Radioaktive Strahlung Tokio bleibt vorerst verschont

Tokio hat Glück im Unglück: Derzeit droht in der Metropole kaum Gefahr durch Radioaktivität aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Der Wind hat gerade noch rechtzeitig gedreht, wie aktuelle Strahlungswerte aus Japans Hauptstadt zeigen.

DPA/ Asahi Shimbun

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Tagelang haben Meteorologen befürchtet, dass Tokio eine hohe Strahlenbelastung droht: Der Wind hatte - ungewöhnlich für die Jahreszeit - auf Nordost gedreht und hätte damit alles in die Hauptstadt tragen können, was aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in die Luft gelangt. Nach mehreren Explosionen und Bränden in unterschiedlichen Reaktorblöcken ( zur aktuellen Entwicklung hier der Liveticker) gingen Fachleute davon aus, dass beachtliche Mengen strahlenden Materials in der Luft waren.

Doch wie sich jetzt herausstellt, hat Tokio Glück im Unglück: Der Wind blies zu schwach und nicht lange genug aus Nordost, um bedeutende Mengen radioaktiver Partikel in die Metropole zu bringen - siehe die Animation: Aktuelle Messdaten zur Strahlungsintensität in Tokio, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen zwar leicht erhöhte Werte - diese sind aber nach Meinung von Experten nicht akut gefährlich.

Die natürliche Strahlung in Tokio liegt nach Angaben der japanischen Behörden zwischen 0,028 und 0,079 Mikrosievert pro Stunde. Die aktuellen Messungen, die von Dienstag 17 Uhr bis Mittwoch 9 Uhr Ortszeit durchgeführt wurden, ergaben nun Werte zwischen 0,054 und 0,200 Mikrosievert. Aufs Jahr hochgerechnet entspricht das einer Belastung von 0,47 bis 1,8 Millisievert. Zum Vergleich: Erst eine Belastung von 250 Millisievert kann Strahlenkrankheit auslösen - und auch das nur, wenn sie in kurzer Zeit auf den Körper einwirkt - siehe Grafik:

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen

Selbst in Deutschland ist man einer natürlichen radioaktiven Strahlung von durchschnittlich 0,4 Millisievert im Jahr ausgesetzt, wobei es starke regionale Unterschiede gibt. Während die Werte in Norddeutschland am niedrigsten sind, können sie in den Mittelgebirgen Werte von bis zu 1,3 Millisievert pro Jahr erreichen. Demnach wäre die aktuelle Strahlung in Tokio selbst dann nicht gefährlich, wenn sie ein ganzes Jahr andauerte.

Entsprechend erleichtert reagieren Experten auf die Messungen. "Selbst eine erhöhte Strahlung ist relativ unbedenklich, wenn sie nicht länger andauert", sagt Andreas Bockisch, Direkter der Abteilung für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Essen. Gefährlicher wäre die Situation erst dann, wenn radioaktives Material mit dem Wind nach Tokio und dort durch Niederschläge zu Boden gelangte, so dass die Radioaktivität über längere Zeit auf die Bewohner einwirken könnte.

Danach sieht es zumindest derzeit nicht aus. "Der Wind weht jetzt aus Nordwest, dreht in den nächsten Tagen voraussichtlich auf West und wird schwächer", erklärte der Deutsche Wetterdienst.

Unklar ist allerdings, was bis zum Ende der Woche geschehen wird. Die US-Wetterbehörde NOAA, die Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und andere Dienste sagen für die Nacht zum Samstag eine erneute Änderung voraus: Der Wind soll dann auf Süd bis Südost drehen. Falls zu diesem Zeitpunkt weiterhin radioaktives Material aus dem AKW Fukushima in die Luft gelangt, könnte es direkt in die vom Tsunami am schlimmsten betroffenen Gebiete im Nordosten Japans getragen werden. Zudem soll die erneute Änderung der Windrichtung mit dem Eintreffen einer Schlechtwetterfront einhergehen - die Wahrscheinlichkeit von Niederschlägen würde steigen.

Ob es aber so kommt, ist unsicher. "Windprognosen sind für die ersten drei Tage meist sehr gut und noch brauchbar, wenn sie drei bis sechs Tage in die Zukunft reichen", sagt ZAMG-Meteorologe Gerhard Wotawa.

WHO: Keine Gefahr außerhalb Japans

Keine Sorgen muss man sich derzeit außerhalb von Japan machen, wie die Weltgesundheitsbehörde (WHO) betont: "Für eine Verbreitung der Radioaktivität in andere Länder gebe es derzeit keinerlei Hinweise", sagte Michael O'Leary, der die WHO in China vertritt. Auch in Deutschland und Europa besteht nach Einschätzung von Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, kein erhöhtes gesundheitliches Risiko. Die Messgeräte könnten hierzulande schon feinste Spuren von Radioaktivität entdecken, sagte König am Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin". Doch gegenwärtig gebe es keine Anzeichen, dass es zu einer "irgendwie gearteten Konzentration" in Europa komme, die gesundheitsgefährdend sein könnte.

Selbst bei einem Super-GAU in Fukushima wird es nach Einschätzung von Greenpeace nicht zu weiträumigen atomaren Verseuchungen wie nach Tschernobyl kommen. In dem ukrainischen Meiler sei durch die Grafit-Brennstäbe und durch die Bauweise ein Kamineffekt entstanden, der die Radioaktivität hoch in die Atmosphäre geschleudert habe, sagte Greenpeace-Atomexperte Jan Haverkamp. Das sei in Japan ausgeschlossen.

