Quantenmechanik "Eels"-Sänger findet verschollene Tonbänder über parallele Universen

Elvis lebt! Hitler hat den Krieg gewonnen! Das World Trade Center steht noch! Laut Multiversum-Theorie sind alle Möglichkeiten der Welt in irgendeinem Universum Wirklichkeit. "Eels"-Sänger Mark Everett fand nun verschollene Tonbänder seines Vaters Hugh, der die Theorie begründet hatte.

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Mark Everett lebt in einer Welt voller Gitarren, Groupies und Gesang: Er ist Sänger der US-amerikanischen Rockband "Eels" und ein Star. Sein Vater Hugh hingegen war in vielen Welten zuhause - genauer gesagt in unendlich vielen. Hugh Everett war Quantenphysiker und begründete in den fünfziger Jahren die Theorie des Multiversums, auch Viele-Welten-Theorie genannt.

Anschläge vom 11.September: In einem anderen Universum fanden sie nicht statt
AP / Chao Soi Cheong

Anschläge vom 11.September: In einem anderen Universum fanden sie nicht statt

Nun machte Sohn Mark auf dem Dachboden seiner Wohnung eine interessante Entdeckung: Wie die britische Zeitung "Guardian" in ihrer Online-Ausgabe berichtet, fand er verschollen geglaubte Tonbandaufnahmen, auf denen sein Vater die Existenz der Paralleluniversen beschreibt. Seit dem Tode Hugh Everetts im Jahr 1982 galten die Tonbänder als verloren. Gefunden wurden sie nun im Zuge einer TV-Dokumentation der BBC, in der Mark Everett versucht, die Arbeiten seines Vaters zu verstehen.

Die Theorie der Paralleluniversen entwickelte Hugh Everett schon im Alter von 24 Jahren, als er noch an der Princeton University studierte. Er lieferte damit im Jahr 1957 eine mögliche Interpretation der Verrücktheiten der Quantenmechanik. Dabei ist die Vorstellung eines Multiversums nicht minder verrückt: Es besagt, dass alle Eventualitäten dieser Welt verwirklicht sind. In irgendeinem Paralleluniversum lebt Elvis also noch, hat Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen, wurde das World Trade Center nicht von Flugzeugen zerstört.

Schrödingers Katze - tot und lebendig zugleich

Berühmtestes Beispiel, um die die Verrücktheit der Quantenwelt zu demonstrieren, ist das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze: In einem geschlossenen Raum - nicht sichtbar für einen Beobachter - befinden sich eine Katze, ein Geigerzähler und ein instabiler Atomkern. Innerhalb einer bestimmten Zeit zerfällt dieser mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Der Zerfall des Atomkerns wird von dem Geigerzähler registriert. Daraufhin wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der die Katze tötet.

Der Quantentheorie zufolge befindet sich der Atomkern nach Ablauf der Zeitspanne in einem Zwitterzustand (die Quantenphysiker nennen das Überlagerung). Er ist zerfallen und nicht zerfallen - zugleich. Beides ist gleich wahrscheinlich. Weil aber das Leben der Katze von dem Zustand des Atomkerns abhängt, befindet sich auch die Katze in einem Zwitterzustand - sie ist lebendig und tot - zugleich. Erst beim Öffnen des Raumes und der Beobachtung entscheidet sich, ob die Katze tot oder lebendig ist.

Die Konsequenz daraus: Solange ein Quantensystem nicht beobachtet wird, befindet es sich nicht in einem bestimmten Zustand, sondern in einer entsprechenden Überlagerung aller möglichen Zustände; erst bei der Beobachtung wird einer der möglichen Zustände realisiert.

Everett schlug folgende Möglichkeit vor: Im Moment der Beobachtung eines Quantensystems werden beide Möglichkeiten realisiert - nur in verschiedenen Universen. Das heißt, würde man den Raum mit der Katze öffnen und nachschauen, würde sich das Universum in diesem Moment teilen. In einem Universum wäre die Katze tot und in dem anderen lebendig. Ebenso gibt es also ein Universum, in dem am 11. September 2001 die Flugzeuge an den Türmen des World Trade Center vorbei geflogen sind.

Die Tonbandaufnahmen, die nun auf dem Dachboden seines Sohnes Mark auftauchten, stammen vermutlich aus dem Jahr 1977 und wurden nach einer Physikkonferenz aufgenommen, auf der Everetts Theorie wiederbelebt wurde. Zwei Jahrzehnte lang war sie als Science-Fiction abgetan worden - bis sie schließlich wiederentdeckt wurde. Auf den Bändern ist eine Konversation zwischen Everett und Charles Misner festgehalten, einem Physikprofessor an der Universität von Maryland. Im Hintergrund ist sogar der kleine Sohn Mark zu hören, wie er das Schlagzeug spielt.

Everetts Theorie galt als zu abgedreht

Everett erzählt auf den Bändern, wie er die Idee zu der Multi-Welten-Theorie hatte - während eines Gesprächs mit Misner und Aage Petersen, einem Assistenten des Physikers und Nobelpreisträgers Niels Bohr. Die drei hatten über die absurden Folgen der Quantentheorie gesprochen, über die Niels Bohr einmal gesagt hatte: "Jeder, der nicht von der Quantentheorie schockiert ist, hat sie nicht verstanden." In den fünfziger Jahren war die vorherrschende Deutung der Quanten-Paradoxien die sogenannte Kopenhagener Deutung, die auch von Niels Bohr favorisiert wurde: Das merkwürdige Verhalten der Quanten verschwindet bei der Beobachtung einfach.

Everetts Theorie stand dem diametral entgegen. Es verschwindet nichts, sondern seine Berechnungen zeigten, dass sich jedes Mal, wenn ein Teilchen sich in einem Zustand der Überlagerung befindet und beobachtet wird, das Universum spaltet. Gegen wissenschaftliche Schwergewichte wie Niels Bohr kam Everett jedoch nicht an - seine Theorie verschwand in der Versenkung. In jüngster Zeit erlebt Everetts Multiversums-Theorie aber eine Renaissance - unter anderem wird sie von berühmten Physikern wie David Deutsch vertreten.

In einem Gespräch mit dem Fachmagazin "New Scientist" sagte Mark Everett, dass die Zurückweisung seiner Theorie einen verheerenden Effekt auf seinen Vater hatte. Everett starb im Alter von nur 51 Jahren.

Einen Trost gibt es jedoch: In irgendeinem Universum ist Hugh Everetts Theorie seit ihrer Entstehung 1957 die vorherrschende Deutung - und sein Vater noch am Leben.



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