Prozess um Elbvertiefung Alles im Fluss

Es geht um die Zukunft eines der größten Häfen der Welt - und um Schnepfenvögel und Schierlings-Wasserfenchel: Ein Gericht verhandelt darüber, ob die Elbe vor Hamburg tiefer gelegt werden darf.

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Hamburg - Die Mahnungen vor der entscheidenden Gerichtsverhandlung klingen gewaltig. Es gehe um Arbeitsplätze in ganz Norddeutschland, um Deutschlands wichtigsten Anschluss an den Welthandel, um das Schicksal Hamburgs - das sagen die einen. Die Gegenseite warnt vor dem Aussterben seltener Lebewesen, Sauerstoffarmut im Fluss und Hochwasserrisiko.

Ab Dienstag stehen sich am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Stadt Hamburg auf der einen und die Umweltverbände BUND und Nabu auf der anderen Seite gegenüber. Das Gericht soll entscheiden, ob die Elbe weiter ausgebaggert werden darf, damit auch die größten Containerschiffe voll beladen den Hamburger Hafen von der Nordsee aus anlaufen können, Deutschlands wichtigsten Seehafen.

SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zum Streit um die Elbvertiefung:

Was ist geplant?

Die größten Frachter, die tiefer als 13,50 Meter ins Wasser ragen, können vollgepackt den Hamburger Hafen nicht anlaufen; die "dicken Pötte" müssen im Moment ihre Ladung beschränken. Nur Schiffe mit weniger als 12,50 Meter Tiefgang erreichen auch bei Niedrigwasser den Hafen, die anderen müssen die Flut abwarten. Auf gut halber Länge soll die 136 Kilometer lange Fahrrinne der Elbe, also ihr tiefster Grund, deshalb ausgebaggert werden - um bis zu zweieinhalb Meter. Dann wäre die Fahrrinne durchgehend mindestens 14,50 Meter tief.

Außerdem herrscht oft Einbahnstraßenverkehr auf der Elbe, deshalb soll der Fluss auch verbreitert werden - zwischen Glückstadt und Hamburg um 20 Meter - damit auch große Frachter einander begegnen können. Wertvolle Zeit könnte so gewonnen werden.

Warum soll die Elbe ausgebaut werden?

Reedereien stellen immer mehr große Containerschiffe in Dienst. "Tiefgänge von 14,50 Meter sind mittlerweile Standard", erklärt die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in ihrer Stellungnahme. Manche Schiffe reichen noch tiefer. Ohne die Vertiefung der Elbe wäre Hamburg für die Riesen mit voller Ladung nicht erreichbar, der Hafen würde an Attraktivität für die Reedereien verlieren, die sich anderen Häfen zuwenden würden, meinen Wirtschaftsverbände und der Hamburger Senat.

Sie warnen vor einer "Abwärtsspirale" für den derzeit zweitgrößten Hafens Europas auf Kosten ausländischer Nordseehäfen etwa in Rotterdam und Antwerpen. 260.000 Arbeitsplätze seien vom Hamburger Hafen abhängig; Tausende könnten verloren gehen, warnt die Hafenwirtschaft.

20 Milliarden Euro Einnahmen jährlich brächte der Hamburger Hafen Deutschland. Das Ausweichen auf andere Häfen würde deutschen Firmen schaden - und unnötigen Energieverbrauch bedeuten: Als östlichster Nordseehafen biete Hamburg den besten Zugang nach Osteuropa. Güter, die in Rotterdam oder Bremerhaven ankommen, müssten unter hohem Energie- und Abgasaufwand per Lkw oder Bahn transportiert werden. Anderen Häfen in Deutschland wie etwa Wilhelmshaven fehle die Anbindung.

Kritiker entgegnen, die Zahl der großen Schiffe, die die geplante Tiefe ausnutzten, sei gering; Prognosen zu ihrer Zahl seien unsicher. Zudem würden Schiffe und Container nur selten komplett beladen, der maximale Tiefgang werde mithin selten erreicht. Die Zahlen zu Arbeitsplätzen und Wirtschaftskraft seien unpräzise, der tatsächliche Bezug zur Elbvertiefung bleibe nebulös.

Welche Einwände gegen den Elbausbau haben die Umweltverbände?

Gefahr bestehe für die Schierlings-Wasserfenchel, eine geschützte Pflanze, die weltweit nur an der Unterelbe vorkommt. Auch der afrosibirische Knutt, ein Schnepfenvogel, der sich von Muscheln und Schnecken ernährt, könnte leiden: Wie andere Vögel nutzt er das täglich trockenfallende Watt der Unterelbe für die Nahrungssuche. Es handele sich teils um seltene Lebewesen, die verdrängt zu werden drohten, wenn mehr Wasser durch eine tiefere Elbe flösse.

Um derartige Folgen zu verhindern, stellen die Stadt Hamburg und der Bund sogenannte Ausgleichsflächen in Aussicht, die größer sein sollen als die durch den Flussausbau für die Tiere und Pflanzen verlorenen Gebiete: Für 80 Millionen Euro sollen entlang der Elbe Lebensräume für bedrohte Arten geschaffen werden. Die EU-Kommission hat diese Maßnahmen bereits anerkannt.

Außerdem würde sich die Strömung bedrohlich ändern, glauben die Umweltverbände. An den Ufern würde vermehrt Sand abgetragen, und der Druck auf Deiche würde zunehmen. Die Bundesanstalt für Wasserbau indes sieht keine größere Hochwassergefahr im Gefolge der Elbvertiefung.

