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09. Dezember 2012, 14:09 Uhr

Rattenplage auf Atlantik-Insel

Riesige Ausrottungsaktion am Ende der Welt

Von Thomas Wagner-Nagy

Im Südatlantik tobt ein stiller Überlebenskampf: Eingeschleppte Ratten haben auf der Insel Südgeorgien seltene Vogelarten beinahe zum Aussterben gebracht. Um sie zu retten, starten Forscher die wohl größte Nager-Ausrottungsaktion, die Menschen je in Angriff genommen haben.

Hamburg - Die Wanderratte hat ihren Namen nicht von ungefähr: Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt startete sie einen beispiellosen Feldzug. Die Nager eroberten über Land und als blinde Passagiere per Schiff alle Kontinente - mit Ausnahme der Antarktis - und die meisten größeren Inseln der Erde. Sogar auf Südgeorgien, einer unwirtlichen Inselgruppe im Südatlantik, 2000 Kilometer östlich der Südspitze Argentiniens, haben sich die Ratten zu einer Plage entwickelt.

Eingeschleppt wurden sie schon im späten 18. Jahrhundert mit den Schiffen von Robbenjägern. Die Allesfresser fallen über die Nester von seltenen Brutvögeln her, fressen Eier und Küken. Mittlerweile haben sie einige heimische Vogelarten an den Rand der Ausrottung gebracht. Nun wollen Forscher die Nager ausrotten, um die heimische Tierwelt zu schützen. Dazu rücken sie den Ratten mit Gift zu Leibe. Nach einer erfolgreichen Probephase auf einer kleinen Fläche im Jahr 2011 holen die Wissenschaftler des "Habitat Restoration Project" nun zum finalen Schlag aus.

Giftköder per Hubschrauber

"Eine Fläche wie Südgeorgien kann man nur aus der Luft von Ratten befreien", sagt Projektleiter Tony Martin, Artenschutzexperte an der schottischen Universität Dundee. Er und sein Team werden mit drei Hubschraubern großflächig Giftköder auf der Inselgruppe verteilen. Dabei handelt es sich um Getreidepellets, die Brodifacoum, ein hochwirksames Nagetiergift, enthalten.

Mit einer Länge von 25 Millimetern und einem Durchmesser von zwölf Millimetern haben die eigens gefertigten Köder gute Flugeigenschaften für den Abwurf aus dem Helikopter. Mit einer speziellen Technik, die Martin mit dem Zerstäuber einer Sprühflasche vergleicht, sollen die Köder auch in schwer zugängliche Ecken, etwa unter Felsen, befördert werden.

Auch Vögel werden getötet

Wenn großflächig Gift auf der Inselgruppe verstreut wird, lässt es sich nicht vermeiden, dass auch andere Inselbewohner, allen voran Vögel, darunter leiden. "Uns ist bewusst, dass wir auf die rund 30 Vogelarten Acht geben müssen, die ständig oder zur Brutzeit auf den Inseln leben", sagt Martin.

Er macht keinen Hehl daraus, dass auch viele Vögel durch das Rattengift zugrunde gehen werden. Um diese "Kollateralschäden" jedoch zu minimieren und eine ökologische Katastrophe zu vermeiden, haben die Wissenschaftler eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen getroffen. "Die meisten Vögel auf den Inseln sind Seevögel und ernähren sich von Fisch und anderen Meerestieren", erklärt Martin. "Sie rühren die Getreideköder also nicht an, wie wir in der Testphase 2011 sehen konnten."

Um die Heerscharen der Brutvögel zu schützen, wartet das Killerkommando, bis die Brutsaison vorbei ist und die meisten Tiere weitergezogen sind. Doch auch nach diesem Aussieben bleiben einige Vogelarten, die die Köder fressen und zugrunde gehen könnten. Darunter ist eine nur auf Südgeorgien heimische Entenart und die Braune Skua, ein großer Seevogel. Hier bleibt den Experten nur zu hoffen, dass sich nach dem Massensterben der Bestand wieder erholen wird.

"So bitter es klingt, selbst wenn wir jede einzelne Skua töten, kommen die Vögel trotzdem zurück, da die Jungtiere nicht auf den Inseln brüten", sagt Martin. Schon in der Probephase seien nach kurzer Zeit Enten in die rattenfreien Gebiete zurückgekehrt. Bis sich die Zahl der Brutvögel aber wieder auf den Stand vor der Entdeckung der Insel erholt, könne es aber Jahre, möglicherweise Jahrzehnte dauern.

"Wenn wir 99,9 Prozent der Ratten töten, sind wir gescheitert"

Um die Ratten gründlich zu beseitigen, muss das Gift spezielle Eigenschaften haben. Die Dosis ist so bemessen, dass die Ratte bereits nach einer Mahlzeit stirbt. Ein Unwohlsein setzt auch erst dann ein, wenn die tödliche Dosis schon erreicht ist. "Das ist enorm wichtig, denn Ratten sind zähe und sehr intelligente Tiere", sagt Martin. Wenn ihnen der Köder nach wenigen Bissen verdächtig vorkäme, könnten sie tatsächlich lernen, sich davon fernzuhalten - das Projekt wäre gescheitert.

Eine Population zu dezimieren ist das eine, sie vollständig auszurotten ein ungleich schwierigeres Unterfangen, weiß Martin. Er ist dennoch überzeugt, dass er auch die letzte Ratte aufspüren kann. "Wenn wir 99,9 Prozent der Ratten töten, sind wir gescheitert", sagt er. Denn dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Tiere wieder ausbreiten. Die Aufgabe ist daher gewaltig. Auf Südgeorgien leben mittlerweile mehr als eine Million Ratten, schätzt Martin.

Zwar ist die geplante Ausrottungsaktion die bislang größte dieser Art, doch betreten die Experten kein wissenschaftliches Neuland. "Solche Aktionen sind nicht ungewöhnlich. Wissenschaftler haben schon 40 bis 50 Jahre Erfahrung damit", sagt Wolfgang Nentwig vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. Dutzende von atlantischen und ozeanischen Inseln seien in der Vergangenheit von tierischen Eindringlingen befreit worden. Diese hatten aber nicht annähernd die Größe Südgeorgiens. Allein die gleichnamige Hauptinsel ist 160 Kilometer lang und im Schnitt 30 Kilometer breit.

Die Rattenjäger werden bis 2015 jeweils von März bis Ende Mai auf und über der Inselgruppe unterwegs sein. Das Projekt kostet etwa 7,5 Millionen Pfund (9,2 Millionen Euro) und wird größtenteils aus privaten Spenden finanziert. In drei Jahren sollen die Inseln am Ende der Welt vollständig rattenfrei sein.

Er hätte keinen Finger krumm gemacht, erzählt Martin, wenn er nicht an den Erfolg des Projekts glauben würde. "Wir wollen nicht gehen, ehe wir auch die letzte Ratte beseitigt haben." Mit welchem Recht Martin und seine Kollegen kurz vor der Antarktis zum zweiten Mal in den Lauf der Natur eingreifen? "Wir haben hier die Chance, 200 Jahre menschengemachten Schaden innerhalb kurzer Zeit rückgängig zu machen. Wir sollten sie nutzen."

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