Raffiniertes Sinnesorgan Alligatoren jagen mit Gefühl

Um ihre Beute zu finden, brauchen Alligatoren weder Augen noch Ohren: Mit Hautsensoren im Gesicht können sie, wie eine US-Biologin entdeckt hat, noch schwächste Wellen wahrnehmen.


Alligator: Empfindliche Stellen am Kiefer
Adam Britton

Alligator: Empfindliche Stellen am Kiefer

Ein Wassertropfen genügt, um einen lauernden Alligator zu alarmieren - selbst bei völliger Stille und Dunkelheit. Die Reptilien, die in der Nacht halb untergetaucht auf ihre Opfer warten, besitzen am Unterkiefer druckempfindliche Rezeptoren. Mit dem außergewöhnlichen Fühlsystem können sie winzige Bewegungen der Wasseroberfläche registrieren, berichtet Daphne Soares von der University of Maryland im Fachmagazin "Nature".

Die Wirksamkeit des Sinnessystem, das aus einer Vielzahl kleiner Hauterhebungen besteht, bewies die Biologin mit einem Verhaltensexperiment: Sie blockierte bei Jungtieren der Spezies Alligator mississippiensis den Gehörgang und setzte sie bei Dunkelheit in flaches Wasser. Anschließend filmte Soares mit einer Infrarot-Kamera die Reaktion der Nachwuchsjäger auf einzelne Tropfen, die auf die Wasseroberfläche schlugen.

Druckrezeptoren beim Alligator: Verzweigtes Nervengeflecht
Adam Britton

Druckrezeptoren beim Alligator: Verzweigtes Nervengeflecht

Kurz nachdem sie die Welle erreicht hatte, warfen die Tiere ihren Kopf oder den ganzen Körper in Richtung der vermeintlichen Beute und schnappten ins Leere. Dieses Verhalten setzte aber nur dann ein, wenn die Sinneszellen im Gesicht Kontakt mit der Wasseroberfläche hatten. Waren die Alligatoren ganz abgetaucht oder ihre Hautorgane mit einem Plastikband abgeklebt, blieb die Reaktion aus.

Die Rezeptoren, über die auch andere Arten aus der Gruppe der Krokodile verfügen, dienen nach Ansicht der Wissenschaftlerin hauptsächlich der Ortung von Beute. "Die Tropfen verursachen ähnliche Wellen wie zum Beispiel ein Küken, das ins Wasser fällt", erklärt Soares. Allerdings hält sie zusätzliche Funktionen für möglich: "Krokodile nutzen die Wasseroberfläche auch zur Kommunikation, zum Beispiel durch Schläge mit dem Kopf."

Auf den empfindlichen Stellen fehlen zwar Poren oder Sinneshaare, die Haut im Bereich der dunklen Flecken ist jedoch dünner als normal. Unter jedem Rezeptor befindet sich, wie die Forscherin herausfand, ein verzweigtes Nervengeflecht. Dieses leitet den Reiz über den so genannten Trigeminusnerv weiter, der bei vielen Wirbeltieren mit spezialisierten Sinnesorganen verknüpft ist - bei Schlangen zum Beispiel mit einem Infrarotsensor.

Durch das Studium fossiler Krokodilschädel konnte die Wissenschaftlerin die Entstehungsgeschichte des Sinnessystems entschlüsseln. Das mit den Rezeptoren verbundene Nervennetz hinterlässt auf dem Kieferknochen ein charakteristisches Muster, das sich auch bei längst ausgestorbenen Spezies findet - allerdings nur bei solchen Arten, die im flachen Wasser lebten.

"Dieses Sinnesorgan könnte sich vor rund 200 Millionen Jahren im Jura entwickelt haben", sagt Soares. "Man kann sich vorstellen, wie diese enormen ausgestorbenen Krokodile nachts halb untergetaucht im Wasser saßen. Wenn ein Dinosaurier zum Trinken kam und mit seinem Maul die Wasseroberfläche durchbrach, wussten sie, wo sie ihre nächste Mahlzeit finden würden."



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