Rauhe Sitten Erdmännchen fressen fremden Nachwuchs

Erdmännchen gelten zu unrecht als soziale Tiere - zumindest was trächtige Weibchen betrifft. Die töten und fressen sie den Nachwuchs von Konkurrentinnen und ranghöheren Weibchen - obwohl sie eigentlich für die kollektive Brutpflege zuständig wären.


Erdmännchen gelten als äußerst gesellig. Sie teilen sich die Brutpflege, Weibchen säugen sogar die Nachkommen anderer Tiere. Und im Bau, der in der Halbwüste vor der Mittagshitze schützt, verkriechen sich die Tiere dieser Mangusten-Art ebenfalls gemeinsam.

Erdmännchen: Zu fremdem Nachwuchs manchmal gar nicht nett
Andrew Young, University of Cambridge

Erdmännchen: Zu fremdem Nachwuchs manchmal gar nicht nett

Vor kurzem aber haben Forscher beobachtet, dass trächtige Erdmännchen die rangniedrigeren Weibchen kurz vor der Niederkunft aus dem Bau gejagt haben. Warum sollten die Weibchen dies ausgerechnet in dieser Situation tun? "Wir haben uns gleich gedacht, dass da etwas nicht stimmt", sagt Andrew Young, Zoologe an der University of Cambridge.

In neunjähriger Beobachtungsarbeit hat Young mit seinem Forschungsteam ein Verhalten beobachtet, das die possierlichen Halbwüstenbewohner als regelrechte Killer-Kindermädchen dastehen lässt. Der Rauswurf der Untergebenen vor der Geburt diene vor allem einem Zweck: den eigenen Nachkommen das Leben zu retten, wie Young und sein Kollege Tim Clutton-Brock im Fachblatt "Biology Letters" schreiben.

Die Verhaltensökologen haben sich in der südafrikanischen Kalahari auf die Lauer gelegt und beobachtet. "Wir sahen rangniedrige Weibchen, wie sie Neugeborene an die Oberfläche gebracht haben - um sie zu töten", sagt Young im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Danach hätten die Erdmännchen-Damen den Nachwuchs der Konkurrenz verspeist.

Von den Weibchen an der Spitze der Rangordnung war das - wie bei vielen anderen Tierarten auch - bekannt. Das unerfreulich anzusehende Verhalten passte in die evolutionäre Sichtweise der Zoologen: Dominante Tiere stellen in erster Linie die Weitergabe ihrer Gene sicher. Da war es sogar sinnvoll, dass die Untergebenen fürs Babysitting eingespannt wurden. Alle Erdmännchen in einer Gruppe waren miteinander verwandt: Sie spielten also für Neffen, Nichten oder ähnlich nah Verwandte das Kindermädchen.

Das war nur ein scheinbarer Widerspruch zum plötzlichen Blutrausch, den Young und seine Kollegen beobachtet haben. Bei genauerem Hinsehen bemerkten die Forscher den entscheidenden Faktor: "Wir haben keinen Hinweis darauf finden können, dass Erdmännchen jemals Neugeborene töten, wenn sie nicht selbst schwanger sind." Die Sorge um die eigene Brut im Bauch löse also den Killerinstinkt in den sonst unterwürfigen Weibchen aus.

Obwohl die Kinder von rangniedrigen Tieren von vorneherein niedrigere Überlebenschancen hätten, "benutzen sie doch alle Tricks, um diese Chancen zu maximieren", meint Young. Der Mord am Nachwuchs des dominanten Weibchens vermindere das Risiko für die eigenen Kinder, das gleiche Schicksal zu erleiden. Und für mehr Kindermädchen pro Neugeborenes sorge dieses Verhalten auch.

John Hoogland von der University of Maryland nannte diese Erkenntnisse "faszinierend". Kindermord durch Rangniedrigere sei unter Tieren eine Seltenheit. Hoogland untersucht Tötungen von Nachwuchs unter Präriehunden. "Wahrscheinlich ist so etwas aber bei vielen sozialen Spezies üblich", sagte er dem Online-Nachrichtendienst "Science Now".

stx



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