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Raubbau im Regenwald: Wie die Orang-Utan-Waisen von Borneo leiden

Sie haben gesehen, wie ihre Mütter abgeschlachtet wurden: Traumatisierte Orang-Utans müssen auf Borneo mühsam wieder in die Natur integriert werden, berichtet National-Geographic-Fotograf Mattias Klum im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Was war die gefährlichste Situation, die Sie je erlebt haben?

Mattias Klum: Wenn man nah an Tiere herangeht, muss man natürlich vorsichtig sein. Zum Beispiel als ich die Königskobra fotografierte, die längste Giftschlange der Welt. Es sind aber gar nicht mal so sehr die Tiere - meistens sind es eher die vermeintlich kleinen Gefahren, wie Malaria oder Dengue-Fieber. Tatsächlich war es die Malaria, die mich fast umgebracht hätte.

SPIEGEL ONLINE: An welche Gefahrensituationen erinnern Sie sich bei Ihrem letzten Auftrag?

Mattias Klum: Nun, auf Borneo ging die Gefahr eher von den Menschen als von den Tieren aus. Wir waren nicht immer willkommen, als wir illegale Regenwald-Abholzungen fotografierten. Manchmal mussten wir flüchten. Bei einer früheren Expedition fiel ich fast in eine Höhle - ein Penan (nomadisch lebende Ureinwohner Borneos, d. Red.) zog mich wieder heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhindern Sie so etwas?

Mattias Klum: Die wahre Gefahr ist, dass man sich an die Umstände gewöhnt. Man wird nachlässig. Das ist aber nicht akzeptabel, wenn man klettert, taucht oder mit Tieren umgeht. Man muss zum Kontroll-Freak werden…

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Kontroll-Freak?

Mattias Klum: Das kommt wohl drauf an… Ich muss jedenfalls sehr gut planen, um meinen Beruf gut machen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Seit 20 Jahren besuchen Sie Borneo nun…

Mattias Klum: Ja, ich war 1988 das erste Mal dort. Ich war gerade mal 20. Meine längste Expedition war 1995/1996 und dauerte 14 Monate.

SPIEGEL ONLINE: Warum mögen Sie die Insel so sehr?

Mattias Klum: Borneo ist einer meiner Lieblingsplätze auf der Welt. Es hat einen der ältesten Regenwälder - oder was davon geblieben ist. Es gibt weltweit einmalige Anpassungen, verschiedene Waldarten und Ökosysteme, eine große Bandbreite an Tieren. Das alles ist sehr interessant. Dass es zwischen den Ländern Indonesien, Malaysia und Brunei aufgeteilt ist, macht es noch interessanter - allerdings auch viel schwieriger zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Darum kommen Sie immer wieder dorthin?

Mattias Klum: Ich hatte das Gefühl, dass all das dokumentiert werden musste. Die Regenwälder verschwinden so schnell.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Land in dieser Zeit verändert?

Mattias Klum: Seit den siebziger Jahren und auch vorher schon wurde die Insel völlig industrialisiert, die Zerstörung schritt immer schneller voran. 75 Prozent des Regenwaldes im Tiefland ist schon verschwunden. Das gesamte hochsensible Ökosystem ist in großer Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das anhand einer konkreten Situation beschreiben?

Mattias Klum: "National Geographic" wollte, dass ich eine Geschichte über die Penan mache, die sich von wilden Bartschweinen und Palmfarn ernähren. Das Problem aber war: Die Penan konnten in der Region, wo ich war, überhaupt keine Schweine mehr finden. Zudem waren die Flüsse so verschlammt von der illegalen Abholzung, dass sie auch keinen Palmfarn mehr anbauen konnten. Ich musste "National Geographic" die Story letztlich absagen. Aber daraus ergab sich nun die Borneo-Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Leute verändert?

Mattias Klum: Die Holzindustrie - ehemals eine Goldgrube - ist kollabiert. Viele Leute sind nun arbeitslos, die Kluft zwischen arm und reich ist größer geworden. Es gibt viel illegale Abholzung und Korruption - mit verheerenden Folgen für die Regenwälder.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man die Regenwälder erhalten?

Mattias Klum: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage... Wir müssen sicherstellen, dass wir ihn nicht zu Tode konsumieren, weil wir Palmöl-Produkte oder tropische Hölzer kaufen. Das macht enorm viel aus.

In Borneo ist es schwierig - man kann den Leuten nicht einfach vorschreiben, das Land nicht nutzen zu dürfen. Sie müssen irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nur müssen wir es schaffen, das nachhaltig zu tun. Es ist ein sehr schwieriger Balanceakt.

SPIEGEL ONLINE: Wilde Orang-Utans sieht man selten in Borneo. Sind Sie dieses Mal einigen begegnet?

Mattias Klum: Es braucht viel Geduld und harte Arbeit, sie zu fotografieren. Ich habe viele Orangs über die Jahre fotografiert. Dieses Mal habe ich verwaiste Orang-Utans fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden sie zu Waisen?

Mattias Klum: Da passieren schreckliche Dinge: Durch illegale Abholzung wird ihnen der Lebensraum entzogen, die Mütter sind mit ihren Jungen irgendwann gefangen im abgeholzten Niemandsland. Schließlich geraten sie in Plantagen - auf der Suche nach Nahrung. Die Leute finden sie dort, töten die Affenmütter und behalten die jungen Orangs als Haustiere. Wenn sie dann aber größer werden, sind sie ihnen nicht mehr niedlich genug und die Leute versuchen, die Affen zu verkaufen. Das ist natürlich höchst illegal.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit diesen Affen?

Mattias Klum: Sie sind schwer traumatisiert, mussten mit ansehen, wie ihre Mütter getötet wurden. Alleine würden sie nicht überleben. Es gibt Organisationen, die versuchen, die Orang-Waisen wieder in die Natur zu integrieren. Das kann allerdings Jahre dauern.

Es ist wirklich bitter: Der Mensch, der für all das verantwortlich ist, muss dem Affen wieder beibringen, Affe zu sein. Es ist eine sehr traurige Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Welches Foto haben Sie noch nicht gemacht und möchten Sie gerne noch aufnehmen?

Mattias Klum: Jeder Auftrag ist eine Herausforderung. Manchmal gelingt es, mit Fotos etwas wirklich einzufangen, eine Geschichte zu erzählen. Diese Bilder sind wie Inseln in der Zeit. Und manchmal berühren sie die Menschen. Mein Traumfoto veranlasst die Menschen, sich um etwas zu kümmern, und löst eine positive Wendung aus.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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