Krebskranke Ratten: Der kalkulierte Genmais-Schock

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Erschütternde Bilder von mit Tumoren übersäten Ratten, dazu das Reizwort Genmais: Eine neue Studie schürt die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen. Dabei ist sie ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft nicht sein sollte - denn sie zeigt vor allem die geschickte Lobbyarbeit der Forscher.

Umstrittene Untersuchung: Genmais und Tumorratten Fotos
AP

Hamburg - Wenn es darum ging, eine Debatte zu entfachen, war die Aktion ein voller Erfolg. Nachdem französische Forscher eine Studie veröffentlichten, wonach genveränderter Mais der Sorte NK603 Krebs bei Ratten fördert, wird erneut heftig über die Sicherheit von gentechnisch veränderten Pflanzen diskutiert.

Doch nun mehren sich Zweifel an der Analyse. Viele Experten haben die Studie von Gilles-Eric Séralini und seinen Kollegen bereits kritisiert. Die Methodik sei zweifelhaft, es fehlten wichtige Daten. Die Kontrollgruppen seien zu klein. Die erhöhten Krebsraten in einigen der Testgruppen könnten genauso gut auf Zufall beruhen. Verschiedene Behörden prüfen derzeit die Untersuchung.

Der Fall zeigt, dass sowohl in der Wissenschaft als auch in den Medien einiges schief läuft, sobald es um gentechnisch veränderte Pflanzen geht. Das Dilemma ist schnell zusammengefasst: Auf der einen Seite stehen große Firmen wie Monsanto Chart zeigen, die ein Interesse daran haben, dass ihre Produkte als unbedenklich eingestuft werden.

Auf der anderen Seite stehen Forscher wie Séralini, die seit Jahren daran arbeiten, die Gefahr durch gentechnisch veränderte Pflanzen zu beweisen. Gerade ist in Frankreich ein neues Buch von Séralini zum Thema erschienen - eine paar Tage nach der medienwirksamen Veröffentlichung der Ratten-Studie; der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein.

Sperrfrist-Regel neu definiert

Dass die Gruppe um Séralini bei dieser Veröffentlichung einer klaren Agenda gefolgt ist - mit der sie großen Erfolg hatte - zeigt ihr Umgang mit den Medien. Grundsätzlich gibt es zwischen Forschern, den Verlagen der Fachmagazine und Wissenschaftsjournalisten ein etabliertes System: Berichterstatter können einige Tage vor dem Veröffentlichungsdatum Studien unter Sperrfrist einsehen und andere Wissenschaftler kontaktieren, um eine Einschätzung dazu zu bekommen. Das soll eine ausgewogene Darstellung gewährleisten.

Im aktuellen Fall lief es aber anders, wie im Blog "Embargo Watch" nachzulesen ist. Die Plattform setzt sich kritisch mit dem Sperrfrist-System auseinander. Der Sustainable Food Trust, der die Öffentlichkeitsarbeit für diese Studie übernommen hatte, kontaktierte einige Journalisten: Sie könnten den Fachartikel vorab bekommen - aber nur, wenn sie schriftlich zusicherten, keine anderen Experten vor dem Ende der Sperrfrist dazu zu befragen. "Entschuldigung Leute, aber das ist ein unerhörter Missbrauch des Sperrfrist-Systems", schreibt Blogautor Ivan Oransky, der bei der Nachrichtenagentur Reuters arbeitet und an der New York University Medizin-Journalismus unterrichtet.

Da es gerade für Nachrichtenagenturen extrem wichtig ist, schnell über ein Thema zu berichten - und klar war, dass diese Studie viele interessieren würde - ließen sich offensichtlich einige auf den faulen Handel ein. Die erste Meldung auf Deutsch kam vormittags am 19. September von der AFP - sie beruhte auf Informationen internationaler AFP-Meldungen. Unter der Überschrift "Studie: Mit Genmais gefütterte Ratten sterben früher an Krebs" gab sie die Studienergebnisse sowie Zitate von Séralini wieder; Kritik fehlte natürlich. Ähnlich früh veröffentlichte Reuters eine Meldung auf Englisch, in der immerhin darauf hingewiesen wurde, dass die Forschergruppe es Reportern nicht erlaubt hätte, vor der Veröffentlichung Meinungen anderer Wissenschaftler einzuholen.

