Rätselhaftes Schwarmverhalten Riesenfisch-Plage in der Rhône

Mehr als zwei Meter lang sind die Welse, die Forscher in der Rhône nahe der französischen Stadt Lyon aufgespürt haben - doch vor allem sind sie sehr gesellig: Bis zu 40 Tiere ballen sich zu Gruppen zusammen. Und niemand weiß, warum.

Bouletreau S. /Cucherousset J. /Villeger S. /Masson R. /Santoul F.

Berlin - Es soll Menschen geben, die schwimmen nicht gern in Seen oder Flüssen. Schließlich könnten sie dort von einem Fisch gestreift werden. Selbst die kurzzeitige Berührung mit einem Wasserbewohner empfinden diese Menschen als unangenehm. Wenn man einen Blick auf die Bilder wirft, die französische Forscher in der Rhône nahe der Stadt Lyon gemacht haben, kann man das möglicherweise (noch) besser verstehen.

Zwischen Mai 2009 und Februar 2011 haben Wissenschaftler um Frédéric Santoul von der Université de Toulouse eine Invasion von Flusswelsen in der Rhône beobachtet. Jetzt berichten sie im Fachmagazin "PLoS ONE", dass sich die Fische dort zudem in großen Gruppen aufgehalten haben. Eine außergewöhnliche Beobachtung, denn normalerweise sind die Welse eher Einzelgänger. Die Biologen aber zählten bis zu 44 Tiere in einer Gruppe. Und: Die ohnehin großen Fische waren auffällig groß. Eine Länge von bis zu 2,10 Meter erreichten manche Welse. Dadurch habe sich eine Biomassedichte von bis 40 Kilogramm pro Quadratmeter Flussgrund ergeben, schreiben die Forscher.

Warum sich die Tiere derart dicht drängen, können die Wissenschaftler sich jedoch nicht erklären. Sie schließen aber aus, dass es den Fischen um Fortpflanzung, Futtersuche oder den Schutz vor Angreifern gegangen sein könnte. Im Gegensatz zu einem klassischen Fischschwarm hätten sich die Welse alle in verschiedene Richtungen bewegt und seien manchmal sogar kollidiert - keine Spur von koordinierten Bewegungen.

Die Flusswelse sind nach Angaben der Biologen aus Osteuropa in die Rhône gekommen. Vor rund 150 Jahren wurden sie vom Menschen dort angesiedelt. Deswegen sei es besonders interessant, wie die Tiere das Ökosystem des Flusses beeinflussen. Dass sie es tun, steht außer Frage - schon allein durch die großen Mengen Phosphor und Stickstoff in den Ausscheidungen der Fische. Die Flusswelse sind etwa fünf Mal so schwer wie die anderen Bewohner der Rhône in diesem Bereich. Und sie scheiden auch dementsprechend viele Fäkalien aus.

Santoul und seine Kollegen schreiben, dass die Welse bis zu 286 mal mehr Phosphor und bis zu 56 mal mehr Stickstoff in das Flusswasser abgeben als bisher bekannte Fischvorkommen im Süßwasser. Sie sprechen von einem biogeochemischen Hotspot, also einen Bereich, in dem weit mehr Nährstoffe zur Verfügung stehen als genutzt werden können. Vielleicht ist das auch ein Grund, mit dem Baden in der Rhône in Zukunft etwas zurückhaltender zu sein. Andererseits durchfließen den betrachteten Flussabschnitt nach Angaben der Wissenschaftler etwa 150.000 Liter Wasser - pro Sekunde.

chs

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