Quecksilber-Emissionen Nervengift für Deutschland

Quecksilber gelangt beim Verbrennen von Kohle in die Umwelt, so landet das gefährliche Nervengift schließlich in unserem Essen. Die deutsche Politik scheut entschlossene Gegenmaßnahmen, ganz im Gegensatz zu den USA.

Flüssiges Quecksilber (Archivbild)
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Flüssiges Quecksilber (Archivbild)


Quecksilber ist ein faszinierendes Element: Das Schwermetall ist bei Zimmertemperatur flüssig - als einziges Metall überhaupt. Und es kann sogar verdunsten. Menschen sollten den Kontakt damit jedoch meiden, denn es wirkt als potentes Nervengift - eine Gefahr besonders für Schwangere und Kinder.

In den Körper des Menschen gelangt das Element über die Nahrung, Fisch ist dabei die wohl wichtigste Quelle. Die organische Verbindung Methylquecksilber reichert sich in Fischen nämlich besonders stark an. Europas Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, warnt deshalb, dass schon wenige Portionen Fisch pro Woche reichen, die empfohlene Maximaldosis zu überschreiten.

Wie Quecksilber in die Umwelt gelangt, ist bekannt: Als Nebenprodukt von Bergbau, Verhüttung, Industrie - vor allem jedoch über Abgase von Kohlekraftwerken. Genau dagegen könnte Deutschland viel mehr tun, wie eine neue Studie der Umweltorganisation European Environment Bureau zeigt, die dem SPIEGEL vorliegt (Download als PDF). Unterstützt wurde die Untersuchung von der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Nervengift aus dem Schornstein

Fünf Tonnen Quecksilber pusten deutsche Kohlemeiler pro Jahr in die Luft, berichten die Forscher. Das sind zwei Drittel des gesamten deutschen Ausstoßes - und diese Zahl ist seit Jahren nahezu unverändert. Das Schwermetall ist in Spuren in der gesamten Erdkruste enthalten und kommt deshalb auch in Pflanzen und daraus entstandener Kohle vor.

Wegen der großen Mengen Kohle, die in Deutschland trotz Energiewende weiterhin verbrannt werden, gelangen Tausende Kilogramm Quecksilber in anorganischer Form in die Atmosphäre. Nach und nach sinkt es zu Boden und landet in Gewässern - Mikroorganismen wandeln das Element dann in das gesundheitlich besonders gefährliche Methylquecksilber um.

Deutsche Kohlekraftwerke stoßen rund 21-mal mehr Quecksilber aus als ihre US-Pendants, schreiben die Autoren. Das ist kaum verwunderlich, denn in den USA gelten strenge Grenzwerte - ganz anders als hierzulande. US-Kraftwerke nutzen unter anderem Bromidsalze und Aktivkohle, um Quecksilberverbindungen aus den Abgasen zu holen.

Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig
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Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig

Käme in Deutschland die beste, für Kohlekraftwerke verfügbare Filtertechnologie zum Einsatz, könnten 80 Prozent der Quecksilberemissionen vermieden werden, heißt es in der Studie. Statt wie bislang fünf Tonnen würde dann pro Jahr nur noch eine Tonne freigesetzt.

"Das Gift kann zu vertretbaren Kosten bei Kohlekraftwerken herausgefiltert werden", sagt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende von den Grünen im Bundestag. Was in den USA schon längst eine Selbstverständlichkeit sei, müsse man auch in Deutschland schnellstmöglich angehen.

"Sehr schwacher" Grenzwert

Kritik üben die Studienautoren auch an den erst ab 2019 in Deutschland geltenden Grenzwerten für Kohlekraftwerke von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Abgas. Das sei doppelt so hoch wie das schon seit 2015 in den USA geltende Limit für Braunkohlemeiler und sogar siebenmal so hoch wie das US-Limit bei Steinkohle.

Der für Deutschland ab 2019 gültige Grenzwert sei "sehr schwach", konstatieren die Autoren. Die EU gibt ihren Mitgliedsländern nicht einen einzelnen Quecksilberwert vor, sondern ein Intervall. Der daraus abgeleitete deutsche Grenzwert liegt im oberen Bereich, ist also vergleichsweise lasch.

Wie lasch, das zeigt ein Blick auf die Emissionswerte der deutschen Braunkohlekraftwerke: Den neuen Berechnungen zufolge würden nur die Anlagen in Lippendorf bei Leipzig, Chemnitz und Schkopau diesen Grenzwert permanent überschreiten. Für andere Kraftwerke bestünde daher kaum Handlungsbedarf - eine deutliche Senkung der deutschen Emissionen erscheint unrealistisch.

"Es ist nicht so, dass hierzulande nichts passiert. Wir sind europaweit trotzdem Vorreiter im Bereich der Überwachung von Quecksilber-Emissionen aus Kraftwerken", sagt Rolf Beckers vom Umweltbundesamt. "In vielen europäischen Ländern wurde dieses anspruchsvolle Thema bisher nur unzureichend beachtet."

Aal gilt als stärker belasteter Fisch
AFP

Aal gilt als stärker belasteter Fisch

Die Kosten moderner Quecksilber-Filtertechnik sind überschaubar. Laut der Studie sollen sie die Produktionskosten von Kohlestrom nur um 0,5 bis 2,0 Prozent verteuern.

Damit die Quecksilberbelastung insbesondere von Fisch sinkt, müssten freilich Länder weltweit das Problem angehen. Solange das nicht geschieht, bleibt den Verbrauchern nichts anderes übrig, als stark belasteten Fisch zu vermeiden.

Das Umweltministerium rät Frauen während der Schwangerschaft und in der Stillperiode ohnehin, nur Fischarten mit vergleichsweise geringem Quecksilbergehalt zu essen. Möglichst verzichten sollten sie auf Haifisch ("Schillerlocken"), Buttermakrele, Aal, Steinbeißer, Schwertfisch, Weißen Heilbutt, Hecht, Seeteufel und Thunfisch.

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