Erschütternde Bilder unterstreichen die Botschaft

Erst später, als die Medien Kommentare anderer Forscher einholten, wurde das Bild relativiert. Aber da war die Botschaft natürlich längst draußen. Und da es sowieso eine große Voreingenommenheit gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen gibt, fiel sie sicher auf fruchtbaren Boden. Obwohl das ZDF beispielsweise schon für seinen ersten Bericht zum Thema kritisiert wurde, berichtete es am 24. September erneut über die Studie, ohne überhaupt zu erwähnen, dass es ernsthafte Zweifel an den Ergebnissen gibt.

Um die Geschichte abzurunden, gaben Séralini und seine Kollegen noch einige Bilder frei, in denen Ratten mit extrem großen Tumoren zu sehen sind. Diese Fotos sind erschütternd - und unterstreichen damit perfekt die Botschaft, wie gefährlich doch Genmais sein muss. Nur wenn man weiß, dass diese für Laborversuche gezüchteten Ratten ab einem gewissen Alter fast alle Tumore entwickeln, wird die Botschaft eine andere. Dann stellt sich eher die Frage, wieso die Wissenschaftler die offensichtlich leidenden Tiere so prominent in Szene setzen mussten, anstatt sie zu einem früheren Zeitpunkt einzuschläfern.

Mit Wissenschaft, die immer auch von der Kritik anderer lebt, hat das Verhalten von Séralini und seinen Kollegen gegenüber den Medien nichts zu tun. Es ist Lobbyismus. Man kann ihnen also dasselbe vorwerfen wie ihren erklärten Gegnern bei Monsanto.

Es wäre schön, wenn sich das Fachmagazin "Food an Chemical Toxicology", in dem die Studie erschienen ist, selbst an einen Rat gehalten hätte, den Forscher in diesem Blatt nur ein knappes Jahr vorher gegeben hatten. Ein Team um Chelsea Snell hatte zwölf Langzeitstudien zu den Gesundheitsrisiken von gentechnisch veränderten Pflanzen ausgewertet. Ihr Fazit: Die grundlegenden Mängel in einiger dieser Studien unterstrichen, dass man die Prüfung vor der Veröffentlichung solcher Untersuchungen verbessern sollte. "Das würde helfen, Verwirrung in Publikumsmedien verhindern, die möglicherweise nicht in der Lage sind, die tatsächliche wissenschaftliche Qualität dieser Studien einzuschätzen."