Zudem drohten "lebensfeindliche Verhältnisse im Strom und eine gleichzeitige Verschlickung der Uferzonen", warnt der Umweltverband WWF. Jede vorige Elbvertiefung habe die lebensreiche Wattzone am Rand des Flusses verkleinert. In lichtarmen Tiefen entstünden vermehrt sauerstofffreie Zonen, die Fische nicht passieren könnten.

Die Verbände verweisen auf eine niederländische Studie, die gezeigt hat, dass für ausgebaute Flüsse im Einfluss der Gezeiten "ein kritischer Punkt existiert, bei dessen Überschreiten die Flussmündung in einen Zustand extremer Trübung wechselt", wenn Schwebepartikel sich nicht mehr ablagern; der WWF spricht vom "Kippen des Flusses". Die Studie konnte allerdings weder Indikatoren für ein drohendes Kippen finden, noch zeigen, unter welchen Verhältnissen sich die extreme Trübung tatsächlich einstellen würde.

Was soll der Ausbau der Elbe kosten, wie lange würde er dauern?

Geplant sind Ausgaben des Bundes von 248 Millionen Euro. Die Stadt Hamburg soll ein Drittel der Kosten übernehmen, also 124 Millionen Euro. Insgesamt würden mithin mindestens 372 Millionen Euro fällig. "Voraussichtlich wird es zu einer Ausgabensteigerung kommen", erklärt allerdings bereits die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. Der Ausbau der Elbe soll zwei Jahre dauern.

Wann ist mit einer Entscheidung zu rechnen?

"Wegen der Fülle des Prozessstoffs sind sechs Verhandlungstage eingeplant", erklärt das Bundesverwaltungsgericht - der letzte am 24. Juli. Ein Urteil könnte Ende August gesprochen werden. Der Ausbau der Elbe könnte dann noch dieses Jahr beginnen.

Möglich wäre aber auch, dass das Gericht den Fall an den Europäischen Gerichtshof weitergibt. Dort liegt bereits ein ähnlicher Fall: Niedersachsen und Bremen planen, die Weser tiefer zu legen, und der Europäische Gerichtshof will in einem halben Jahr entscheiden, ob der Plan der europäischen Wasserrahmenrichtlinie entspricht, die den Zustand der Gewässer in der EU festschreibt.

Womöglich warten die Leipziger Richter auch auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Sachen Weser Anfang 2015, um über die Elbe zu entscheiden.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
bernd.stromberg 15.07.2014
1.
Zitat von sysopDPAEs geht um die Zukunft eines der größten Häfen der Welt - und um Schnepfenvögel und afro-sibirische Knutts: Ein Gericht verhandelt darüber, ob die Elbe vor Hamburg tiefer gelegt werden darf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/prozess-um-elbvertiefung-gericht-ueber-elbe-und-hamburger-hafen-a-981113.html
Ganz ganz schwieriges Thema. Aus ökonomischen Gesichtspunkten erfordern die immer größeren Containerschiffe mit immer größerer Breite und mehr Tiefgang das Projekt wohl leider. In der Praxis, und das hat sich auch bei den letzten Elbvertiefungen gezeigt, wird es Opfer geben. Sowohl Menschen als auch Tiere die - auf kurz oder lang - wohl ihren Lebensraum verlieren werden.
kjartan75 15.07.2014
2. Unsinnige Elbvertiefung
Ach Leute, in WHV steht ein Tiefseehafen, der alles abfertigen kann...warum brauchen die Hamburger eins? Sollen sie doch WHV nutzen. Aber Geld raushauen, unnötig Umwelt zerstören, das ist wahrscheinlich populärer als alles andere an den Stammtischen Deutschlands, die ohne jede Kenntnis über die ganz üblen Umweltschützer rumpalavern müssen.
Humboldt 15.07.2014
3. Kirchturmpolitik
Das Ausbaggern der Elbe auch noch für den letzten Riesenpott ist reine Kirchturmpolitik. Der von den Ländern Bremen und Niedersachsen erst kürzlich neugebaute Tiefwasser-Hochsee-Containerhafen "Jade-Weser-Port" ist noch überhaupt nicht ausgelastet, und könnte das locker und relativ ortsnah aufnehmen - umweltschonend. Aber das will natürlich das eifersüchtige Hamburg nicht wahrhaben.
laermgegner 15.07.2014
4. Hat die Politik keine ökonomischen Antworten mehr
Mir schwillt der Kamm - Hamburg braucht 2 Landeplätze, denn das und denn das. Der völlig unausgelastete Jade - Hochsee - Hafen ist für sehr große Schiffe gebaut worden und der gleiche Steuerzahler soll die nächste Plattfischidee auf den Weg bekommen ! Dann ist der Elbtunnel 1 immer im Weg und dann muß das und das - für ein paar Pötte ! Die Wasserschifffahrtstraßen vergammeln, selbst bei den Schleusentoren im Nord- Ostsee - Kanal gibt es Probleme. Ist es nicht mal vernünftige koordinierte Entscheidungen für die Allgemeinheit zu treffen - oder sind Volksvertreter wie Versicherungsvertreter ? ( Verkaufen nur ihr Volk )
Rahlstedter 15.07.2014
5. kein Ahnung die Leute hier...
Die selben Leute die sich über die vielen LKW auf der Autobahn aufregen kommen mit dem Jade-Weser-Port. Genau die richtige Lösung. Da ein 18000TEU Schiff ankommen lassen und 9000 zusätzliche LKW fahren lassen, extrem ökologisch ist das... 100000 Arbeitnehmer+Familien von HH nach WHV umziehen lassen ist auch sehr sinnvoll... Leute denkt doch mal zu Ende. Die Unterelbe ist nun mal ein Industriefluss. Da hilft es nur den Ausbau möglichst umweltverträglich zu gestalten.
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