Dafür aber könnte dort die lokale Verseuchung im direkten Umfeld des Kraftwerks stärker ausfallen, da das strahlende Material nicht über ein so weites Gebiet verteilt würde wie in der Ukraine. Zudem ist die Krisenregion in Japan viel dichter bevölkert, gab Haverkamp zu bedenken.

Nach seinen Angaben geht die größte Gefahr von den Brennstäbe-Kühlbecken aus, die sich auf den vier Reaktoren befänden. Nach Explosionen lägen die Becken in Block 2 und Block 4 unter freiem Himmel. Wegen ihrer Lage sei es extrem schwierig, die Kühlung sicherzustellen.

Fukushima ist nach seiner Einschätzung in einem kritischen Stadium. "Der schlimmste Fall ist noch nicht eingetreten, aber er kann noch kommen", sagte er. Selbst eine sichergestellte Kühlung werde die Hitzeproduktion nicht stoppen, sondern die Hitze nur ableiten, um Kernschmelzen zu verhindern. Die Energieproduktion hänge allein an der Radioaktivität in den Brennstäben. Sie gehe zunächst sehr schnell runter und dann immer langsamer. "Deswegen muss noch wochenlang gekühlt werden."

Mit Material von dpa und dapd

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cingulator 16.03.2011
1. Man kann nichts tun, nur zusehen - grauenvoll!
Dieses unglückliche Land hat mein tiefstes Mitgefühl. Die Menschen, die in Fukushima weiter an der (leider wohl vergeblichen) Eindämmung der Katastrophe arbeiten, obwohl sie wahrscheinlich bereits einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt wurden, haben meinen tiefsten Respekt. Japan hat sich - wie Deutschland - mit Fleiss und Sparsamkeit in bewundernswerter Weise wieder aus den Trümmern herausgearbeitet. Aber wie soll man nun zerstörte Städte auf Nordost-Honshu wieder aufbauen, deren Umgebung schlimmstenfalls auf Jahrzehnte (Jahrhunderte?) hinaus unbewohnbar oder nur mit enormen gesundheitlichen Risiken bewohnbar sein wird? Dreht der Wind Richtung Wirtschaftszentrum Tokio, wird Japan in ein paar Jahren ein Drittweltland sein und Millionen Menschen werden nie wieder richtig gesund... Das gestrige Angebot eines der Foristen hier, eine kleine Familie bei sich aufzunehmen, hat mich sehr berührt. Ein oder zwei Menschen könnte ich vielleicht auch eine Zeit lang Obdach und Versorgung bieten. Hoffen wir, das es nicht soweit kommen muss, aber das Angebot steht. Fleissige, disziplinierte und gebildete Menschen wären für unser Land langfristig sogar ein Gewinn.
Fechi 16.03.2011
2. .
Zitat von sysopTokio hat Glück im Unglück: Derzeit droht in der Metropole kaum Gefahr durch Radioaktivität aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Der Wind*hat gerade noch rechtzeitig gedreht, wie aktuelle Strahlungswerte aus Japans Hauptstadt zeigen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,751256,00.html
Noch mehr Glück im Unglück hätte Tokyo (gehabt), wenn die ganzen Schlaumeier, die uns die Atomwirtschaft als sicher verkauft haben, ihre Spezialisten vor 5 Tagen in den Flieger gesetzt hätten - Ausrüstung in den Frachtraum - und ab nach Japan zur Bekämpfung der Katastrophe.
Erich72 16.03.2011
3. Zurzeit!
Zitat von sysopTokio hat Glück im Unglück: Derzeit droht in der Metropole kaum Gefahr durch Radioaktivität aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Der Wind*hat gerade noch rechtzeitig gedreht, wie aktuelle Strahlungswerte aus Japans Hauptstadt zeigen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,751256,00.html
Von Herzen wünsche ich, dass die Windrichtung länger so bleibt. Aber irgendwann in den nächsten Tagen und Wochen wird der Wind drehen. Dann ist Tokio bedroht, weil leider davon auszugehen ist, dass die Katastrophe in einem oder mehreren Blöcken das Kraftwerks nicht abzuwenden ist. Wohin mit ca, 35 Millionen Menschen, die möglicherweise in kurzer Frist evakuiert werden müssten? Die Atomtechnologie hat uns dort exemplarisch an den Punkt gebracht, dass wir nur noch hoffen und beten können. Es gibt nur eine Konsequenz: Weltweit so schnell wie möglich aussteigen und bei erneuerbaren Energieen einsteigen. Erich72
Fechi 16.03.2011
4. Nachtrag
Gerade sehe ich auf http://www.ustream.tv/channel/nhk-world-tv erschütternde Lifebilder über Schutzräume, in denen alte Menschen sich versammelt haben. Diese haben ihre Medikamente bei der Flucht vor der Tsunami Welle nicht mitnehmen können und leiden jetzt unter den Folgen ihrer Diabetis, Bluthochdruck und und und. Und der Arzt, der glücklicherweise auch vor Ort ist, sagt, dass er die Medikamente nun rationierten musste. Dass selbst bei schärfster Rationierung die Medikamente nur noch 3 Tage reichen. Daher als Nachtrag: Wenn die internationalen Atomspezialisten schon nicht eingeflogen sind, als die ersten Störungen im AKW auftraten - warum sind jetzt nicht schon längst Flieger in der Luft mit Ärzten, Medikamenten ?
PlainCitizen 16.03.2011
5. Hysterie unnötig
Wer sich über die Hintergründe informieren will, kann suchen nach “Warum ich über die Kernkraftwerke in Japan nicht beunruhigt bin”. Zu Panik besteht kein Anlass. Die Atomenergie ist nicht am Ende.
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