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1. Glaubenskriege
lscpilot 28.09.2012
Es ist schon ein elendes Schauspiel wie Menschen mit Spezialkenntnissen, die sich gern als Wissenschaftler ansprechen lassen, Diskussionen, die sich in ihrer Art und Weise nur als Glaubenskriege bezeichnen lassen, befeuern. Kein Wunder wenn sich schlichte Gemüter und andere Gutmenschen dadurch zu Gewalttaten hinreißen lassen. Wo ist da noch der Unterschied zu religiös begründeten Ausschreitungen?
2.
Olaf 28.09.2012
Zitat von sysopErschütternde Bilder von mit Tumoren übersäten Ratten, dazu das Reizwort Genmais: Eine neue Studie schürt die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen. Dabei ist sie ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft nicht sein sollte - denn sie zeigt vor allem die geschickte Lobbyarbeit der Forscher. Ratten-Versuch von Seralini: Der kalkulierte Genmais-Schock - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ratten-versuch-von-seralini-der-kalkulierte-genmais-schock-a-858029.html)
Ein guter Artikel der einen Blick hinter die Kulissen der Nachrichtenindustrie erlaubt und sich selbstkritisch mit deren Regeln auseinander setzt. So etwas ist selten.
3. Genau das!
Helotie 28.09.2012
Zitat von sysopErschütternde Bilder von mit Tumoren übersäten Ratten, dazu das Reizwort Genmais: Eine neue Studie schürt die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen. Dabei ist sie ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft nicht sein sollte - denn sie zeigt vor allem die geschickte Lobbyarbeit der Forscher. Ratten-Versuch von Seralini: Der kalkulierte Genmais-Schock - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ratten-versuch-von-seralini-der-kalkulierte-genmais-schock-a-858029.html)
Wurde in dem Kriminalroman "Kinderkrebs" vorweggenommen! Alle Bauern, die Genmais verfüttern und die Tiere lange genug leben lassen, berichten von merkwürdigen Krankheiten. Warum soll das bei Menschen nicht auch so sein? Überall in der Industrienahrung ist Gensoja verbastelt. Auch in JEDER Schokolade! Und 99% allen Soja IST Gensoja. Wir verbeugen uns unkritisch vor der kapitalistischen Wirtschaft, ohne zu merken, daß wir nur deren Kollateralschaden sind. Spätestens wenn unsere Kinder krepieren, wird aufgeräumt. Aber eben zu spät!
4. .
frubi 28.09.2012
Zitat von sysopErschütternde Bilder von mit Tumoren übersäten Ratten, dazu das Reizwort Genmais: Eine neue Studie schürt die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen. Dabei ist sie ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft nicht sein sollte - denn sie zeigt vor allem die geschickte Lobbyarbeit der Forscher. Ratten-Versuch von Seralini: Der kalkulierte Genmais-Schock - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ratten-versuch-von-seralini-der-kalkulierte-genmais-schock-a-858029.html)
Geschicke Lobbyarbeit wurde doch bisher ausschließlich von den Vertreibern und Entwicklern von Genfood Produkten betrieben und jetzt wird das einmal anders herum gespielt und schon ist es ein Skandal? Wirkt auch mich, als hätte die Gen-Lobby diesen Bericht hier auf SPon forciert.
5. ....
lordas 28.09.2012
Zitat von sysopErschütternde Bilder von mit Tumoren übersäten Ratten, dazu das Reizwort Genmais: Eine neue Studie schürt die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen. Dabei ist sie ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft nicht sein sollte - denn sie zeigt vor allem die geschickte Lobbyarbeit der Forscher. Ratten-Versuch von Seralini: Der kalkulierte Genmais-Schock - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ratten-versuch-von-seralini-der-kalkulierte-genmais-schock-a-858029.html)
Nach meiner Einschätzung muss man Ergebnisse, die einer bestimmten Substanz ein bestimmtes Krebsrisiko zuordnen, generell skeptisch gegenübertreten. Nicht weil die Ergebnisse falsch sein könnten oder keiner "guter wissenschaftlicher Praxis" entsprechen. Sondern vielmehr, weil Krebs an sich noch nicht endgültig erforscht ist. Ein belastbares Modell zu seiner Entstehung und Vorhersage bezüglich auslösender Faktoren, gibt es meines Wissens nicht. Die ganzen Erkenntnisse von krebsauslösenden Faktoren kommen meistens dadurch zustande, indem man Versuchstiere den Substanzen (die die man untersuchen möchte) in (teilweise) sehr großen Mengen aussetzt. Dann wird prüft, ob sich eine statistisch relevante Häufung von Krebserkrankungen zeigt. Das alles resultiert dann in einer Aussage, in wie weit die eingenommene Substanz das Krebsrisiko erhöht. Auch in diesen Fall gehe ich davon aus, dass nicht ausnahmslos alle Ratten an Krebs erkrankt sind, sondern eben nur ein (statistisch relevanter) Teil. Die Aussage x Ratten von unserer Stichprobe n, sind an Krebs erkrankt, verkauft sich natürlich schlechter als die Aussage vom Krebsmais. Vor allem da ja Gentechnologie von vielen möchtegern Umweltschützern verteufelt wird und dementsprechend von ihnen dankbar angenommen wird.
