Prognose: Klimawandel heizt Deutschland besonders ein

Von Volker Mrasek

Deutschland wird sich im Zuge des Klimawandels deutlich schneller erwärmen als andere Regionen der Erde. Experten haben jetzt aufgelistet, worauf sich Deutschland einstellen muss: Immer häufiger werde es zu Hitzewellen, Sturmfluten und heftigen Gewittern kommen.

Der Klimawandel wird in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten deutlich rascher voranschreiten als im globalen Mittel. Bis 2040 ist mit einer bodennahen Lufttemperatur zu rechnen, die im Durchschnitt um 1,7 Grad Celsius über dem Wert des Jahres 1900 liegt. Dadurch steige das Risiko für "häufigere kleinräumige Wetterextreme", warnt die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG) in einer aktuellen "Stellungnahme zur Klimaproblematik".

"Die Erde erwärmt sich nicht überall gleich stark", erläutert Herbert Fischer, DMG-Vorsitzender und Professor für Meteorologie und Klimaforschung an der Universität Karlsruhe. Dafür, dass der Klimawandel Deutschland stärker einheizt als anderen Regionen der Erde, gebe es drei Gründe:

  1. In den Tropen steigt die Temperatur nur moderat, in der Arktis aber sehr stark. Deutschland liege genau dazwischen.
  2. Landoberflächen erwärmen sich stärker als der Ozean.
  3. Im Winter fließt inzwischen mehr warme Luft vom Atlantik nach Deutschland, weil sich auch die Strömungssysteme infolge des Klimawandels verändern.

In ihrer Stellungnahme, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, fordert die DMG die Bundesregierung deshalb dazu auf, ein nationales Unwetter-Forschungsprogramm aufzulegen.

Global gesehen hat sich die Erde seit Beginn des Industriezeitalters um 0,76 Grad erwärmt, in Deutschland aber bereits um 1,1 Grad - und die Diskrepanz soll noch größer werden. Im weltweiten Durchschnitt rechnen Wissenschaftler im Moment mit einer weiteren Zunahme der bodennahen Lufttemperatur um ein Zehntelgrad pro Jahrzehnt. Diese Zahl nannte Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC), Anfang dieser Woche bei der Potsdamer Klimakonferenz. In Deutschland aber liegt die Erwärmungsrate nach Angaben der DMG derzeit bei 0,27 Grad pro Dekade und ist damit mehr als doppelt so hoch.

Worauf sich Deutschland einstellen muss

In einer Art Unwetter-Kataster listet die meteorologische Vereinigung auf, worauf sich Deutschland in den kommenden drei Jahrzehnten einstellen muss ( siehe Tabelle). Ziemlich fest rechnen die Experten mit dem fortschreitenden Abschmelzen von Alpengletschern in Europa, die im Jahr 2040 rund 80 Prozent ihrer einstigen Masse eingebüßt haben könnten. Wegen auftauender Permafrostböden werde es zu häufigeren Felsstürzen kommen. Intensivere und häufigere Hitzewellen bergen nach DMG-Auffassung nicht nur eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung - sie erhöhen auch das Risiko für Waldbrände.

Warnung vor stärkeren Sturmfluten

Der Pegel von Nord- und Ostsee soll bis 2040 um rund zehn Zentimeter steigen - auch das ist ein überproportionaler Zuwachs. "Generell sehen wir im Nordatlantik und auch in der Nordsee einen regionalen Meeresspiegelanstieg, der den globalen übertrifft", sagt der Geophysiker Felix Landerer vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Das habe mit Veränderungen der großräumigen Meereszirkulation zu tun. Die deutsche Küste muss sich nach Überzeugung der Meteorologen zudem auf Sturmfluten einstellen, wie es sie dort noch nicht gegeben hat. Das Wasser, das sie an Land drücken, könnte 20 Zentimeter höher auflaufen als heute, so die Befürchtung der Experten.

Für wahrscheinlich hält die DMG auch, dass Gewitter intensiver und Blitze viel häufiger werden - inklusive erhöhter Schadensrisiken durch Wolkenbrüche, Hagel und Sturmböen. Der Meteorologe Christoph Kottmeier verweist hier exemplarisch auf ein laufendes Projekt am Institut für Meteorologie und Klimaforschung, einer Gemeinschaftseinrichtung von Universität und Forschungszentrum Karlsruhe. Dafür wurden Wetterdaten und die Schadensbilanzen von Versicherungen im Südwesten Deutschlands ausgewertet. "Die Atmosphäre ist heute viel häufiger als noch vor 10 bis 15 Jahren in einem Zustand, in dem Gewitter entstehen können", resümiert der geschäftsführende Leiter des Institutes. Das gelte "für fast alle Regionen Baden-Württembergs".

Mehr Blitzschlag als früher

Auch die Zunahme von Blitzen in den zurückliegenden Jahren ist laut Kottmeier mittlerweile gut dokumentiert. Unsicher sind sich die Experten dagegen in der Beurteilung, ob Tornados in Zukunft häufiger über dem Land wüten. Hier sei noch keine verlässliche Aussage möglich.

In Erwartung forcierter Wetterextreme fordert die DMG jetzt ein entsprechendes nationales Forschungsprogramm. "Wir sind dabei, auf die Bundesregierung einzuwirken", verrät Herbert Fischer. Dem DMG-Chef schwebt da etwas vor "wie früher die Programme des Bundesforschungsministeriums zur Ozon- oder zur Klimaforschung". Erforderlich seien zusätzliche Messkampagnen, um entscheidende Prozesse in der Atmosphäre besser zu verstehen und die Vorhersagemodelle zu verbessern.

"Die Wettervorhersage beruht auf einem sehr umfangreichen Messnetz, das welches aber in manchen Extremsituationen immer noch entscheidende Lücken aufweist", heißt es im neuen DMG-Papier. Deutschland müsse sich besser auf stärkere Unwetter in den kommenden Jahrzehnten vorbereiten.

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