Für die deutschen Polarforscher ist die Angelegenheit misslich - nicht zuletzt weil einige der Inuit-Vertreter kritisieren, die Messarbeiten seien nichts weiter als eine Vorarbeit für die Förderung von Öl und Gas in Kanadas Arktisgebiet. Beim AWI dementiert man das durchaus glaubhaft. Doch dass das Thema Offshore-Ölförderung in der Arktis nach dem Untergang der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko für Diskussionen sorgen könnte, hätte man sich in Bremerhaven und Hannover möglicherweise trotzdem denken können.
Vielleicht hätte man die Menschen vor Ort mit Argumenten von der Unverfänglichkeit und der Gefahrlosigkeit des Vorhabens überzeugen können. Doch das hat niemand so recht versucht. "Da hätten wir vielleicht im Vorfeld mehr tun müssen", gesteht Glaziologe Miller ein - und wirkt doch einigermaßen ratlos. Hatten doch die kanadischen Kollegen versprochen, die Erklärungsarbeit in den Inuit-Gemeinden zu übernehmen.
Denn gefährlich, sagt Miller, nein, gefährlich seien die geplanten Untersuchungen für Meeressäuger nicht gewesen. Da sei man sich sicher. Wenn sich ein Wal dem Schiff auch nur auf einem Kilometer genähert hätte, wären die Arbeiten sofort gestoppt worden.
Zweites Großexperiment bekommt Probleme
Hätte, wäre.
Tatsache ist, dass bereits im vergangenen Sommer ein Experiment der "Polarstern" für hitzige Debatten gesorgt hatte. Damals ging es um eine groß angelegte Algendüngung im Südozean. Mit ihr wollte ein indisch-deutsches Forscherteam die Frage klären, ob durch Eisen stimuliertes Algenwachstum größere Mengen Kohlendioxid aus der Luft holen kann. Umweltschützer hatten den Plan harsch kritisiert. Durchgeführt wurde der Versuch nach einiger Verzögerung trotzdem. Mittlerweile steht fest, dass die Algen wohl nicht zur Lösung unseres CO2-Problems herangezogen werden können.
Mit dem Kanada-Streit hat die Besatzung der "Polarstern" nun schon wieder ein Problem - auch wenn sie sich, außer vielleicht einer Portion Naivität, im Prinzip nichts vorwerfen lassen muss. Für die kanadische Regierung ist die Angelegenheit hingegen dramatisch: Ottawa erklärt seit Jahren, sich in Zukunft mehr um den hohen Norden kümmern zu wollen. Derzeit sammelt eine gemeinsame Expedition mit den USA sogar Daten zur Ausweitung des kanadischen Gebiets vor den Küsten der nördlichen Inseln.
Doch die einstweilige Verfügung macht den Bürokraten der kanadischen Zentralregierung eines klar: Die Zukunft der Arktis kann nicht ohne deren Bewohner entschieden werden. Dass die durchaus Interesse an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen haben können, beweist ein Blick nach Grönland. Dort werden gerade rund 200 Kilometer vor der Küste Testbohrungen nach Öl in den Meeresboden getrieben.
Weil sie sich von der Regierung in Ottawa übergangen fühlen - und weil sie von eventuellen Öleinnahmen nichts behalten dürften - sind die Inuit von Nunavut mit solchen Perspektiven aber nicht zu ködern. Zum Glück möchte man sagen. Einstweilen nutzen sie den Reichtum direkt vor ihrer Tür deswegen anders: Einen Tag nach der Gerichtsentscheidung erlegten die Jäger der Ortschaft Pond Inlet einen Grönlandwal im Lancaster Sound. So habe man beweisen wollen, dass die Tiere wichtig seien und nicht gestört werden dürften, erklärten sie anschließend.
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