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Fakten zur Genmais-Studie
Zu diesem Ergebnis kommen Seralini und Kollegen
Sie berichten, dass die Tumorrate von Ratten, die mit gentechnisch verändertem Mais der Sorte NK603 (patentiert von Monsanto) gefüttert wurden und/oder das Herbizid Roundup in ihrer Nahrung hatten, schneller Krebs und andere Krankheiten entwickelten als Tiere, die konventionellen Mais und kein Roundup erhielten.
Da eine höhere Dosis Mais oder Roundup die Effekte nicht verschlimmerte, folgern sie, dass es eine bestimmte - niedrige - Schwelle gebe, aber die diese Auftreten. Eine höhere Dosis richte dann eben nicht noch mehr Schaden an. Die Forscher betonen, dass sie die Ratten zwei Jahre lang so fütterten und beobachteten, so dass ihre Studie wertvoller sei als die sonst nur 90 Tage dauernden Fütterungsversuche.
Das wird an der Studie kritisiert
Die Forscher teilten die Ratten in zwei Mal zehn Gruppen ein, mit entweder zehn Männchen oder zehn Weibchen. Es gab neun Gruppen, die entweder Genmais, mit Roundup behandelten Genmais oder mit Roundup versetztes Wasser vorgesetzt bekamen. Dazu kam aber nur eine Kontrollgruppe. Das ist angesichts der vielen Versuchsgruppen auf jeden Fall unglücklich. Besser wäre es gewesen, mehrere Kontrollgruppen zu haben. Dabei hätte sich zum Beispiel gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen zwei Kontrollgruppen sein können.
Die Ratten in den Versuchsgruppen erhielten zum Teil einen unterschiedlichen Anteil an gentechnisch verändertem Mais im Futter, nämlich 11, 22 oder 33 Prozent.
Die Ratten, die im Experiment eingesetzt wurden, erkranken im Alter sehr, sehr oft an Krebs, insbesondere, wenn ihr Nahrungsangebot nicht begrenzt wird.
Mehrere Forscher beklagten, dass wichtige Daten fehlten, insbesondere über die Kontrollgruppen.
Die statistische Auswertung wurde ausgiebig kritisiert. Es gibt gute Möglichkeiten, solche Statistiken sauber aufzubereiten - das ist hier schlicht nicht der Fall.
Dass die Ratten, die eine höhere Dosis gentechnisch veränderten Mais erhielten, zum Teil deutlich länger überlebten als die mit einer niedrigen Dosis - oder die Kontrollgruppe, lässt zudem zweifeln, ob die Ergebnisse nicht durch reinen Zufall erklärt werden können. . Das ist angesichts der vielen Versuchsgruppen auf jeden Fall unglücklich. Besser wäre es gewesen, mehrere Kontrollgruppen zu haben. Dabei hätte sich zum Beispiel gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen zwei Kontrollgruppen sein können.
Was NK603-Mais von konventionellem Mais unterscheidet
Was für eine Maissorte wurde überhaupt untersucht? NK603 gehört zu einer Gruppe von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen, die gegen ein bestimmtes Herbizid resistent sind. Dieses wurde lange von Monsanto allein unter dem Namen Roundup vertrieben. Inzwischen ist der Patentschutz jedoch in vielen Ländern abgelaufen. Der wissenschaftliche Name lautet Glyphosat.
Glyphosat greift in einen grundlegenden Stoffwechselprozess von Pflanzen ein, den sogenannten Shikimatweg. Pflanzen (und Mikroorganismen) produzieren über diesen Weg mehrere Aminosäuren, die Bausteine von Proteinen sind. Glyphosat kappt diesen überlebenswichtigen Prozess, indem es verhindert, dass ein Enzym mit dem sperrigen Namen 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat-Synthase (oder kurz: EPSPS) seine Aufgabe erfüllen kann. Bei Tieren, also auch beim Menschen, gibt es keinen Shikimatweg. Sie müssen die entsprechenden Aminosäuren über die Nahrung aufnehmen. Daraus lässt sich natürlich nicht einfach schlussfolgern, dass Glyphosat für Menschen unschädlich ist.
NK603 wurde ein Gen hinzugefügt, das aus einem Bakterium stammt. Es enthält einen Bauplan für eine Form von EPSPS, auf die die Blockade durchs Glyphosat nicht wirkt. Die Pflanzen können daher mit Glyphosat besprüht werden und trotzdem wachsen.