiedlungen und seine Vorliebe für ein Eigenheim killen landwirtschaftliche Nutzflächen zuhauf. Jeden Tag etwa 70 bis 80 ha. Die Bauernverbände prangern das immer wieder (lautstark) an, aber ... Die Prioritätensetzung hierzulande ist diesbezüglich eindeutig!
Skifahrer 28.08.2014
4. So ein Schmarrn!
Zitat von cato-der-ältereWieso auf dem oberen 4-Farbenbild Borneo und Sumatra nicht dunkel bzw. rot sind ist nicht nachvollziehbar. Es sieht jedenfalls überall schrecklich aus, und die Landwirtschaft ist der Umweltkiller Nr. 1. Das sollte mal ins Bewusstesein eindringen Die larmoyanten Bauernverbände hier vertuschen das aber erfolgreich seit Jahrzehnten. Mit Hilfe ihrer Lobbyisten in der Politik, vor allem CSU und CDU.
So etwas kann nur jemand verzapfen, der satt ist und sich noch nie Gedanken machen musste, wo seine Lebensmittel herkommen.
kleinhev 28.08.2014
5. Horrorszenario + Schmarrn = hohe Publizitãt
Ach wie tragisch, dass es Menschen gibt, die etwas zu Essen brauchen und sich elitäre Biokost nicht leisten können. An diese kann Nature seinen Schmarrn nicht vekaufen.
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