Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rabiate Primaten: Schimpansen verprügeln ihre Nachbarn

Dass Affen durch den Wald rasen und der eine den anderen kalt macht, ist fest im deutschen Liedgut verankert. Anthropologen haben nun herausgefunden, dass derartiges Verhalten von Schimpansen nur bedingt mit dem Diebstahl von Kokosnüssen zusammenhängt.

Ganz daneben liegt das Kinderlied "Die Affen rasen durch den Wald" nicht, denn tatsächlich gehen Schimpansen in Banden auf Patrouille, um Eindringlinge aus dem eigenen Revier zu vertreiben. Nicht selten dringen sie dabei selbst in fremdes Gebiet vor, greifen ihre Nachbarn an und kämpfen bis auf den Tod. Ein Verhalten, dass man ähnlich vom Menschen kennt, das aber unter Säugetieren sonst kaum verbreitet ist.

Schimpansen: Bevor Langeweile aufkommt, müssen die Nachbarn herhalten
DPA

Schimpansen: Bevor Langeweile aufkommt, müssen die Nachbarn herhalten

Das Phänomen kennen Wissenschaftler schon seit einem Vierteljahrhundert, allerdings konnten sie nie klären, warum einige Affengemeinschaften häufig, andere selten losziehen, um ihre Nachbarn zu verdreschen. Sie vermuteten, dass Faktoren wie Futterangebot, Jagdverhalten, die Anwesenheit paarungsfähiger Weibchen, Druck durch Eindringlinge oder die Zahl der männlichen Gruppenmitglieder eine Rolle spielten. John Mitani von der University of Michigan und sein Kollege David Watts von der Yale-University konnten nun bestätigen, dass die Zahl der Kontrollgänge eng mit der Zahl der Männchen in einer Gruppe zusammenhängt.

Die Forscher beobachteten über fünf Jahre hinweg das Patrouillen-Verhalten in einer Gemeinschaft von 150 Schimpansen im Kibale-Nationalpark in Uganda. Solch eine Gruppe lebt nicht ständig zusammen, Affen bilden lose Cliquen, ähnlich wie Menschen in der Stadt. An Patrouillentagen allerdings versammeln sich mehr Männchen als sonst - oder umgekehrt: Eine größere Zahl an Männchen steigert die Wahrscheinlichkeit einer Strafexpedition. Nur selten ziehen auch Weibchen mit um den Block - typischerweise unfruchtbare.

Hoher Energieaufwand für Randale

Die Entscheidung loszugehen, um die Nachbarn aufzumischen, scheint spontan oder in stiller Absprache zu fallen. Ohne erkennbare vorherige Zeichen erheben sich die Teilnehmer und entfernen sich zunächst leise von der Gruppe - ordentlich in einer Reihe. Dann jedoch geht es in solchen Gruppen ziemlich halbstark zu, mit viel Getöse und Durcheinander. Damit unterscheiden sich solche Ausflüge deutlich von dem üblichen Verhalten bei der Futtersuche.

Die Schimpansen "suchen regelrecht Spuren, wenn nicht Kontakt zu Mitgliedern anderer Affengesellschaften", erklärt Forscher Mitani. Aber nur wenn die Kontrollgänger in der Überzahl seien, würden sie einen Angriff starten. Diese Patrouillen und die Attacken auf die Nachbarn seien ein wichtiger Bestandteil des sozialen Affenlebens, sagte Mitani. "Sie nehmen bis zu zwei Stunden eines zwölfstündigen Arbeitstages ein. Das ist keine Kleinigkeit in Bezug auf den Energieaufwand."

Mitani vermutet weiter, dass die Schimpansen aus ihrer Gruppenzahl und durch ihre Attacken ein Gefühl der Stärke ziehen. Einen Vergleich mit der Bandenbildung in der menschlichen Gesellschaft lehnt Mitani jedoch ab. "Ich denke, die Situation ist sehr viel komplizierter."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: